Ein Viertel der jüdischen Shoah-Opfer binnen dreier Monate ermordet

    Video2. Jänner 2019, 20:00
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    Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem äußert sich zurückhaltend über aktuelle Studie

    Tel Aviv – Obwohl die Shoah gut untersucht ist, sind nach wie vor Fragen zu dem entsetzlichen europaweiten Völkermord offen. Eine davon, nämlich jene nach der Geschwindigkeit, mit der kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Juden ermordet worden sind, könnte nun durch eine aktuelle Studie möglicherweise beantwortet werden: Rund ein Viertel aller jüdischen Holocaust-Opfer wurde demnach im Jahr 1942 in einer Zeit von nur drei Monaten getötet.

    Etwa 25 Prozent "der innerhalb von sechs Jahren getöteten Juden wurden in einem intensiven 100-Tage-Schub von den Nazis ermordet", berichtet der Wissenschafter Lewi Stone von der Universität Tel Aviv im Fachjournal "Science Advances". Es gehe dabei um mehr als 1,47 Millionen von insgesamt sechs Millionen getöteten Juden. Sie seien laut Stone in einem Zeitraum von August bis Oktober 1942 umgebracht worden – das wären täglich 15.000 Menschen.

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    Video: Die Zahl der Opfer, die ab 1. Jänner 1942 pro Monat zu den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka deportiert und ermordet wurden.

    Yad Vashem: Zahlen seit Jahren bekannt

    Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem äußerte sich zurückhaltend zu der Arbeit. "Auf der Basis von Gesprächen mit Historikern von Yad Vashem kann ich sagen, dass die hohe Rate von Morden an europäischen Juden in diesem Zeitraum seit Jahren bekannt ist", erklärte ein Sprecher. "Die neue Studie rechtfertigt jedoch weitere Untersuchungen."

    In seiner Studie bezieht sich Stone, Professor für mathematische Biologie vor allem auf Opfer der sogenannten "Aktion Reinhard". Der Tarnname bezeichnet die systematische Vernichtung aller Juden und Roma in den von den Deutschen besetzten Gebieten in Polen und der Ukraine. Dabei wurden zwischen 1942 und 1943 insgesamt rund 1,7 Millionen Juden von den Nazis getötet.

    Daten zu Deportationszügen als Quelle

    Genaue Aufzeichnungen über dieses Verbrechen wurden von den Nationalsozialisten allerdings gegen Kriegsende zerstört, was es bisher schwierig machte festzustellen, wie schnell der abscheuliche Plan tatsächlich umgesetzt worden ist.

    Stone wertete nach eigenen Angaben daher vor allem Zahlen des Holocaust-Forschers Yitzhak Arad zu Deportationszügen aus. Danach seien mehr als 480 Züge der Deutschen Reichsbahn von 393 polnischen Städten und Ghettos zu den drei zentralen Todeslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka gefahren. (red, APA, 2.1.2019)

    • Juden aus dem ostpolnischen Siedlce werden mit Zügen zum Vernichtungslager Treblinka deportiert (1942). Im Rahmen der "Aktion Reinhard" ermordeten die Nazis 1,7 Millionen Menschen, die meisten davon binnen weniger Wochen.
      foto: instytut pamięci narodowej

      Juden aus dem ostpolnischen Siedlce werden mit Zügen zum Vernichtungslager Treblinka deportiert (1942). Im Rahmen der "Aktion Reinhard" ermordeten die Nazis 1,7 Millionen Menschen, die meisten davon binnen weniger Wochen.

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