Der Mensch als QR-Code im chinesischen System

    4. Jänner 2019, 16:45
    11 Postings

    In der Kunsthalle am Karlsplatz zeigen die Medienkünstlerinnen Hui Ye und Ting-Jung Chen politisch aufgeladene, minimalistische Arbeiten

    Ein riesiges, schwarz-weißes Quadrat hängt in der Kunsthalle am Wiener Karlsplatz an einer massiven Kette von der Decke. Sacht dreht es sich, an manchen Stellen ist es durchbrochen. Der zweite Blick löst das Rätsel auf: Es handelt sich um einen übergroßen QR-Code aus Styropor.

    Einst reichte der zweidimensionale Barcode aus, um Waren zu kennzeichnen. Doch dessen Kapazität ist aufgrund seiner Zweidimensionalität begrenzt. Mit dem quadratischen Pixelfeld wurde die Zahl möglicher Kombinationen rasant erhöht und die Welt des Internets erobert.

    Auf einem Handydisplay an der Wand flimmert ein weiterer QR-Code. "Scanne diesen QR-Code, um mich auf Wechat zu adden", fordert das Telefon auf. Beide Arbeiten stammen von der Künstlerin Hui Ye (37) und führen geradewegs zum Herzstück der kleinen Schau: dem halbstündigen Video Quick Code Service über die Bedeutung und Reichweite der Handyapp Wechat im heutigen China.

    Jeder Standler ist online

    Jeder Standler in der chinesischen Markthalle, durch die Hui Yes Video unter anderem mitnimmt, hat Wechat. Mit diesem Schweizer Taschenmesser des chinesischen Digitalzeitalters kann man chatten und Videos versenden wie auf Whatsapp, hat ein Profil wie auf Facebook und kann zudem per Handy bezahlen. Das geht im Rest der Welt zwar auch – aber mit verschiedenen Diensten und nicht unter einem Dach.

    Wechat ist heute die wichtigste Kommunikationsplattform im Reich der Mitte, es ersetzt zudem Datingapps und Uber. Nutzer finden einander über QR-Codes. Für Optimisten ist das praktisch, für Kritiker bedrohlich. Das Social-Credit-System, das Bürger hinsichtlich korrekten Verhaltens im Straßenverkehr oder Kreditwürdigkeit bewertet, greift auch auf Wechat-Daten zu. Die Super-App ist nützliches Gadget und mächtiges Überwachungsinstrument.

    Seit 2004 lebt die in China geborene Künstlerin Hui Ye in Wien, studierte erst Komposition und dann Digitale Kunst. Von hier aus versucht Ye, mittels der App in ihrem Video den Kontakt zu Freunden in China zu halten. Vor den bunt gefüllten Regalen eines Asia-Marktes entwickelt sich ein Chat. Das Video spürt so auch einer Suche nach Nähe nach, der andererseits die Firewall der staatlichen Zensur im Nacken sitzt.

    Einlullendes Lied

    Ye ist Trägerin des Preises der Kunsthalle Wien. Die Auszeichnung soll jungen Künstlern den "Weg in ein von Wettbewerb und Aufmerksamkeitsökonomie geprägtes Kunstsystem erleichtern" und wurde zum vierten Mal unter Diplomarbeiten zur bildenden und medialen Kunst vergeben. Die zweite Gewinnerin dieser Ausgabe ist Ting-Jung Chen (33). Keep me close to you, der Titel der Schau, bezieht sich sinnhaft auch auf das Werk der in Wien lebenden Taiwanerin, das sanfte Töne durch den Glasbau schickt.

    "Bitte, geh niemals weg, denn ich kann keinen Tag lang ohne dich leben" oder "Halt meine Hand und halt mich fest", singen zwei Frauenstimmen ihr einlullendes Liebeslied aus einer Reihe von Lautsprechern. You Are the Only One I Care About (whisper) ist inspiriert von "Broadcast Walls", wie man sie vom Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea kennt. Durch diese beschallt das eine Land das andere mit Parolen. So offensichtlich kann Propaganda auch sein. Ein schneller Besuch lohnt. (Michael Wurmitzer, 4.1.2019)

    Bis 27. 1.

    Kunsthalle Wien

    • Die Künstlerin Hui Ye widmet sich mit "Revolving QR Code No. 2" von 2018 der chinesischen Social-Media-App Wechat.
      foto: kunsthalle wien

      Die Künstlerin Hui Ye widmet sich mit "Revolving QR Code No. 2" von 2018 der chinesischen Social-Media-App Wechat.

    Share if you care.