Forschung fotografieren, aber richtig!

    Ansichtssache1. März 2019, 08:00
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    Niemand landete mit den eigenen Arbeiten öfter am Cover wichtiger Fachblätter als Felice Frankel. In ihrem neuen Prachtband gibt sie überraschende Tipps

    Es war – wie so oft im Leben und in der Wissenschaft – ein Zufall, der Felice Frankel zur führenden Fotografin von Forschung machte: 1991 erhielt die Fotografin ein Stipendium an der Design-Fakultät der Harvard University. Doch statt dort entsprechende Design- und Architektur-Kurse zu belegen, besann sich Frankel ihrer ursprünglichen Ausbildung als Biologin und hörte sich Vorlesungen von Edward O. Wilson, Stephen J. Gould und anderen Harvard-Stars an.

    Kollegen empfahlen ihr noch den Kurs des Harvard-Chemikers George Whitesides, der für seine besonderen Vermittlungsfähigkeiten bekannt ist. Frankel war ganz angetan und lud sich in sein Labor ein, um dort Fotos zu machen, von denen eines wenig später am Cover des Wissenschaftsmagazins "Science" landete.

    foto: aaas
    Das erste "Science"-Cover von Felice Frankel aus dem Jahr 1992 visualisiert hydrophobe (also wasserabweisende) Oberflächen, die quadratisch angeordnet wurden. Auf diese ließ sie grün und blau gefärbtes Wasser tropfen. Durch den Farbkontrast und die quadratische Struktur sind die Wassertrennlinien besonders deutlich zu erkennen.

    Und als ihr Whitesides dann auch noch riet, sich als Fotografin doch ganz auf Forschung zu konzentrieren, "weil das sonst niemand macht", hatte sie ihre Berufung gefunden.

    Seit mehr als einem Vierteljahrhundert fotografiert Frankel hauptberuflich Forschung. Und es gibt wohl keine Person, die es mit ihren Arbeiten öfter auf die Titelseiten der wichtigsten Fachblätter von "Science" bis "Nature" und "Cell" gebracht hat als sie.

    Anerkennung jenseits der Forschung

    Felice Frankel, die seit vielen Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge ist, hat mit ihren Bildern, die Ästhetik und Erkenntnis auf beeindruckende Weise verbinden, aber weit über die Wissenschaft hinaus Anerkennung gefunden. Davon zeugen nicht nur zahlreiche Foto-Preise, sondern auch etliche Ausstellungen.

    felice frankel

    Für eine der jüngsten am Kennedy’s Center Art Summit wurde Frankel vom Cellisten Yo-Yo Ma engagiert, der für ihr neuestes Buch "Picturing Science and Engineering", das Anfang 2019 erschien, auch eine besonders schöne Würdigung verfasst hat.

    Dieser großzügig illustrierte und aufgemachte Band gibt einerseits einen guten Überblick über Frankels beeindruckendes Œuvre der letzten 27 Jahre mit ihren wichtigsten Fotografien aus der Welt der Wissenschaft. Zum anderen ist der Band eine Art Begleitbuch zu ihrem Online-Kurs "Making Science and Engineering Pictures", den sie auf einer Online-Lehrplattform des MIT veröffentlichte.

    Ablichten mit dem Scanner

    Das etwas andere Fotobuch beginnt mit einer Überraschung, die nicht nur für viele Forscher womöglich ein "Augenöffner" ist: Frankel zeigt im ersten Kapitel, wie sich mit einem Flachbettscanner erstaunliche Aufnahmen machen lassen. Scanner eignen sich nämlich nicht nur hervorragend dafür, kleinste Details zu erfassen. Auch ganz gewöhnliche Objekte, die damit abgelichtet werden, erscheinen wunderbar dreidimensional: Birnen ebenso wie Tomaten oder der Inhalt eines Eis.

    foto: felice c. frankel
    Ein Scanner als Fotoapparat, um Tomatenhälften abzulichten.

    Die weiteren Kapitel des Buchs sind dem "konventionellen" Fotografieren mit Spiegelreflexkameras gewidmet, dem Einsatz von Mikroskopen, der richtigen Beleuchtung oder hilfreichen Strategien, wie man Fotos richtig präsentiert. Das oft strapazierte Diktum, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte, bekommt durch Frankels Anleitungen und die illustrierenden Fotos neuen Sinn und hilft auch fortgeschrittenen Fotografen, die schon einige Erfahrung im Umgang mit "richtigen" Kameras haben.

    foto: felice c. frankel
    Kunst der Vergrößerung: die gleichen Netzstrukturen aus dem Inneren eines Computers durch verschieden starke Mikroskope fotografiert.

    Fotos mit dem Smartphone

    Als Zeitgenossin, die eine breite Leserschaft auch jenseits der Zielgruppe Wissenschaft erreichen will, kann Frankel aber auch den Vormarsch der Smartphones mit ihren immer besseren Kameras nicht ignorieren. Und sie gibt offen zu, dass sie auf ihren Reisen meist nur noch mit dem Handy unterwegs ist und mit ihm fotografiert.

    Dass sich auch damit tolle Fotos machen lassen, führt Frankel eindrucksvoll vor Augen: Mitunter kommt es nur auf den richtigen Moment an – etwa wenn sie sautierte Paprikas durch den mit Wasser beschlagenen Glasdeckel eines Kochtopfs fotografiert.

    Mithilfe von Mikroskop und Adapter werden aber auch Smartphone-Fotos von Kaffeebläschen zum ästhetischen Ereignis:

    felice c. frankel
    Einfach schön: Kaffeebläschen mit dem Smartphone unter die Lupe genommen.

    Der jüngste Band der Grande Dame der Wissenschaftsfotografie enthält also zumindest zwei Bücher: Er kann sowohl als Coffee-Table-Book genossen, aber auch als anregende Fotografierschule mit Forschungsschwerpunkt durchgearbeitet werden. Vor allem aber gibt der preiswerte Ziegel Einblicke in die Schönheit der Natur – und wie ästhetisch deren wissenschaftliche Visualisierung sein kann. (Klaus Taschwer, 1.3.2019)


    Link
    Webpage von Felice Frankel

    Buch
    Felice C. Frankel
    , "Picturing Science and Engineering", € 36,37 / 472 Seiten. Cambridge/London: MIT Press 2019

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    felice c. frankel

    Ein Frankel-Klassiker: Foto eines Ferrofluids, also einer Flüssigkeit, die auf magnetische Impulse reagiert. In ihrem neuen Buch erklärt die Fotografin en detail, wie das Foto entstand.

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