Gott essen: Kulinarische Geschichte des Abendmahls

    Essay22. Dezember 2018, 14:00
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    Essen und Eucharistie liegen nah beisammen, besonders am Heiligen Abend: Brot und Wein. Roter oder weißer? Ein Buch erzählt vom Wandel der Wandlung

    Für fromme Christen oder solche, die es ein bis zweimal im Jahr werden, stellt sich zu Weihnachten die Frage: Gehe ich vorher in die Kirche? Oder nachher? Oder gleich zweimal? Christmette oder Frühmette, Kindermette oder vielleicht auch nur eine kleine Krippenandacht – in jedem Fall wird davor oder danach gut gegessen, sodass sich die entsprechende Frage noch einmal anders stellen lässt: Ist es besser, mit leerem Bauch und stiller Vorfreude in der Kirche zu sitzen? Oder später am Abend, vielleicht von höherprozentigen Verdauungsmitteln schon ein wenig angeduselt, das Evangelium von der Geburt eines Kindes in Bethlehem hören?

    Man wird das letztendlich nach praktischen Kriterien entscheiden, zum Beispiel ist eine Mette am Nachmittag ein nicht zu unterschätzender Faktor an einem langen Tag, an dem vor allem bei Kindern die Ungeduld zunehmend wächst. Klassischerweise gehört der Kirchgang zu Weihnachten aber in die späte Nacht, und die meisten Menschen würden dann vermutlich der Ziege aus dem Märchen Tischlein deck dich
    zustimmen, die bekanntlich weitere Nahrungsaufnahme verweigerte: Ich bin so satt, ich mag kein Blatt.

    Ein dünnes Stück Kohlenhydrate

    In der Mette gibt es aber auch noch einmal zu essen, wenngleich in eher abstrakter Form: Wer zur Kommunion geht, bekommt hierzulande eine Oblate, was sich wiederum fast auf das Blatt reimt, das die Ziege um keinen Preis der Welt mehr hinunterbekommen würde. Die Oblate ist auch so etwas wie ein Blatt, ein dünnes Stück Kohlenhydrate, das man selbst in den prallsten Wanst noch irgendwie hineinkriegt, wenn man nur will.

    Gerade zu Weihnachten erleben die Kommuniongänger etwas von der ursprünglichen Doppelfunktion des christlichen Abendmahls: Immer schon ging es dabei darum, sich an Jesus zu erinnern, von dem ausdrücklich erzählt wird, dass er gern gegessen und getrunken hat, dass er also kein Asket war. Früher trafen sich die Christen aber auch in der Gruppe zum richtigen Essen, die Kommunion hatte also etwas in beiderlei Gestalt, für den Leib und für die Seele – und für die friedliche Stimmung, die sich normalerweise einstellt, wenn man miteinander isst.

    Die Bratwürstelfraktion

    Wenn man das auf heute umlegen würde, kämen lustige Bilder heraus: Der Sauerkrautbottich müsste ganz schön gewaltig sein, den man für einen vollen Stephansdom brauchte, immer vorausgesetzt, die Besucher zählten alle zur Bratwürstelfraktion, also zu der Sondertradition im mitteleuropäischen Raum, auf die sich auch meine Familie im Oberösterreichischen irgendwann festgelegt hat: Zu Weihnachten gibt es Bratwürstel, Erdäpfelgröstel, Sauerkraut, Senf und Ketchup. Danach passt kein Lebkuchen mehr unter die Milz, die man außerdem noch braucht, um am Christtag weiterzuessen.

    Den Zusammenhang zwischen dem Sättigungsmahl und dem zunehmend dünner werdenden kulinarischen Angebot in der christlichen Messe hat dieses Jahr der Kirchenhistoriker Anselm Schubert neu aufgerollt. Er hat ein Buch mit dem Titel Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls geschrieben, das einem gerade auch in Hinblick auf Weihnachten die Augen öffnet.

    Zwar wird die naheliegende Frage, ob man in der Christmette nicht ausnahmsweise Spekulatius als Hostie reichen sollte, von Schubert nicht berührt. Aber alle erdenklichen anderen Aspekte einer Schnabulatur des Übersinnlichen aus den letzten 2000 Jahren und auch aus allen Winkeln des Planeten kommen zur Sprache.

    Die Entscheidung für Bratwürstel oder einen Karpfen oder ein Seitan-Fondue zu Weihnachten berührt dabei den Aspekt am Herrenmahl, der im Lauf der Geschichte allmählich vergessen wurde. Oder der in unseren Breiten zum Kirchenwirt ausgelagert wurde. Christen übernahmen seinerzeit aus der antiken Kultur den schönen Brauch des Symposions, also des gemeinsamen Essens und Trinkens.

    Aber auch in der jüdischen Religion, aus der sie kommen, begann eine Mahlzeit mit einem Brotbrechen und einem Segensspruch. "Die Entstehung von Gemeinde und Gemeinschaftsmahl fiel in eins", schreibt Schubert über die ersten Christen, die ja noch keine Kirchen hatten und sich deswegen in privaten Räumlichkeiten trafen, um "homónoia" zu erleben, die Erfahrung "gleichen Sinnes zu sein".

