Acht Argumente, die Vegetarier nicht beeindrucken

    23. Dezember 2018, 12:34
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    In manchen Familien wird die Weihnachtsvöllerei zur Glaubensfrage. Die einen freuen sich auf die Gans, die anderen essen kein Fleisch. Grund zum Streiten ist das nicht

    Weihnachten! Zeit der Liebe, Zeit der Harmonie – und Zeit der Weihnachtsgans. Die steht an den Feiertagen bei vielen traditionell auf dem Tisch. Und während einem Teil der Familie schon allein beim Gedanken an die knusprige Gans das Wasser im Mund zusammenläuft, kommt der andere, zumeist jüngere Teil der Familie pünktlich zu den Festtagen in Erklärungsnot. Denn wer kein Fleisch isst (oder, Gott bewahre, gleich gar keine tierischen Produkte), wird zumindest von der Oma ziemlich schief angeschaut.

    foto: istockphoto

    Dabei ist es den meisten Vegetariern egal, was die anderen am Tisch essen, trinken und welchen ökologischen Fußabdruck sie hinterlassen. Für sie steht hinter der von nicht allen akzeptierten Ernährungsform meist Tier- und Umweltschutz und die Reflexion über das eigene Dasein. Weil das aber jeder für sich selbst machen muss, bringt es nichts, Vegetariern und Veganern Unhöflichkeit, Unsinnigkeit oder Genussverweigerung vorzuwerfen, wenn sie bei der Weihnachtsgans abwinken, dafür aber bei Rotkraut und Semmelknödel zugreifen.

    Trotzdem: Vegetarier müssen sich von Fleischessern am Tisch immer dieselben Argumente anhören. Hier eine Sammlung – samt Antwortmöglichkeiten.

    1. "Ohne Fleisch schmeckt es nicht."

    Schmecken dir deine Raketen nicht? Dann Finger weg und her damit. Ja, wir wissen, dass sie eigentlich Kroketten heißen, aber solange ihr zu unserem Tofu "Bäh" sagt, dürfen wir unserem Essen auch Spitznamen geben. Wir mögen Tofu nämlich. Weil er gut schmeckt. Nach Basilikum, Chili oder Knoblauch – je nachdem, wie man ihn halt würzt. Ganz ohne Würze schmeckt Tofu irgendwie gar nicht so anders als ein rohes Stück Fleisch: nach nichts.

    2. "Du isst meinem Essen das Essen weg."

    Ein Glas Champagner für jedes Mal, wenn wir den Spruch gehört haben – und wir müssten den Weinkeller ausbauen. Ohne jetzt zu weit ausholen zu wollen: Für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch braucht es 16 Kilogramm Getreide, die von den Viechern ihr Leben lang so verspeist werden. Von dem, was da bei einem ganzen Tier zusammenkommt, könnte ein Mensch lange leben.

    3. "Wenn du kein Fleisch isst, hast du keine Kraft."

    Probewatschn? Nein, nicht von uns. Wir sind ja auch noch leidige Pazifisten. Aber vielleicht vom Kraftsportler Patrik Baboumian, der 2011 zum stärksten Mann Deutschlands gekürt wurde und sich vegan ernährt. Oder wer will sich von Venus Williams eine pracken lassen? Ja, die Tennisspielerin ernährt sich ebenso pflanzlich wie der Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton.

    4. "Soja-Würstel gehen gar nicht. Entweder Fleisch oder eben nicht."

    Ja, weil ein Paarl Frankfurter bekanntlich vom gemeinen Würsteltier stammt, darf nur Fleisch – respektive die Reste davon – in irgendeinen Darm gesteckt werden. Aber im Ernst: Nur weil jemand kein Fleisch mehr essen will, bedeutet das ja nicht, dass das Fleisch nicht mehr schmeckt – sondern vielleicht, dass man einfach weniger Tierleid verursachen will.

    5. "Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen."

    Wir haben auch früher mal in Höhlen gewohnt und uns gegenseitig den Kopf mit Knüppeln eingeschlagen. Seither hat sich ein bisserl was verändert.

    6. "Fisch isst du aber schon?"

    Solange sich Fische nicht so bequem wie Kirschen von den Bäumen brocken lassen, sondern getötet werden, werden die meisten Vegetarier abwinken.

    7. "In Tofu sind weibliche Hormone."

    Soja enthält tatsächlich sogenannte Phytoöstrogene, die den Östrogenen ähneln. An eine Verweiblichung von Männern glaubt die seriöse Wissenschaft allerdings trotzdem nicht. Obwohl der Körperbau mancher Männer daran zweifeln lässt. Denn im heiligen Gerstensaft schwimmen sie ja auch, diese grauslichen Phytohormone.

    8. "Na, wenigstens zu Weihnachten könntet ihr ja ..."

    Was? Über unseren Schatten springen und unseren ganzen Lebensstil über den Haufen werfen, nur weil Onkel Ernst und Tante Mizzi meinen, dass man sich selbst kasteit, wenn man "nix Gescheites isst"? Sollen sie tun, wie sie wollen, wir tun, wie wir wollen.

    Fazit:

    Worum es beim Fest mit der Familie am 24. Dezember vor allem geht, ist der Weihnachtsfrieden. Die amerikanische Psychologin und Vegan-Aktivistin Melanie Joy empfiehlt daher zum Beispiel, dass provokant geführte Debatten am Esstisch lieber ausgebremst werden. Sie selbst sagt dann zum Beispiel: "Schau, ich möchte heute einfach nur ein normaler Mensch sein – und keine Vertreterin des Veganismus."

    Die Wiener Mediatorin Barbara Günther empfiehlt bei Gesprächen das Prinzip Ich-Botschaft. Das heißt: Grundsätzlich nur Aussagen über sich selbst zu machen – und nicht über andere. Ihr Nachsatz: "Unter gar keinen Umständen besserwisserisch werden."

    Denn, und auch das ist klar: Vegetarier werden Fleischesser am Weihnachtsabend sicher nicht überzeugen. Umgekehrt funktioniert das aber genauso wenig.

    Im besten Fall finden Familien, die Vegetarier und Fleischesser in sich vereinen, ja sogar einen Kompromiss. Er könnte zum Beispiel so ausschauen: Wenn es dieses Jahr ein klassisches Gansl sein musste, steht vielleicht nächstes Jahr eine vegane Gans aus Tofu auf dem Tisch. Die gibt es nämlich auch. (Franziska Zoidl, Guido Gluschitsch, 23.12.2018)

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