Ronald Pohls Mittel-Alter: Rufonkel waren die besten Kindheitsfreunde

    Kolumne2. Jänner 2019, 13:54
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    "Wurli" und "Kurti" machten Karriere: Weihnachten zu Bruno Kreiskys Zeiten

    In Bruno Kreiskys Tagen der Modernisierung Österreichs wurde ausgerechnet Weihnachten mit der grimmigen Entschlossenheit zum frühchristlichen Exzess gefeiert. Die Zurücksetzung alter, nicht mehr für wahr gehaltener Glaubensgewissheiten wurde mit der Sprengung der Kalorientabelle kompensiert.

    War es auch keine Frohbotschaft mehr, die das kindliche Herz erwärmte, so sprangen doch die Karpfen gebacken aus den Flüssen. Es wälzten sich kleine Halbmonde in Dünen aus Zucker. Schokoladene Fläschchen hingen, in Gold verpackt, von den Ästen der Tannen. Diese genossen bevorzugt vierschrötige Rufonkel.

    Diese Vertreter einer mysteriösen Spezies wurden von Tanten, die sonst als alleinstehend galten, zu den improvisierten Weihnachtsfeiern im erweiterten Familienkreis mitgenommen. Auf mich, einen kleinen Babyboomer, machten diese Männer mit ihrem schief sitzenden Lächeln kolossal Eindruck. Sie besaßen Hände, groß wie Abortdeckel, und gingen laut beflissener Auskunft der Tanten anspruchsvollen Tätigkeiten nach.

    Wurli und Kurti

    Solche Schaufelbagger in Menschengestalt hießen "Wurli" oder "Kurti". Sie mussten mit nichts als ihrer Hände Gewalt die Rinne um die Donauinsel gegraben haben. Die Tanten würdigten sie versonnener Blicke. Sie nahmen den herkulischen Erfüllern verschwiegener Gelüste das Geschäft des Sprechens weitgehend ab. Die Onkel vergalten es, indem sie den Kindern hoch und heilig versprachen, gemeinsam mit ihnen, bei nächster Gelegenheit, einen Drachen steigen zu lassen. Sie ahnten dunkel, dass, wenn es wieder Herbst würde, von ihrer Galanterie vonseiten der Tanten kein Gebrauch mehr gemacht würde.

    Der leise Spott, der solche Kavaliere umwehte, unterschlug jedoch die progressive Note, die den zugrunde gelegten Arrangements eignete. Sicher, die gierigsten Vertreter der Rufonkelschaft schlugen verheerende Schneisen in die friderizianischen Schlachtreihen von Mamas Bäckerei. Aber einige von ihnen machten politisch Karriere und bildeten den mächtigen Gewerkschaftsflügel der SPÖ. Ohne dessen Wohlwollen vermochte auch ein Kreisky nichts. (Ronald Pohl, 2.1.2019)

    • "Wurli" und "Kurti" oder Zeiten als Rudolf Sallinger mit ÖGB-Präsidenten Anton Benya diskutierte.
      foto: votava

      "Wurli" und "Kurti" oder Zeiten als Rudolf Sallinger mit ÖGB-Präsidenten Anton Benya diskutierte.

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