Ex-"Spiegel"-Reporter Claas Relotius: Zu gut, um wahr zu sein

    Video20. Dezember 2018, 12:10
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    Der 33-Jährige hatte seine Reportagen ganz oder teilweise gefälscht – Reporter gab Preise zurück

    Das renommierte Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" gab am Mittwoch, dem 19. Dezember, bekannt, dass der preisgekrönte Reporter und Redakteur Claas Relotius viele seiner Reportagen ganz oder teilweise gefälscht hatte. Er hat dabei Protagonisten und Zitate erfunden und hinzugedichtet oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht. Die gesamte Branche im deutschsprachigen Raum, aber auch weltweit ist erschüttert. Claas Relotius' Fall gilt als größter Skandal im Journalismus seit den im Magazin "Stern" 1983 veröffentlichten angeblichen Hitler-Tagebüchern.

    Leiser und uneitler Kollege

    Der designierte "Spiegel"-Print-Chefredakteur Ulrich Fichtner bezeichnet den 33-jährigen Relotius als einen "Typen, dessen Eltern man gratulieren möchte zu ihrem gelungenen Sohn". Kenner sahen in Relotius eine Ausnahmeerscheinung – in einem Haus mit vielen männlichen Egos: ein leiser Kollege, uneitel trotz seines Erfolgs.

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    Der deutsche Journalist Ulrich Wickert spricht über den Betrugsfall beim "Spiegel". "Für den Spiegel ist es natürlich eine Katastrophe, das ist gar keine Frage", sagt Wickert.

    Denn Relotius räumte einen Preis nach dem anderen ab. Mit dem Erfolg kam der "Druck, nicht scheitern zu dürfen", wie er dem "Spiegel" in einer ersten Reaktion gestand. Erst Anfang Dezember war er zum vierten Mal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden. Relotius gab die Preise freiwillig zurück, den Peter-Scholl-Preis erkannte man ihm bereits ab. Der "Spiegel" kündigte eine umfassende Aufarbeitung an, das Ausmaß der Fälschungen sei bisher noch unklar.

    Relotius publizierte auch in "Zeit online" und "Zeit Wissen", insgesamt sechs Texte sind dort erschienen. Die Hamburger Wochenzeitung kündigte in ihrem Transparenzblog "Glashaus" an, die Beiträge nun auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Die Ergebnisse der Recherche will "Zeit" im "Glashaus" veröffentlichen. Auf Anrufe und Nachrichten der "Zeit" antwortete Relotius lediglich: "Alles korrekt."

    "Profil" und "Datum" überprüfen

    Auch in Österreich war Relotius aktiv. Für ein Interview mit dem umstrittenen Anwalt Jacques Vergès wurde er mit dem Österreichischen Zeitschriftenpreis ausgezeichnet. Der Österreichische Zeitschriftenverband (ÖZV), der den Preis vergibt, verweist auf das "Profil". Dort sieht man keine Hinweise, die auf Fälschung hindeuten, geprüft werde trotzdem.

    Auch im österreichischen Monatsmagazin "Datum" veröffentlichte Relotius zwischen 2013 und 2015 drei Texte. Dabei habe es sich um Zweitabdrucke gehandelt, sagt "Datum"-Chefredakteur Stefan Apfl, der in jener Zeit noch nicht das Magazin leitete, zum STANDARD. Der Autor selbst sei bisher nicht erreichbar. Der Fall Relotius sei für die Branche ein "Erdbeben, dessen Folgen noch nicht absehbar sind". Trotzdem sieht Apfl in der entstandenen Aufmerksamkeit eine Chance: "Als Journalistinnen und Journalisten stehen wir jetzt im Rampenlicht. Wir müssen und können unser Handwerk und seine Arbeitsbedingungen erklären. Und gleichzeitig beides hinterfragen", sagt Apfl.

    "Bei Relotius sind viele renommierte Medien trotz engmaschiger Qualitätskontrollen einfach einem Betrüger aufgesessen. Da ist man leider chancenlos", sagt der damalige "Datum"-Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner. Trotzdem warnt er davor, "alle Reportagenschreiber in Geiselhaft zu nehmen. Auf Twitter veröffentlichte er eine alte E-Mail von Relotius an ihn. Nein, er könne leider keine Bilder zur Geschichte liefern, da Polizisten angeblich Kamera und Speicherkarten beschlagnahmt hätten. Die Mail lese sich jetzt komplett anders, twitterte Kaltenbrunner.

    Lob und Kritik für "Spiegel"

    Die Reaktionen der geschockten Branche sind zum Teil voll des Lobes für die Art und Weise, wie der Spiegel die Fälschung öffentlich gemacht hat. Als vorbildlich und transparent bezeichnet der "ZiB"-Moderator Armin Wolf die Aufarbeitung auf Twitter.

    Doch es gibt auch Kritik, und die gilt vor allem dem Stil, den der "Spiegel"-Chefredakteur Ullrich Fichtner für die Offenlegung des Skandals gewählt hat. "Ausgerechnet mit einer großen Reportage feiert 'Der Spiegel' sein bisher größtes Redaktionsversagen – und bestärkt damit ausgerechnet jene Form des Journalismus, die den Fall Relotius begünstigt hat", kritisiert der Journalisten-Blog "Salonkolumnisten". Fichtner habe eher eine Enthüllungsreportage als eine Hausmitteilung geschrieben, kritisierte Hansjörg Müller in der "Neuen Zürcher Zeitung": "Selbst in seiner öffentlich zelebrierten Zerknirschung schien es ihm noch wichtig zu sein, mit einer guten Geschichte zu glänzen."

    Viele kritisieren das System, das die Möglichkeit der Fälschung begünstigt hat: die Überhöhung der Reporter und der Reportage, den Druck, dem die Mitarbeiter des "Spiegel" ausgesetzt sind, Grandioses liefern zu müssen. "Es gibt den Druck, gutes Zeug zu liefern", sagt Relotius' Kollege Juan Moreno, der ihn entlarvte, im Interview für die eigene Redaktion. "Aber es gibt verdammt noch mal die Verpflichtung, dass das Zeug wahr sein muss." (Philip Pramer, Olivera Stajić, 20.12.2018)

    Hinweis: Dieser Text wurde aktualisiert.

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    • Drei von 55 Texten, die Claas Relotius für den "Spiegel" schrieb. Vieles davon war erfunden.
      foto: lukas friesenbichler

      Drei von 55 Texten, die Claas Relotius für den "Spiegel" schrieb. Vieles davon war erfunden.

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