Gegen Hass im Netz sind Klarnamen keine Lösung

    Kommentar4. Jänner 2019, 18:09
    989 Postings

    Gegen Hasspostings hilft nur eine sorgfältige und empathische Moderation – STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek zur Klarnamen-Diskussion

    Es gibt einen Raum, in dem jeder mit seiner Meinung Millionen Menschen erreichen kann; einen Raum, in dem Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten miteinander diskutieren. Dieser Raum ist das Internet, und in Österreich ist das insbesondere das STANDARD-Forum, in dem täglich bis zu 40.000 Debattenbeiträge erscheinen – die größte Community eines Mediums im deutschsprachigen Raum. Darunter sind viele kluge, witzige, nachdenkliche, visionäre Beiträge. (Auch dumme Beiträge gibt es, die Meinungsfreiheit gilt auch für ihre Autoren.) Und natürlich gibt es, wie überall in der Gesellschaft, auch Hass – knapp fünf Prozent der Beiträge.

    Gegen Hass im Netz will die Regierung nun vorgehen. Das ist grundsätzlich begrüßenswert. Hinter den Kulissen geht es allerdings auch generell um das STANDARD-Forum; immer wieder äußern sich Regierungspolitiker kritisch über jenen Raum, in dem die Message-Control einfach nicht funktioniert. Im Forum kann jeder mit seiner Botschaft die gesamte Leserschaft des STANDARD erreichen – potenziell 2,5 Millionen Menschen. Überlegt wird eine "Klarnamenpflicht", bei der man nur noch unter seinem echten Namen Meinungen veröffentlichen darf. Teile der ÖVP wollen das, die FPÖ ist eher dagegen.

    Seit Tagen läuft nun eine Kampagne der Gratiszeitung Österreich gegen das STANDARD-Forum. Ziel der Kampagne ist, die FPÖ umzustimmen. Dafür nutzt Österreich einen sehr sensiblen Moment im Leben des Vizekanzlers: die Geburt des eigenen Kindes. Heinz-Christian Strache ist gerade Vater geworden, manche Kommentare in Onlineforen sowie auf Facebook und Twitter waren gehässig. Diese Kommentare wurden hervorgeholt, bevor sie entfernt werden konnten, um den FPÖ-Chef zu beeinflussen. Aus der Argumentation erkennt man den wahren Grund: Im Vergleich zum STANDARD hat Österreich ein Reichweitenproblem. Hier geht es um die Beschädigung eines Mitbewerbers.

    Niemand ist im Netz anonym. Schon heute sind Betreiber von Onlineforen verpflichtet, Daten wie die IP-Adresse an Behörden weiterzugeben, wenn Gesetze gebrochen werden. Schützenswert ist jedoch die Möglichkeit, unter Pseudonym zu kommentieren. Menschen mit ausländischem Namen und Frauen sind im Netz besonders häufig von Anfeindungen betroffen; können sie nicht mehr unter Pseudonym kommentieren, verstummen viele dieser Stimmen, zeigen Studien. Auch jene mutigen Mitarbeiter aus Firmen und Behörden, die im Forum auf interne Missstände hinweisen, würden verstummen. Das wäre ein Verlust für unsere Demokratie.

    Klarnamen sind kein Mittel gegen Hass im Netz. Auf Facebook gab es jahrelang Klarnamenzwang, und dennoch ist dieses Netzwerk alles andere als frei von Hass. Die beste Methode gegen Hass im Netz ist eine sorgfältige und empathische Moderation. Das haben auch Medien wie die New York Times oder die Zeit erkannt, die selbst große Communitys haben.

    Auch der STANDARD tut das: 13 Moderatorinnen und Moderatoren sind laufend beschäftigt, die Beiträge zu prüfen. Sie löschen jene fünf Prozent an Beiträgen, die nicht den Regeln entsprechen. Das kostet Geld, aber es ist der einzige Weg, eine lebendige, vielfältige, offene Debatte sicherzustellen. Viele Leserinnen und Leser schätzen das Forum, weil sie dort mit anderen Perspektiven konfrontiert werden und sich so ihre Meinung bilden können. Diesen Raum gilt es zu schützen. (Martin Kotynek, 4.1.2019)

    • Dreizehn Leute kümmern sich beim STANDARD um Foren und Blogs. Sie löschen jene fünf Prozent an Beiträgen, die nicht den Regeln entsprechen.
      foto: corn

      Dreizehn Leute kümmern sich beim STANDARD um Foren und Blogs. Sie löschen jene fünf Prozent an Beiträgen, die nicht den Regeln entsprechen.

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