Horrorjahr 2018. Ein Rückblick, der schaudern macht

    Blog30. Dezember 2018, 11:19
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    Die politische Klimakatastrophe

    der standard

    Niemals sei er ein Neonazi gewesen, sagt der Vizekanzler nun in einem Interview. Es gibt zwar dutzende Bilder von ihm mit Neonazis, wasserdichte Recherchen, er wurde auch gemeinsam mit Neonazis festgenommen, aber er sei ja keiner gewesen. Nun gut, bei HC Strache ist tatsächlich denkbar, dass er sich dauernd mit Neonazis rumtrieb, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie Neonazis sind. Ohnehin ist ja weniger das Problem an dieser Regierung, was einer ihrer Protagonisten vor dreißig Jahren dachte und meinte, sondern dass sie heute allesamt nicht sehr viel anders denken.

    Es kann aber auch am recht entspannten Verhältnis dieser Regierung zur Wahrheit liegen. Sie machen die Lüge zur Wahrheit und die Wahrheit zur Lüge, den Hass zur Liebe, die Liebe zum Hass, sie verwandelt die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn, die Propaganda-, Fake-News-, die Hass- und Blendmaschine, die dieses Land im Griff hat.

    Frühere Regierungen bremsten und blockierten sich, in dieser stachelt man sich auf und lizitiert man sich hoch, der einzige innere Streit ist der Überbietungswettbewerb wer jetzt der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist. Könner des affektierten Stillschweigens genauso wie des lauten Gegröles, gemein, kleinlich, mal kalt herzlos menschenfeindlich, mal spöttisch-hetzerisch.

    Spricht aus dem Kanzler meist die Verachtung, die sich im Griff hat, der herzlose Bürokrat, ein Haider ohne Hetze hat ihn einmal einer seiner engen Vertrauten genannt (und das tatsächlich als Lob gemeint), dann aus seinen Koalitionären das Überschießende der sprachlichen Mordlust, der Spaß an der Hetzjagd, das Feixende von Spießgesellen, denen man die Freude an der eigenen Bösartigkeit von weitem ansieht. Wie bei der Erderhitzung gilt auch hier: Der Klimawandel kommt nicht, wir stecken mitten drin in der Klimakatastrophe.

    Es regiert die Gefühlsrohheit, der sadistisch-masochistische Gemütszustand des Kleinstbürgers, der stets von der Angst zerfressen ist, irgendjemand könnte einen Vorteil erlangen, den er nicht ergattert und der zu Empathie nicht in der Lage ist – denn das einzige Mitleid, zu dem er fähig ist, ist das Selbstmitleid, die einzige Emphase die Einfühlung in sich selbst. Sebastian Kurz verkörpert die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte von Anstand, Höflichkeit, Moral, Tugend, Liberalität, von Verantwortungsgefühl, zumindest minimaler Wahrhaftigkeit und christlicher Mildtätigkeit vor einer autoritären Hartleibigkeit. Indem er keinen anderen erkennbaren politischen Willen hat als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein, was nur ein anderes Wort für den Willen ist, an die Macht zu kommen und zu bleiben, nützt er die rechtsradikale Radaupolitik als Hebel und unterwirft sich ihr im selben Moment. Weil er den Rechtsradikalismus besiegte, indem er ihn kopierte, lieferte er das Land seinem Geist aus und machte sich zum Gesicht des autoritären Nationalismus, egal welche rosig gefärbte Geschichte sich dieser Meister der Ränke, Schliche und der pfiffig-schlauen Drehungen im Stillen über sich selbst wahrscheinlich erzählen wird. (Robert Misik, 30.12.2018)

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