Kirchenkrise: Notausgang für Scheinheilige

Analyse21. Dezember 2018, 17:10
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Der Umgang mit dem umstrittenen Wirken von Bischof Alois Schwarz ist ein Lehrbeispiel bisheriger vatikanischer Scheuklappenpolitik

"Roma locuta – causa non finita." Rom prüft, doch erledigt ist in der Diözese Gurk-Klagenfurt noch lange nichts. Vielmehr drängen sich neue Fragen auf. Insbesondere in Zusammenhang mit dem von Papst Franziskus zum Apostolischen Visitator für die Diözese Gurk-Klagenfurt ernannten Salzburger Erzbischof Franz Lackner.

Dieser leitet als Metropolit von Salzburg nämlich seit 2014 auch eine der beiden Kirchenprovinzen in Österreich, in denen die einzelnen Diözesen zusammengefasst werden. Neben Graz, Innsbruck und Feldkirch gehört in seinen Bereich auch die Diözese Gurk-Klagenfurt. Daher drängt sich die Frage auf, warum Lackner in seinem Zuständigkeitsbereich nicht schon früher aktiv geworden ist.

Die jetzt in dem brisanten Prüfbericht zusammengefassten Vorwürfe gegen Schwarz (konkret werden massive Vorwürfe betreffend seiner Amts- und Lebensführung erhoben) wurden in den vergangenen Jahren sowohl an Lackner als auch an dessen Vorgänger im Bischofsamt, Alois Kothgasser, mehrfach herangetragen.

Fußball und Alm

Hinzu kommt, dass Lackner seit vielen Jahren ein enges freundschaftliches Verhältnis zu Schwarz pflegt. Gemeinsame Fußballabende im Klagenfurter Stadion, zahlreiche launige Abende im Forstanwesen des Bistums Gurk auf der Flattnitz im Felfernigtal im Grenzgebiet zwischen Kärnten und der Steiermark bezeugen die bischöflichen Bande.

Besonders pikant: Beide Bischöfe sind dem Vernehmen nach in einer Whatsapp-Gruppe mit Andrea E., ehemalige Leiterin des schwer defizitären Bildungshauses St. Georgen am Längsee.

Sie wird in dem vom Domkapitel veröffentlichen Bericht als zentrales Problem gesehen. Zitat: "Bischof Schwarz war durch dieses Abhängigkeitsverhältnis vom Gutdünken und von den Launen dieser Person bestimmt. So wurde dem Amt und der Kirche über Jahre Schaden zugefügt."

Prüft also der Prüfer seine möglichen eigenen Verfehlungen? Und wie unabhängig kann eine Prüfung ausfallen, wenn man mit den handelnden Person so eng verwoben ist?

Diese Fragen an den Salzburger Kirchenoberen bleiben vorerst allerdings unbeantwortet. Vor Weihnachten gebe es keine neue Stellungnahme, heißt es im Büro von Bischof Lackner auf Anfrage. Der Arbeitsauftrag liege vor, der Bischof werde jetzt ein Team zusammenstellen, das die weitere Vorgangsweise festlegen soll. Und man wird vertröstet: Dann werde "auf größtmögliche Transparenz" gesetzt.

"System Rom"

Symptomatisch steht die Causa Schwarz jedenfalls für das "System Rom": Bischöfen, deren Heiligenschein zu verblassen droht, wird die vatikanische Mauer gemacht – inklusive "Räuberleiter". Konkret lassen sich im Fall von Bischof Schwarz zumindest drei römische Schlupflöcher festmachen.

Im Mai 2018 wird Schwarz von Papst Franziskus zum neuen Bischof von St. Pölten ernannt. In Kärnten gab es zu diesem Zeitpunkt bereits massive Vorwürfe gegen ihn. Schwarz pariert diese jedoch mit dem Hinweis, er sei ein Opfer kircheninterner Intrigen. Durch den Wechsel kann er elegant in seiner Opferrolle bleiben. Er hätte ja gern seinen Teil zum Kärntner Frieden beigetragen, aber wenn Rom ruft ...

Opferrolle, zweiter Akt: Rom untersagt Mitte Dezember die Veröffentlichung des Prüfberichts. Schwarz darf aber öffentlich reagieren und seine Unschuld beteuern.

Opferrolle, dritter Akt: Rom schickt einen Apostolischen Visitator, der ab Mitte Jänner in Kärnten das Heft in die Hand nimmt. Bischof Schwarz kann sich im St. Pöltner Bischofshof entspannen. Verantwortung zu übernehmen ist nicht vonnöten, die Entscheidungen trifft jetzt allein Rom – und Schwarz gibt weiter den fassungslosen Bischof. Er habe "über einen längeren Zeitraum hin" für die Kirche sehr erfolgreich gewirtschaftet. Und der Vorwurf, gegen den Zölibat verstoßen zu haben? "Das ist ein Vorwurf, den ich nicht auf mir sitzen lasse." Nachsatz: Er habe sich "immer nach der Ordnung der Kirche verhalten".

Personelle Aderlässe

Fakt ist aber auch, dass der Oberhirte während seiner Kärntner Amtszeit mit seinem beruflichen Umfeld nicht zimperlich umgegangen ist. Personelle Aderlässe zeugen davon: Nach dem Chauffeur und Zeremonienmeister des Bischofs, der Ende 2006 das Handtuch warf, kündigte im April 2008 der bischöfliche Sekretär nach 26 Dienstjahren.

Seine Begründung: Die Probleme seien zu schwerwiegend. Nur einen Monat später wurde Generalvikar Gerhard Kalidz überraschend abgelöst und als Pfarrer nach Gurk versetzt. Bereits damals gab es Gerüchte, dass Andrea E. hinter dieser Entscheidung stecken würde.

Der Wirbel war dann so groß, dass der Salzburger Metropolit, damals noch Erzbischof Alois Kothgasser, in Kärnten nach dem Rechten sehen musste. Schwarz holte den jetzigen Diözesanadministrator Engelbert Guggenberger als Generalvikar und saß die Krise aus.

Der Kärntner Ordinariatskanzler Jakob Ibounig wirft Schwarz Realitätsverweigerung in Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen ihn vor. "Er ist nach wie vor nicht bereit, sich der Wirklichkeit zu stellen." Schwarz habe sich den anstehenden Fragen nie gestellt. Das werde er im Rahmen der bevorstehenden Visitation nun gezwungenermaßen tun müssen.

Ob der Vatikan auch in Zukunft Verfehlungen von Priestern und Ordensleuten decken wird, ist fraglich. Immerhin scheint der Papst um eine Reform der internen Kontrollen bemüht: Überraschend erklärte Franziskus am Freitag, Missbrauchstäter in den kirchlichen Reihen müssten sich in Zukunft der Justiz stellen. (Peter Mayr, Markus Rohrhofer, 21.12.2018)

  • Im Geheimdienst seines Papstes: Erzbischof Franz Lackner.
    foto: apa / barbara gindl

    Im Geheimdienst seines Papstes: Erzbischof Franz Lackner.

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