"Medea": Tragödienkram aus dem Ersatzstofflager

    21. Dezember 2018, 12:22
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    Diesem Regisseur liegen die Theater zu Füßen: Simon Stone erzählt die "Medea" frei nach Euripides als Drama im schicken "Netflix"-Look neu. Erstaunlich trivial

    Medea, antikes Ur- und Schreckensbild aller Rabenmütter, hat auf ihrem beschwerlichen Weg in die Moderne einen katastrophalen Rückschlag erlitten. Als Spitzenforscherin in einem Pharmazielabor hat sie unter dem Namen "Anna" Kollegen "Lucas" geehelicht: einen reichlich mediokren Jason, der sie einer Jüngeren wegen sexuell vernachlässigt.

    Die trostlose Nachgeschichte des Argonauten-Mythos feiert in der Wiener Burg ein Comeback. "Medea" (geschrieben und inszeniert von Simon Stone nach Euripides) ist ein Melodram geworden, ein Serienstoff mit mythischen Geschmacks- und Aromabeigaben. Eine echte Herz-Schmerz-Katastrophe in Netflix-Qualität.

    Ein Anschlag auf Lucas' Leben trägt die Handschrift der frustrierten Ehefrau. Aus der antiken Giftmischerin ist ihrerseits ein therapeutischer Fall geworden. Keine Nuss, die sich nicht mit konzentriertem Einsatz von Sedativa knacken ließe: Die moderne Medea, als Täterin ausgeforscht und psychiatrisch ruhiggestellt, kehrt geläutert heim in den Schoß der dysfunktionalen Familie.

    Vor weißen Stellwänden

    Das Schlimmste scheint vorerst überstanden im Wiener Burgtheater, wo Anna (Caroline Peters) und Lucas (Steven Scharf) ein Comeback feiern. Mit solchen beruhigenden Aussichten setzt die Inszenierung ein: vor weißen Stellwänden (Bühne: Bob Cousins), die jedem Klinikum für Burn-out-Opfer mit Krankenzusatzversicherung Ehre machen würden.

    Peters' ebenso sorgenvolles wie ausdrucksstarkes Antlitz flimmert als Projektion über eine versenkbare Stirnwand. Der Göttergatte hält verlegen das Produkt aus ihrer Therapiestunde in der Hand: einen Ölschinken, der die Geschichte der Arche Noah in eine Katastrophe für die beteiligten Tierarten umdeutet.

    "Alles auf Anfang!", versichern einander wie aus Trotz die leidgeprüften Ehepartner. Dieser Wunsch ist natürlich ebenso lammfromm wie abgrundtief verlogen. Und eben dies kann man Stones trivialer Neuerzählung des alten Medea-Stoffes wenigstens zugutehalten: Sie hält sich nicht mit überflüssigem Psychotalk auf. Sie kommt in neunzig Minuten zur Sache.

    Nur dass eben der Mythos ihre Sache nicht ist. Denn in Wahrheit stellt die Migrantin aus dem finsteren, kleinasiatischen Land der Kolcher ein echtes Ärgernis dar. Sie ist eine ungeschlachte Emissärin aus den Bezirken der Mütter. Eine, die den verfemten Teil unserer auf Ausschluss, auf Zensur gegründeten Zivilisation repräsentiert und für deren Vernunftprinzip einen latenten Gefahrenherd bildet.

    Negation der Verhältnisse

    In Korinth, wo Jason sie wegen der schönen Königstochter Kreusa (hier "Clara", gespielt von Mavie Hörbiger) sitzenlässt, bedeutet allein ihre bloße Existenz eine Negation der bestehenden Verhältnisse. Ihr Wehklagen ist bereits in Euripides' ehrwürdiger Version des Stoffes ein echter Skandal.

    In der Burg, wo Stone ein vier Jahre altes Regiekonzept überarbeitet und neu aufgesetzt hat, muss man Medeas Rache nicht kalt genießen, sondern vorgewärmt, lau temperiert mit dem Tauchsieder der Alltagsvernunft. Die beiden Söhne des unheiligen Paares sind die vernachlässigten Geschöpfe einer verfahrenen Situation. Sie halten mit der Videokamera auf die Mama. Klar: Die stagnierende Familie ist für die Buben immer noch besser als gar keine Familie.

    Annas Versuche, in ihr altes Leben zurückzuschlüpfen wie in eine abgelegte Haut, sind absehbar zum Scheitern verurteilt. Der Chef des Labors (Christoph Luser) ist immerhin der Bruder von Clara, Lucas' aktuellem Love-Interest.

    Die Schauspieler agieren als kreuzbrave Sachwalter ihrer arg überschaubaren Eigenschaften. Und man kann auch Medeas, pardon: Annas Ungeduld mit Lucas verstehen, der sich hinter seinen Laborbrillen verschanzt hält und überdies die Hände in den Hosentaschen parkt, wie um allfälligen Handgreiflichkeiten vorzubeugen.

    Lob des Versöhnungsbeischlafs

    Natürlich erspielt Peters, eine Hochreizbare im nüchternen Alltagsgewand, sich und den anderen Situationen von traumhafter Dichte. Sie landet mit dem Ehegespons prompt im Bett. Sie feiert den Versöhnungsbeischlaf fälschlich als Hochamt ihres runderneuerten Daseins. Dafür fällt sie nur umso brachialer aus allen Wolken. Als Vertrauensspender fungiert der Rotwein; im Clinch mit der Rivalin zaubert Peters den Nibelungen-Streit der Königinnen vor dem Wormser Dom herbei.

    Doch Brandruinen lassen sich nicht frisch entzünden. Aus dem Schnürboden rieselt das Verhängnis in Gestalt von Rußpartikeln. Schwarz ist der Schnee zum Mythen-Kehraus. Das Muster, nach dem Medeas Kindsmord erzählt wird, folgt in Simon Stones Lesart einem verbürgten Fall aus den USA.

    Auch das ist kein Zufall. Im Heimatland der Kulturindustrie ersetzen Amok und Paranoia die Voraussetzungen für jedes Verhängnis. Es ist kein Wunder, dass Simon Stones Theater das frenetisch bejubelte Muster für eine zeitgemäße Abwicklung von Tragödien bildet. Wo sich Geschichten voller Unheil am ehesten als Farcen auf Twitter wiederholen, da kommt einem dieses tadellose geschnäuzte Netflix-Theater bereits wie der Ausdruck des Weltgeists vor. (Ronald Pohl, 21.12.2018)

    • Die liebe Familie ist dysfunktional. Von links: Steven Scharf (Lucas), Quentin Retzl (Georg), Caroline Peters (Anna) und Wenzel Witura (Edgar).
      foto: apa/burgtheater/georg soulek

      Die liebe Familie ist dysfunktional. Von links: Steven Scharf (Lucas), Quentin Retzl (Georg), Caroline Peters (Anna) und Wenzel Witura (Edgar).

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