"Was kümmert mich das Wörtliche": Autor Robert Menasse erfand Zitate

    23. Dezember 2018, 14:50
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    Er legte dem Politiker Walter Hallstein Aussagen über Nationalstaaten und Europa in den Mund

    Wien/Berlin – Seit Jahren beruft Schriftsteller Robert Menasse sich in seinen Reden und Essays zu Europa und der Überwindung der Nationalstaaten wiederholt auf Walter Hallstein. Der Politiker war ab 1958 erster Kommissionsvorsitzender des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

    Wie die Zeitung Welt berichtet, sollen Zitate, die Menasse in dem Zusammenhang verwendet, aber erfunden sein. Etwa die Aussage "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!", die er Hallstein 2013 in einem Beitrag für die FAZ in den Mund legte. Verfasst hatte Menasse jenen gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot.

    Was kümmert ihn das Wortwörtliche

    Damit konfrontiert räumte Menasse gegenüber der Welt ein, gesagt habe Hallstein manches "nie so zugespitzt, man müsste lange Passagen zitieren, um diese Position ableiten zu können". Doch sei der Sinn "korrekt". Und weiter: "Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche."

    Dass besagte Zitate Menasses die Position Hallsteins korrekt wiedergeben, dem widersprechen allerdings manche, etwa der deutsche Historiker Heinrich August Winkler.

    Für einen Dichter sei diese Art des Zitierens zulässig – im Gegensatz zu einem Wissenschafter oder Forscher, beharrt Menasse in der Welt weiter auf seinem Standpunkt. "Was kümmert mich das ‚Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht."

    Zuletzt war der Autor Menasse (Die Hauptstadt) federführend an der Ausrufung der Europäischen Republik im Zuge des European Balcony Project beteiligt. (red, 23.12.2018)

    • Schriftstseller Robert Menasse.
      foto: apa/afp/john macdougall

      Schriftstseller Robert Menasse.

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