Tatort Weihnachten: Unheilvoller Heiliger Abend

    22. Dezember 2018, 11:00
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    Weihnachten gilt – unter globalem Druck – als Fest der Liebe und des Friedens schlechthin. Aber familiäre Zusammenkünfte bedeuten oft das Gegenteil

    Am ersten Adventsonntag, also vor wenigen Wochen, sendeten ARD und ORF eine Tatort-Folge mit den beliebten Münchner Kriminalkommissaren Franz Leitmayr und Ivo Batic; es ist schon deren 80. Fall, den sie seit 1991 aufklären. Die Folge heißt Wir kriegen euch alle; darin tritt ein verkleideter Weihnachtsmann mit einer Machete auf, Familien werden brutal ermordet, und allmählich stellt sich heraus, dass die Täter – mithilfe einer Smart-Toy-Puppe, die Senta heißt und die Überwachung von Kindern ermöglicht – konkrete Fälle von Kindesmissbrauch zu rächen versuchen, wie sie ihn selbst erlitten haben.

    Eine Woche später, am zweiten Adventsonntag, wird eine Tatort-Folge mit Lena Odenthal ausgestrahlt, ihr Titel zitiert ein bekanntes Weihnachtslied: Vom Himmel hoch. Es geht um den Drohnenkrieg, um traumatisierte Opfer, Therapeuten und Soldaten; neuerlich scheint die Grenze zwischen Tätern und Opfern zu verschwimmen. "Vom Himmel hoch" kommt also kein Engel wie in Luthers Lied, um Christi Geburt zu verkünden, sondern eine computergesteuerte Tötungsmaschine, die ebenfalls oft ganze Familien auszulöschen vermag, Frauen, Kinder, Großeltern. Stille Nacht? Am Montag danach zeigt das ZDF den "Harz-Thriller" Schattengrund, in dem erneut – nach einem Drehbuch von Elisabeth Herrmann – die Themen Kindstod und Kindesmissbrauch, hier durch den eigenen Vater, verhandelt werden.

    Streit unterm Tannenbaum

    Weihnachten, das globale Fest schlechthin, wird mit Frieden und Liebe, Familienbesuchen und Geschenken, mit Kerzen, Liedern und gutem Essen assoziiert. Zugleich kennen wir alle die Angst vor unverhofft ausbrechendem Familienstreit unter dem Tannenbaum, die Angst vor Tränen und Einsamkeit am Heiligen Abend, neuerdings auch die Angst vor möglichen Anschlägen auf Weih-nachtsmärkte. Weihnachten ist offenbar ein doppelgesichtiges, unheimliches Fest, ganz im Sinne Sigmund Freuds, der das Unheimliche – genau vor 100 Jahren – als die Gegenwart des Fremden und Verheimlichten im Zentrum des vertrauten Heims charakterisiert hat.

    Anschließend kommentiert er E. T. A. Hoffmanns Geschichte vom Sandmann, in der es um Kastrationsdrohungen, symbolisiert im Ausreißen der Augen, aber auch um eine Smart-Toy-Puppe des 19. Jahrhunderts geht – um den lebensgroßen Automaten Olimpia, in den sich der unglückliche Nathanael verliebt; sein Name verschmilzt Geburt (natal) und Tod (thanatos) miteinander. "Der Tod äfft die Geburt", bemerkt Georg Büchners Danton, "beim Sterben sind wir so hilflos und nackt wie neugeborne Kinder. Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel. Was wird es helfen? Wir können im Grab so gut wimmern wie in der Wiege."

    Und in Samuel Becketts Warten auf Godot ist es Pozzo, der zornig resümiert: "Eines Tages wurden wir geboren, eines Tages sterben wir, am selben Tag, im selben Augenblick, genügt Ihnen das nicht? Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht."

    Ein Geburtsfest als Erinnerung an den bevorstehenden Tod? In verschiedenen Ländern und Regionen war es üblich, vor der Bescherung am Heiligen Abend auf den Friedhof zu gehen, um die Toten mit kleinen Gaben zu versöhnen und teilhaben zu lassen am unheimlichen Fest. Die Spuren dieses Unheimlichen lassen sich übrigens weit zurückverfolgen, etwa bis in die Weihnachtsevangelien. Wovon erzählt denn Lukas? Von einer Volkszählung, die einen Zimmermann und seine hochschwangere Verlobte, die ein Kind austrägt, das er nicht gezeugt hat, dazu zwingen, von Nazareth nach Bethlehem – also eine Strecke von rund 150 Kilometern – zurückzulegen, um dann am Zielort kein Quartier zu finden, sodass das Kind in einem Viehstall zur Welt kommen muss. Und Matthäus berichtet gar von einem Massaker unter den Kindern von Bethlehem, das der König Herodes befohlen habe, um einen möglichen Thronrivalen frühzeitig auszuschalten.