    Brot und Wein

    Der schöne Brauch erwies sich bald in vielerlei Hinsicht als klärungsbedürftig. Dabei sollte alles ganz einfach sein, denn die beiden elementaren Zutaten standen ja fest: Brot und Wein. So hatte es auch Jesus bei dem Mahl gehalten, das die Christen mit ihren Herrenmählern rituell wiederholten. Brot ist aber nicht gleich Brot, wie man von der Filialpappe weiß, die heute häufig dafür ausgegeben wird.

    Im Heiligen Land im Römischen Reich war Brot, wie Schubert anschaulich beschreibt, "ein recht grober Teig aus Wasser, Gerstenmehl und Salz, der entweder roh oder getrocknet gegessen oder über dem Feuer oder auf heißen Steinen zu Fladen gebacken wurde". Von da war es also noch ein weiter Weg zu den wie nix zer gehenden Hostien von heute, bei denen man das Gefühl hat, sie sollten am Stoffwechsel vorbei direkt ins Seelenlimbische gehen.

    Wenn man das Buch von Schubert unbefangen, also ohne heiligen Eifer liest, wird man in erster Linie über den ungeheuren Erfindungsreichtum staunen, mit dem die Menschen aus einfachen Entscheidungen höchst diffizile Dinge ableiten. Zum Übergang vom "Brot essen" zum "Gott essen" gehörte auch die Abkehr von der Gerste, die damals das verbreitete Getreide im östlichen Mittelmeerraum war, und die Präferenz für den Weizen. Komplizierter wurde die Sache dadurch, dass die Juden zu Pessach ungesäuertes Brot aßen (und gern auch den Nachbarn anboten), sodass die Christen sich überlegen mussten, ob das Brot, von dem sie inzwischen zu glauben begonnen hatten, dass es sich beim Herrenmahl in den Leib Christi verwandelte, auch ungesäuert sein sollte. Um es ein wenig abzukürzen: Das große Schisma zwischen der Ost- und der Westkirche im 11. Jahrhundert hatte am Rand auch damit zu tun, dass sich im Westen ein Eucharistiebrot durchgesetzt hatte, das der Osten als "jüdische Irr lehre" zurückwies.

    Zu der Zeit, also im hohen Mittelalter, gab es in der Kirche nichts mehr zu essen, selbst die Kommunion war eine Seltenheit, weil normale Christen sich kaum einmal in einem Stand der Reinheit fühlten, um den Leib Christi zu empfangen. Man stellte sich zum Teil so konkret vor, dass aus dem Brot ein überirdischer Körper würde, dass man eine Zusatzregel nach der anderen aufstellen musste. Zum Beispiel: Wem die Opfergabe aus der Hand fällt, der muss den Boden aufwischen und dann den Putzlappen verbrennen und danach die Asche beisetzen. Oder (das war noch vor der Hostie): Das Brot soll nicht von Hand zerbrochen, sondern mit einem Messer zerschnitten werden, denn das erinnerte an die Lanze, von der Jesus am Kreuz durchbohrt wurde.

    Ähnlich schwierig war es mit dem Wein, der ja bald zum Blut Christi wurde. Anfangs brachten alle mit, was sie gerade beisteuern konnte, sodass beim Abendmahl ein zusammengegossenes Geschlader gereicht wurde. Süß war es in jedem Fall, denn in der Antike war der süße Wein der gute Wein, es kamen auch oft Gewürze dazu, vom Pfeffer bis zum Wermut.

    Bald aber begann es sich hinsichtlich des Blutes Christi für verschiedene Gruppen der Gläubigen zu spießen, denn manche ent wickelten asketische Tendenzen, und so wurde der Wein verschiedentlich durch Wasser ersetzt. Die Weinvermeider nannte man Hydroparastaten, ähnlich könnte man in heutigen Zusammenhängen von Tofuparastaten sprechen.

    Mit der zunehmenden Verbreitung des Christentums über den Erdball stellten sich vor allem bei der Kommunion bald in der zweiten, in der flüssigen Gestalt logistische Herausforderungen. Denn Wein wächst nun einmal nicht überall, in vielen Breiten war er ausgesprochene Mangelware. Zu diesem Zeitpunkt war aber die theologische Engführung schon so etabliert, dass es bei der Eucharistie nicht mehr ums Essen ging, sondern nur noch um zwei Sub stanzen, die sich in den Leib und das Blut Christi transsubstantiieren (wesensverwandeln) konnten.

    Ein weißer Gespritzter

    Und diese Substanzen mussten möglichst pur sein. Met kam also nicht als Ersatz für Wein infrage, Wasser hingegen wurde zum Wein hinzugemischt, weil das theologisch Sinn ergab: Denn im Vergleich zur göttlichen Natur in Jesus war dessen menschliche Natur eben wie das Wasser im Vergleich zum Wein. Sehr zugespitzt könnte man an dieser Stelle der Lektüre von Anselm Schuberts Buch sagen, dass es mit den Glaubenswahrheiten über Jesus so verlief, dass aus einem jüdischen Propheten im Lauf der Jahre ein weißer Gespritzter wurde.

