Thomas Sautners "Neue Ode an die Freude"

    29. Dezember 2018, 14:00
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    Fit for the future, gleich was kommt. Offen sind wir, ehrlich, ordentlich, im Optimierungsmodus ewiglich

    Europäisches Requiem in einer Strophe – gesungen vom Chor der politisch korrekten Bürgerinnen und Bürger, orchestriert von Politikern aller Couleurs. Ein Live-Mitschnitt der Premiere in Wien und andernorts.

    Wir rauchen nicht, wir trinken nicht, wir sind ja nicht von gestern. Wir essen nicht in U- und Straßenbahn, lassen uns das gern verbieten. Essen verbieten! Denn wir stinken nicht, wir schwitzen nicht, wir rülpsen nicht, wir achten aufeinander, leben ganz, ganz sauber. Wir fahren mit Licht am Helllicht-Tag, tragen Helm beim Radlfahren. Wir versichern uns, bewachen uns, wir piepsen gern im Rückwärtsgang.

    Zeiterfassung? – machen wir, Cookies, Rückverfolgung, Standort-Check. Rauchen nicht, trinken nicht, sind ja nicht von gestern. Küssen im Café gehört sich nicht, Umarmen nicht vor anderen, es könnte sie ja kränken. Wir legen unser Kopftuch ab, ebenso den Minirock. Wir schauen, reden, tun, wie’s sich gehört. Datenschutz unterschreiben wir, Petitionen, Kleingedrucktes sowieso, wir sind ja nicht von gestern.

    Flexibel? Anpassungsfähig? Klar! Wir fort- und weiterbilden uns, kontrollieren und verbessern uns, speichern uns per Handy-App. Herzschlag, Hirn, Hormonhaushalt. Fit for the future, gleich was kommt. Offen sind wir, ehrlich, ordentlich, im Optimierungsmodus ewiglich. Erste Klasse im Zug der Zeit. Glühbirnen, Plastiksackerln verbieten wir uns, Ökoproblem beinah gelöst. Wir machen mit bei mehr Demokratie, bewegen essenzielle Dinge, in der Sommer- und auch in der Winterzeit.

    Leistung lohnt sich wieder

    Neger? Sagen wir schon lang nicht mehr. Mohr im Hemd, das war einmal. Alles ganz, ganz ordentlich, Leistung lohnt sich wieder. Und Anstand und Gerechtigkeit. Arbeitslose ohne Arbeitslose, Flüchtlinge ohne Hilfe. Kinderarmut? Da sind halt schon auch die Eltern schuld, die haben keine Werte. Wir wählen die, die für unsere Ordnung sind. Und für Wohlstand und für Sicherheit.

    Trotzdem werden Arme ärmer und trotzdem nur die Reichen reicher, und trotzdem verhungern Kinder und vergammelt Kaviar. Unerhört, an uns liegt’s nicht: Wir rauchen nicht, wir trinken nicht, wir stinken und wir schwitzen nicht, wir leben ganz, ganz sauber. Wir optimieren, kontrollieren uns, ganz korrekt und ordentlich. Wir finden blind um jedes Eck mit GPS und Google-Maps, sind ja nicht von gestern. Wir leben in der Cloud, fit for our future. Kaufen vegan aus Afrika, Bioshirts aus Bangladesch. Und trotzdem, trotzdem, trotzdem: verhungern täglich Kinder, verarmen Arme, werden nur Reiche reicher, Ungerechtigkeiten allerorts. Komisch, wir leben doch korrekt und ordentlich, es muss an den anderen liegen. Piepsen die nicht beim Rückwärtsfahrn? Rauchen die? Trinken die? Essen gar in U- und Straßenbahn? Alte Glühbirne, Plastiksack? Mohr im Hemd statt Binnen-I? Aber wenn die sind, wie sie sind, dagegen können wir nichts machen, gegen Manager von Großkonzernen, Finanzmolochen, Software-, Pharma-, Düngerriesen. Immerhin, schnell was tun können wir gegen uns. Dann retten wir halt so unsere Welt. Wir rauchen nicht und trinken nicht, wir schwitzen und wir stinken nicht, rülpsen nicht, leben ganz, ganz sauber (Thomas Sautner, 28.12.2018)

    Thomas Sautner, Jg. 1970, ist Schrift steller und Essayist. Aus seinem neuen Roman "Großmutters Haus" (Picus -Verlag) liest er erstmals am 28. Februar 2019 um 19.30 Uhr im TAG, Theater an der Gumpendorfer Straße, 1060 Wien.

    • Fitter, schöner, toller:_Wenn wir schon sonst kaum etwas ändern können – uns selbst biegen wir stetig zurecht.
      foto: afp

      Fitter, schöner, toller:_Wenn wir schon sonst kaum etwas ändern können – uns selbst biegen wir stetig zurecht.

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