    Motiv des Kindermassakers

    Josef und Maria werden von einem Engel gewarnt und fliehen mit dem neugeborenen Kind nach Ägypten – ausgerechnet nach Ägypten! Bekanntlich waren die Hebräer einst zum Exodus aus diesem Land aufgebrochen, weil der Pharao befohlen hatte, ihre neugeborenen Söhne zu töten. Im Buch Exodus heißt es, den hebräischen Hebammen habe der Pharao gesagt: "Wenn ihr den Hebräerinnen Geburtshilfe leistet, dann achtet auf das Geschlecht! Ist es ein Knabe, so lasst ihn sterben!" Die Hebammen fanden alle möglichen Ausreden, um diesem Befehl nicht gehorchen zu müssen, bis der Pharao zuletzt öffentlich anordnete: "Alle Knaben, die den Hebräerinnen geboren werden, werft in den Nil! Die Mädchen dürft ihr alle am Leben lassen." (Ex. 1,15-22)

    Das Motiv des Kindermassakers war so beliebt, dass es nicht nur von vielen bedeutenden Malern gestaltet, sondern auch bei geistlichen Weihnachtsspielen in Szene gesetzt wurde. Im Schatten solcher Popularität wurden freilich auch jene Pogrome und Verfolgungen befeuert, die sich gegen Juden richteten, denen Kinder-, Ikonen- oder Hostienmorde vorgeworfen wurden, ebenso wie später gegen Frauen, die – so der berüchtigte Hexenhammer von 1486 – ihre "Hexensalben" aus dem Fett neugeborener Kinder gewonnen hätten.

    Solche unheimlichen Zusammenhänge tauchen noch am Rande moderner Weihnachtskulturen auf; selbst weitverbreitete, geradezu kanonische Weihnachtsnarrative – von Friedrich Schleiermachers Die Weihnachtsfeier (1806) bis zum Christmas Carol von Charles Dickens (1843), von Stifters Bergkristall (1845) bis zur Reihe der Kevin-Filme seit Kevin allein zu Haus (1990) – thematisieren das Motiv des Kindstods und des gescheiterten Kindsmords. Zur Rhetorik des mörderischen Antisemitismus der NS-Diktatur gehörte das Schauermärchen von jüdischen "Ritualmorden" an kleinen Kindern; bis heute wird der düstere Kult um "Anderl von Rinn", der am 12. Juli 1462 in einem Nordtiroler Dorf von Juden rituell ermordet worden sein soll – dem kirchlichen Verbot von 1994 zum Trotz -, praktiziert.

    Die Zeit zwischen den Jahren

    Weihnachten ist ein unheimliches Fest geblieben. Oder sollten wir von Festen sprechen? Der verborgene Plural verweist auf die altkirchliche Tradition der Zeitspanne zwischen dem Weihnachtstag und dem 6. Jänner, dem Tag der Epiphanie. Diese zwölf Tage spiegeln sich in den zwölf Rauhnächten, Zeiten der Wahrsagerei und der "wilden Jagd". Diese "wilde Jagd" war in der Volkskultur des mittelalterlichen Europa gut bekannt: Sie verkörperte sich in den Scharen der friedlosen, weil vorzeitig gestorbenen Toten, die nachts – mit schrecklichem Lärm und angeführt von einer Göttin wie Perchta, Holda, Diana oder Hekate – die Wälder durchstreiften. Wie sich beinahe von selbst versteht, entsprang dieser Volksglaube an die "wilde Jagd" keiner aufgeregten und abergläubischen Fantasie, sondern einer kollektiven rituellen Praxis. Die Menschen des Hochmittelalters glaubten nicht einfach an eine vorüberziehende Geisterschar in den Rauhnächten, sondern stellten sie vielmehr selbst dar: Sie vermummten sich und zogen als dämonisches Heer in den "Zeiten zwischen den Zeiten" lärmend durch Dörfer und Wälder. In den Rauhnächten etablierte sich eine gefährliche Gegenwelt, eine "verkehrte Welt", eine Welt der Mütter, wie die Brüder Grimm – unter Berufung auf Beda Venerabilis – spekulierten. In den Zeiten dieser Gegenwelt triumphierten die Mütter und die Toten; und wer würde bei den vorzeitig Gestorbenen nicht an die Scharen toter Kinder denken, die ihre Geburten oft nur um Tage oder Wochen überlebten?

    Zwölf Tage und zwölf Nächte: Diese Zeit, die wir bis heute die Zeit "zwischen den Jahren" nennen, entspricht übrigens ziemlich exakt der Differenz zwischen dem Mond- und dem Sonnenjahr, dem weiblichen und dem männlichen Leitgestirn. Als Moses sein Volk in die Wüste führte, setzte er einen Mondkalender ein; er verwarf den altägyptischen Sonnenkalender, an dem sich noch die julianische Kalenderreform orientierte. Die Zeit um die Wintersonnenwende ist die Zeit des Mondes. (Thomas Macho, 22.12.2018)

    Thomas Macho ist seit 1. März 2016 Direktor des IFK. Von 1993 bis 2016 war er Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1976 wurde er mit einer Dissertation über Musikphilosophie an der Universität Wien promoviert. Mit einer Arbeit über Todesmetaphern habilitierte er sich 1983 für das Fach Philosophie an der Universität Klagenfurt.

    • Unheilvoller Heiliger Abend: ein Forensiker auf dem Weg in irgendein trautes Heim,  am 25. Dezember des vergangenen Jahres irgendwo in Deutschland.
      foto: dpa / caroline seidel

      Unheilvoller Heiliger Abend: ein Forensiker auf dem Weg in irgendein trautes Heim, am 25. Dezember des vergangenen Jahres irgendwo in Deutschland.

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