    Wer das für eine weit hergeholte Assoziation hält, könnte ein wenig in den pseudoisidorischen Dekretalen schmökern, einer kirchenrechtlichen Sammlung aus dem neunten Jahrhundert, von der die Leute glauben sollten, dass die Regeln viel älter waren – sie wurden aber alle von einem Fälscher erfunden. Eine der abenteuerlichsten Ideen betrifft den Messwein: In Gegenden, in denen Wein nicht leicht zu bekommen war, durfte man laut Pseudoisidor ein Leintuch in Wein tauchen, das Tuch konnte dann jahrelang herumliegen, und später konnte man es waschen, das Waschwasser galt auch als Abendmahlswein.

    Man sollte aber jetzt nicht den Fehler begehen, derlei Spitzfindigkeiten als mittelalterlich abzutun. Mindestens so spannend wie die Hostiendebatten aus der Hochscholastik ist ein Kapitel, das den schönen Titel Der Leib Christi im industriellen Zeitalter trägt. In Amerika, wo die religiöse Vielfalt europäischen Begriffen von Glaubensspaltung ja noch einmal so richtig Hohn sprach, reichten um 1850 Drogisten in Ohio "verdünnten Whiskey, mit Zucker gesüßt, mit Blutholzbaum gefärbt" als Wein. Skeptiker beklagten sich über "gegorene Mischungen aus wer-weiß-was" und somit über ein Getränk, "das mit dem Saft der Traube nur gemein hat, dass es auch aus dem Reich der Pflanzen stammt, und auch das nur vielleicht".

    Man kann in dieser Andeutung ein Echo von bösen Unterstellungen aus dem Mittelalter heraus hören, als der Weinhandel häufig Juden oblag, denen unterstellt wurde, sie urinierten in den Wein, bevor sie ihn als Messwein verkauften. Die Weine des Herrn sind also genauso mysteriös wie seine Fladen. Und über weite Strecken der christlichen Geschichte war das Abendmahl somit eine karge Sache. Erst unserer Gegenwart blieb es vorbehalten, die Ver bindung zu dem unbefangenen jesuanischen Essen wiederherzustellen. Das Kapitel nach dem indus triellen Zeitalter beginnt bei Anselm Schubert um 1970, es heißt Die Rückkehr der Vielfalt und steht im Zeichen der drei Begriffe "alternativ, gesund und postkolonial". Dass es längst glutenfreie Hostien gibt, bedarf kaum der Erwähnung. Historisch relevanter sind wohl Forderungen der afrikanischen Kirche, Hirse und Bier und Palmwein als Trägersubstanzen für die Transsubstantiation anzuerkennen – das Argument von Theologen aus Kamerun lautet dabei ganz plausibel, dass Christus sich gleichsam ortsspezifisch inkarniert und dass er sich dabei nicht auf die Lebensmittel der kolonialen Regimes festlegen kann. Als Uganda unter Idi Amin einem Handelsboykott unterlag, erlaubte die dortige Kirche offiziell, Wein aus Ananassaft zu konsekrieren (also zu heiligen).

    Die Sache mit der Inkarnation hat inzwischen weite Kreise gezogen. Das Buch-Essen kann am Ende noch mit der Pointe einer Theologie der Kokosnuss aufwarten. Dieser exotische Fluchtpunkt führt aber in gewisser Weise zurück an den Gabentisch in Mitteleuropa. Denn der zeichnet sich ja nicht zuletzt dadurch aus, dass er sich sprichwörtlich biegt aufgrund der vielen Spezereien, die über die ganze Erdkrümmung hinweg herangeschafft wurden. Zu Weihnachten soll es halt etwas besonders Gutes sein, und oft stehen die Sternsinger, die zwischen Stefanitag und Dreikönig in die Häuser kommen, vor halbverwüsteten kalten Platten, von denen ihnen ein übrig gebliebener Leckerbissen (und ein Schnapserl) angeboten wird. Wer zu Weihnachten nicht in die Kirche geht, sondern sich stattdessen ein wenig über den Gottverzehr informiert, wird vielleicht am Ende einen Vorsatz fassen und das neue Jahr als Hydroparastat beginnen. (Bert Rebhandl, 23.12.2018)

    Anselm Schubert, "Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls". € 24, 95 / 271 Seiten. C. H. Beck 2018

    • Nicht für alle gilt zu Weihnachten "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt": schlafender Mann vor einem Bild vom letzten Abendmahl in Port-au-Prince, Haiti.
      foto: ap/jorge saenz

      Nicht für alle gilt zu Weihnachten "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt": schlafender Mann vor einem Bild vom letzten Abendmahl in Port-au-Prince, Haiti.

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