Warum Charity nicht nur ein Geschäft ist

    Kolumne21. Dezember 2018, 08:00
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    Zwischen altägyptischer Grabinschrift und den Punschständen der "Seitenblicke"-Gesellschaft ist es abgesehen vom Eigennutzen durchaus sinnvoll wohltätig zu sein

    Wien – Das Seitenblicke-Format war damals zwar noch nicht erfunden: Deshalb konnten sich die alten ägyptischen A-, B- und meistens C-Promis auch noch nicht darüber freuen, dass sie am Tag nach einer Wohltätigkeitsveranstaltung, an der sie teilgenommen hatten, im TV-Vorabendprogramm aufpoppten. Allerdings hatten sie damals nach ihrem Tod wenigstens auf den Grabtafeln eine gute Nachrede. Sie wurden hieroglyphenreich als mildtätig ebenso gelobt – wie überhaupt Empathie und Mitleid als wesentliche Vorzüge so eines alten Ägypters angesehen wurden. Wer das Pech hatte, sein Dasein als zwangsmigrierter Sklave zu fristen, fiel aus dieser Regelung heraus, las aber auch selten Grabinschriften.

    Lange vor Christi Geburt tat man so zu Lebzeiten Gutes für die Armen und Bedürftigen, um danach vor allem auch in der anderen Welt drüben gut anzukommen. Es schadet ja nichts, wenn man parallel zum Hausrat, der Lieblingskatze und ein wenig barer Münze auch die guten Taten mitnimmt.

    Gulaschsuppen-Orangenpunsch

    Die alten Ägypter, die sicher nicht weniger eitel als wir heute waren, mussten dafür nicht einmal bei beißender Kälte auf irgendwelchen urbanen Plätzen herumstehen. Es blieb ihnen auch erspart, Gulaschsuppenorangenpunsch zu würgen oder getrocknete Vanillekipferln in Prosecco-Glühmost mit Ingwer zu tunken, während sie versuchen, vor der Kamera die Augen im Parallelmodus zu halten.

    Heute sprechen wir natürlich längst nicht mehr von Mild- oder Wohltätigkeit. Heute nennt sich das speziell im Advent immer noch inflationärer umgehende, zunehmend auch auf den mittelalterlichen Ablasshandel verweisende Phänomen Charity. Tschärrity reicht von der Weinversteigerung über den Künstlerflohmarkt bis zum Benefizkonzert, bevor sie Richtung Narkose abbiegt und am Punschstand Licht ins Dunkel bringt.

    Suchscheinwerfer und Fernsehspots

    Das alles hat nichts mit mindestens ebenso wichtiger ehrenamtlicher Tätigkeit im Wohltätigkeitsbereich zu tun – und schon gar nichts mit Sachspenden, die man auch tätigen könnte, ohne sich einen hinter die Binde zu kippen. Wobei nichts gegen ein wenig Berauschung im Leben und der Pflege der Egos von Personen öffentlichen Interesses gesagt sei, die durch Seitenblicke-Events Öffentlichkeit für Menschen generieren, auf die ganz allgemein leider eher Suchscheinwerfer als Fernsehspots gerichtet werden.

    Man darf die gute Tat, warum auch immer (Kapitalismuskritik bezüglich eines Ausbeutersystems, unser wohlbestalltes Leben auf Kosten anderer ...), nicht als Basis jedweder Menschlichkeit schlechtreden. Ein wenig mehr Hintergrund zum vordergründigen Anlass der Selbstabfeierung für gute Taten wäre aber durchaus wünschenswert. So eine alteingesessene Charity-Lady im Verein mit der Seitenblicke-Produktion könnte ja auch einmal klarmachen, worum es bei so einer Punschparty eigentlich geht.

    Bei der Caritas kann man heuer übrigens Obdachlosen einen Schlafsack schenken oder für Familien in der Dritten Welt Ziegen, Esel oder Hühner spenden. Geht auch nach Weihnachten. (Christian Schachinger, 21.12.2018)

    • Im Advent brummt das Geschäft mit der feuchtfröhlichen Mildtätigkeit wie nie zuvor.
      toppress/schöndorfer

      Im Advent brummt das Geschäft mit der feuchtfröhlichen Mildtätigkeit wie nie zuvor.

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