Die Auferstehung des Quastenflossers

Vor achtzig Jahren entdeckte eine junge Amateurforscherin einen Fisch, von dem man dachte, er sei mit den Dinosauriern ausgestorben

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22. Dezember 2018, 13:00

Wenn man kurz vor Weihnachten einen Fischerhafen besucht, um sich den neuesten Fang zeigen zu lassen, kann als Grund die Suche nach einem Kandidaten für ein festliches Mahl angenommen werden. Nicht so bei Marjorie Courtenay-Latimers Visite am 22. Dezember des Jahres 1938.

Die Kuratorin des kleinen Museums in der südafrikanischen Hafenstadt East London war informiert worden, dass die Nerine mit einer Ladung Fische eingelaufen sei. Hendrik Goosen, der Kapitän des Trawlers, versorgte die junge Naturforscherin regelmäßig mit neuen Exemplaren für die Museumssammlung. Die Biologie war Courtenay-Latimer gewissermaßen in die Wiege gelegt worden: Ihre Eltern hatten ihre Begeisterung für die Natur mit allen denkbaren Möglichkeiten gefördert.

foto: the south african institute for aquatic biodiversity (nrf-saiab, www.saiab.ac.za)
Marjorie Courtenay-Latimer mit ihrer Jahrhundertentdeckung.

Knifflige Konservierung

In dem Haufen gefangener Meerestiere an Bord der Nerine entdeckte Courtenay-Latimer einen Fisch, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Der Kopf war gepanzert, die harten Schuppen des Körpers schimmerten silbrigblau. Das Tier erinnerte die Kuratorin an bestimmte ausgestorbene Schmelzschupper. Ihr war bewusst, dass dies eine wichtige Entdeckung war, und sie nahm den eineinhalb Meter langen und mehr als 50 Kilogramm schweren Fisch mit in ihr Museum, doch in der Fachliteratur fand sie keine Hinweise, die ihr bei der Bestimmung ihres Fundes halfen.

foto: the south african institute for aquatic biology (saiab, www.saiab.ac.za)
Sogar Postkarten wurden nach dem Sensationsfund gedruckt: Marjorie Courtenay-Latimer mit ihrem Fisch, ihrem Museum in East London und dem Trawler Nerine.

Doch wie sollte sie den Fisch konservieren, so kurz vor den Feiertagen und in der heißen Schwüle des Dezembers? Der Leiter der Leichenhalle im örtlichen Krankenhaus ließ sie mit ihrem Anliegen ebenso abblitzen wie der Besitzer des einzigen Kühlhauses der Stadt.

Die Farbe des Fisches hatte sich mittlerweile von einem glänzenden Blau in ein stumpfes Grau gewandelt. Courtenay-Latimer brachte ihn zu Robert Center, einem befreundeten Taxidermisten. Er riet ihr, den Fisch einstweilen in formalingetränkte Tücher zu wickeln.

Banges Warten

Doch Formalin war ein rares Gut in der Stadt, mehr als ein Liter war nicht aufzutreiben. Sie schickte einen Brief an den Ichthyologen James Leonard Brierley Smith von der Rhodes University und legte eine Skizze des Fisches bei. Smith war jedoch verreist und erhielt die Nachricht erst am 3. Jänner. Er erkannte die Bedeutung anhand der Zeichnung sofort: Dieser Fisch war ein Coelacanth und hatte seit vielen Millionen Jahren ausgestorben zu sein.

Die Zeichnung und Beschreibung des Quastenflossers, die Marjorie Courtenay-Latimer an James Leonard Brierley Smith schickte.

Zoologische Tragödie

Er reagierte umgehend. In einem berühmt gewordenen Telegramm schrieb er an die Kuratorin: "Höchste Wichtigkeit Skelett und Kiemen erhalten." Noch am selben Tag erklärte Smith, wie wichtig die Erhaltung der inneren Organe sei. Doch zu viel Zeit war vergangen: Nachdem nach einigen Tagen ölige Flüssigkeiten aus dem Fisch ausgetreten waren, hatte Courtenay-Latimer entschieden, die Innereien zu opfern, um den Fisch als Präparat zu erhalten. Smith bezeichnete diesen Verlust als "eine der größten Tragödien der Zoologie", und andere Wissenschafter machten Courtenay-Latimer daher schwere Vorwürfe. Smith verteidigte Courtenay-Latimer jedoch stets gegen die Anfeindungen seiner Kollegen. Er gab dem Fisch den Namen Latimeria chalumnae – zu Ehren der Entdeckerin und nach dem Fluss Chalumna, vor dessen Mündung er gefangen wurde.

foto: nhm wien
Caridosuctor populosum lebte im frühen Karbon. Das 15 Zentimeter lange Fossil stammt aus dem Bear-Gulch-Kalkstein von Montana in den USA.

