Beim Klimaschutz sind jetzt die Ingenieure dran

    Kommentar der anderen28. Dezember 2018, 16:28
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    Die Umstellung der Energieversorgung zum Schutz unseres Klimas ist die Mondlandung des 21. Jahrhunderts. Dazu braucht es politische Vision, diplomatisches Geschick und die Tatkraft der Techniker

    Die Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP24) in Kattowitz hat erfolgreich ein Regelwerk für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015 vorgelegt. Alle UN-Mitgliedstaaten haben dieses Regelwerk unterzeichnet. Doch wird das nicht reichen, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Es ist Zeit, die Ingenieure hinzuzuziehen.

    Der diplomatische Erfolg der COP24 war angesichts des unerbittlichen Lobbyings und der Verzögerungstaktik der Fossilbrennstoffindustrie bemerkenswert. Die Diplomaten haben sich mit dem Forschungsstand vertraut gemacht und wissen, was Sache ist: Ohne einen raschen Schritt hin zu einem kohlenstofffreien globalen Energiesystem bis Mitte des Jahrhunderts ist die Menschheit in höchster Gefahr. In den letzten Jahren haben Millionen von Menschen das Leid extremer Hitzewellen, Dürren, plötzlicher Überflutungen, schwerer Orkane und verheerender Waldbrände erlebt, weil die Temperatur der Erde bereits 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Durchschnitt liegt. Falls die Erwärmung im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts 1,5 oder zwei Grad Celsius übersteigt – Temperaturen, wie wir sie in der gesamten 10.000-jährigen Geschichte der menschlichen Zivilisation noch nicht erlebt haben -, wird das Leben auf der Welt viel gefährlicher.

    Das Pariser Abkommen verpflichtet die nationalen Regierungen, die Temperaturen "deutlich unter zwei Grad über vorindustriellem Niveau" zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, "den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau zu begrenzen". Wir haben jetzt ein Regelwerk zur Messung der Treibhausgasemissionen, zur Weitergabe von Know-how und zur Messung von Finanztransfers aus den reichen in die armen Länder. Doch mangelt es uns noch immer an einer Planung, um das Weltenergiesystem bis Mitte des Jahrhunderts auf erneuerbare Energien umzustellen.

    Spezialisten müssen her

    Diplomaten sind keine technischen Fachleute. In der nächsten Phase müssen technische Experten für Stromerzeugung und -übertragung, Elektrofahrzeuge, Brennstoffzellen, künstliche Intelligenz (zur Steuerung der Energiesysteme), Stadtentwicklung (zur Steigerung der Energieeffizienz und für den öffentlichen Verkehr) und ähnliche Spezialisten hinzugezogen werden.

    Das Pariser Abkommen geht davon aus, dass jede Regierung sich mit den Ingenieuren ihres Landes berät, um eine nationale Energiestrategie zu entwickeln, sodass im Wesentlichen jeder der 193 UN-Mitgliedstaaten einen eigenen Plan entwickelt. Dieser Ansatz spiegelt ein tiefes Missverständnis darüber wider, wie die weltweite Energiewende ablaufen muss. Wir brauchen Lösungen, die im internationalen Maßstab vereinbart und koordiniert werden, und nicht auf Ebene der einzelnen Länder. Globale technische Systeme erfordern eine globale Koordinierung. Man denke an die zivile Luftfahrt, einen Triumph global koordinierter Ingenieurskunst. Im Jahr 2017 gab es 41,8 Millionen Flüge ohne einen tödlichen Unfall mit einem Passagierjet.

    Das zivile Luftfahrtsystem funktioniert so gut, weil alle Länder Flugzeuge verwenden, die nur von einigen wenigen globalen Unternehmen gefertigt werden, und weil sie die gleichen Standardisierten Betriebsverfahren zur Navigation, Flugsicherung, Flughafen- und Flugzeugsicherheit, Wartung, Versicherung und für andere Betriebsabläufe nutzen. Andere globale Systeme sind ähnlich miteinander koordiniert. Die Banküberweisungen in US-Dollar belaufen sich heute auf atemberaubende 2,7 Billionen Dollar pro Tag, werden aber routiniert mittels Standardisierter Bank- und Kommunikationsprotokolle abgewickelt. Dank gemeinsam genutzter Protokolle sind Milliarden von Internet-Aktivitäten und Mobiltelefonanrufen täglich möglich. Ausmaß und Zuverlässigkeit dieser global vernetzten Hightech-Systeme sind verblüffend. Aber sie sind davon abhängig, dass Lösungen auf internationaler Ebene umgesetzt werden und nicht auf Länderbasis.