Polizeieskorte

Erst im Februar schaffte Smith es, den Coelacanthen persönlich in East London zu begutachten. Er ließ den Fisch mit einer Polizeieskorte in sein Haus in Grahamstown bringen, wo er zunächst einen Artikel für "Nature" und in den kommenden Monaten eine Monografie verfasste. Die Nachricht vom "lebenden Fossil" sorgte weltweit für Schlagzeilen. Wie konnte der Fisch so lange Zeit überdauern?

foto: vosatka
Ein triassischer Quastenflosser aus Raibl in Südtirol.

Die letzten fossilen Belege der Coelacanthen stammten aus der Oberkreide vor mehr als 70 Millionen Jahren. Die ältesten bekannten Vertreter hingegen lebten im Unterdevon vor rund 400 Millionen Jahren. Damals trennten sich gerade erst die Linien der Quastenflosser von den Lungenfischen und den Vorfahren der Tetrapoden. Der Coelacanth ist damit auch ein relativ naher Verwandter in unserem Stammbaum – auch wenn er nicht das Missing Link ist, für das er zunächst gehalten wurde: die Lungenfische stehen uns näher.

Hohe Belohnung ausgesetzt

Der Verlust der Innereien ließ Smith nicht los. Er musste einen kompletten Quastenflosser finden. Dazu ließ er Steckbriefe in den Häfen der afrikanischen Ostküste aufhängen und versprach eine Belohnung von 100 Pfund – eine enorme Summe für die Fischer. Dennoch dauerte es volle 14 Jahre, bis zu Weihnachten 1952 auf den Komoren ein weiteres Exemplar gefunden wurde. Es stellte sich heraus, dass den lokalen Fischern der Quastenflosser seit langem als "Gombessa" wohlbekannt war.

In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Exemplare für Museen gefangen. Aus dieser Zeit stammt auch jene Latimeria, die im Wiener Naturhistorischen Museum (NHM) ausgestellt ist. Diese wurde 1974 um 27.342 Schilling angekauft – zu Weihnachten.

foto: nhm wien
Die Latimeria in der Schausammlung des Naturhistorischen Museums Wien wurde 1974 angekauft.

Im Gegensatz zu vielen seiner ausgestorbenen Verwandten, die in seichten Gewässern fossil erhalten blieben, leben die rezenten Quastenflosser in bis zu 400 Metern Tiefe. Ihr Lebensraum sind felsige Höhlen.

Fast fünfzig Jahre dauerte es daher, bis 1987 dank der Fahrten des deutschen Biologen Hans Fricke mit dem Tauchboot Geo erstmals Quastenflosser in ihrem Lebensraum beobachtet werden konnten. 1998 gerieten die Fische erneut in die Schlagzeilen, als vor der indonesischen Insel Sulawesi eine zweite Art entdeckt wurde. Diese unterscheidet sich vom Komoren-Quastenflosser durch seine Farbe: Latimeria menadoensis ist rötlichbraun statt blau und ein bisschen weniger gefährdet als ihre Schwesterart.

foto: nhm wien
Auch ein Skelett wird im NHM gezeigt. Brust- und Bauchflossen ähneln den Gliedmaßen der Landtiere. Anstelle einer Wirbelsäule verfügt Latimeria über eine urtümliche mit Öl gefüllte Chorda.

Tatsächlich ähnelt Latimeria ihren Vorfahren äußerlich sehr. Dennoch sind auch die Quastenflosser trotz der Bezeichnung als "lebendes Fossil" natürlich genauso wie alle Lebenwesen einer steten Evolution unterworfen. So haben sich die beiden heutigen Arten vor etwa dreißig bis vierzig Millionen Jahren voneinander getrennt, wie DNA-Analysen zeigten. Die fossil belegten Arten stammen im Regelfall aus seichteren Gewässern und erreichten die Größe der Latimeria bei weitem nicht. Trotzdem ist anzunehmen, dass die Coelacanthen bereits lange vor dem Aussterbeereignis an der Kreide-Paläogen-Grenze Lebensräume in tieferen Meeresbereichen besiedelten.

Die mit mehr als 70 Millionen Jahren extrem lange Lücke im Fossilbericht erklärt der Leiter der geologisch-paläontologischen Abteilung des NHM Mathias Harzhauser mit den für eine Fossilation ungünstigen Bedingungen im Lebensraum der Quastenflosser. Außerdem würden die seit dem Paläogen abgelagerten Gesteinsschichten um den Indischen Ozean noch für lange Zeit in den Tiefen des Meeres liegen, bis sie durch tektonische Prozesse an die Oberfläche gehoben werden.

Zu seinem Glück ungenießbar

Auch wenn sie also auch nach 400 Millionen Jahren noch nicht ausgestorben sind: Die Wahrscheinlichkeit, beim weihnachtlichen Fischmahl einen Coelacanthen vorgesetzt zu bekommen, ist jedenfalls gering. Abgesehen davon, dass der Quastenflosser streng geschützt ist, gilt er als völlig ungenießbar. Er enthält große Mengen von Öl, Harnstoff und Wachsestern, wodurch er unverdaulich ist – für Menschen und für seine natürliche Feinde. (Michael Vosatka, 22. 12. 2018)

nat geo wild
Seltener Anblick: Quastenflosser in ihrem natürlichen Lebensraum.

Link
East London Museum

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