    Die Umstellung auf erneuerbare Energien lässt sich enorm beschleunigen, wenn die weltweiten Regierungen endlich die Ingenieure in den Vordergrund rücken. Man denke daran, wie im Mai 1961 Präsident John F. Kennedy die Amerikaner aufrief, bis Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu schicken und sicher auf die Erde zurückzubringen. Die Nasa mobilisierte in kurzer Zeit Hunderttausende von Ingenieuren und anderen Fachleuten und schloss die Mondlandung im Juli 1969 ab, womit sie Kennedys bemerkenswert ehrgeizige Zeitvorgabe erfüllte.

    "Kriegen das hin"

    Ich war vor kurzem bei einer Podiumsdiskussion mit drei Ökonomen und einem leitenden Ingenieur aus der Privatwirtschaft dabei. Nachdem die Ökonomen lange über Kohlenstoffpreise, die Internalisierung externer Effekte, Einspeisetarife, CO2-Kompensation usw. debattiert hatten, äußerte der Ingenieur knapp und klug: "Ich habe nicht wirklich begriffen, wovon ihr Ökonomen gerade gesprochen habt, aber ich habe einen Vorschlag: Nennt uns Ingenieuren die angestrebten Spezifikationen und den Zeitrahmen, und wir kriegen das hin." Das war keine Prahlerei.

    Hier also die Spezifikationen: Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss das weltweite Energiesystem bis Mitte des Jahrhunderts dekarbonisiert werden. Dies erfordert die Mobilisierung kohlenstofffreier Energiequellen wie Wind, Sonne und Wasser in enormem Maßstab sowie ein Stromsystem, das diskontinuierlich zur Verfügung stehende Energien bewältigen kann, die davon abhängig sind, wann die Sonne scheint, wie stark der Wind weht und wie schnell Flüsse fließen.

    Dieser kohlenstofffreie Strom wird Elektrofahrzeuge antreiben, die unsere mit Verbrennungsmotoren angetriebenen Autos ersetzen. Er wird verwendet werden, um kohlenstofffreie Brennstoffe wie Wasserstoff für die Seeschifffahrt und synthetische Kohlenwasserstoffe für die Luftfahrt zu produzieren. Wir werden unsere Häuser und Bürogebäude mit kohlenstofffreiem Strom heizen. Und auch energieintensive Industrien wie Stahl und Aluminium werden fossile Brennstoffe durch kohlenstofffreien Strom und Wasserstoff ersetzen.

    Transnationale Stromnetze

    Diese kohlenstofffreien Lösungen werden über die Grenzen aller einzelnen Länder hinausreichen. Die preiswertesten und umfassendsten erneuerbaren Energien sind häufig abseits der Bevölkerungszentren in Wüsten und Gebirgen und vor den Küsten zu finden. Diese Energie muss daher mit besonderen Hochspannungsleitungen über lange Strecken – häufig über nationale Grenzen hinweg – übertragen werden. Die Vorteile eines international vernetzten Übertragungssystems, das weite Strecken überspannt, wurden von der Global Energy Interconnection Development and Cooperation Organization – einer weltweiten, 2016 von der State Grid Corporation of China ins Leben gerufenen Partnerschaft von Maschinenbauunternehmen und Institutionen – überzeugend dargelegt.

    In einer vernünftigen globalen Dekarbonisierungsplanung werden viele Länder und Unternehmen, die heute fossile Brennstoffe exportieren, morgen zu Exporteuren kohlenstofffreier Energie. Die ölproduzierenden Golfstaaten sollten Sonnenenergie aus den riesigen arabischen Wüsten nach Europa und Asien exportieren. Das kohleproduzierende Australien sollte Sonnenenergie aus dem enormen Outback über Unterseekabel nach Südostasien exportieren. Kanada sollte seine Exporte kohlenstofffreier Hydroenergie auf den US-Markt steigern und seine Bemühungen zum Export von Produkten aus seinen kohlenstoffreichen Ölsänden einstellen.

    Die Umstellung der Energieversorgung zum Schutz unseres Klimas ist die Mondlandung des 21. Jahrhunderts. Wenn im nächsten September die Staats- und Regierungschefs im Rahmen der Vereinten Nationen zusammenkommen, sollten die führenden Ingenieure der Welt sie mit einer hochmodernen Struktur für globale Maßnahmen begrüßen. (Jeffrey D. Sachs, 28.12.2018)

    Jeffrey D. Sachs ist Professor für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University in New York.

    • Europas größtes Braunkohlekraftwerk in Belchatów, Polen. Diese CO2-Schleudern müssen schleunigst vom Netz gehen, saubere und verlässliche Alternativen müssen her.
      foto: ap

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