Matthias Sindelar und das antifaschistische Märchen

    19. Dezember 2018, 12:10
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    Sie sind längst widerlegt, dennoch werden Legenden von Matthias Sindelars Widerstand gegen die Nazis auch heute noch gerne erzählt. David Forster hat zu dem Spieler und dessen "Arisierung" eines Kaffeehauses geforscht. Im Interview spricht er über deplatzierte Nostalgiefahrten und langlebige Mythen

    Ausgerechnet auf eine Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten bezieht sich ein zentraler Sindelar-Mythos. Kurz nach dem "Anschluss" 1938 trafen die frühere österreichische und die deutsche Nationalmannschaft im "Versöhnungsspiel" aufeinander. Matthias Sindelar erzielte ein Tor, das Team in den roten Dressen gewann 2:0. Als er neun Monate später verstarb, waren weitere Zutaten für die Mythenbildung vorhanden, die lange die "Arisierung" eines Kaffeehauses durch Sindelar überdecken konnte. Erst ab 2003 kam der Mythos durch die Sindelar-Debatte etwas ins Wanken. An der Diskussion unter Journalisten und Historikern war David Forster zentral beteiligt, der im selben Jahr die Serie "Fußball unterm Hakenkreuz" im ballesterer ins Leben gerufen hatte. Er forschte weiter, veröffentlichte journalistische und wissenschaftliche Beiträge und hielt Vorträge zu dem Thema. 15 Jahre nach dem Beginn der Debatte zieht er ein leicht resigniertes Resümee. "So viel haben wir nicht weitergebracht", sagt er. "Die Haltbarkeit dieser Legenden ist enorm."

    ballesterer: Wer war Matthias Sindelar – der beste Austrianer aller Zeiten oder ein besserer Regionalligakicker?

    David Forster: Regionalligakicker war er natürlich keiner, weil die Wiener Liga damals die höchste Spielklasse war. Wenn man den zeitgenössischen Berichten glaubt, war er einer der besten Fußballer Europas.

    ballesterer: Wie würden Sie das Erinnern an Sindelar beschreiben?

    Forster: Es hat verschiedene Facetten. Da gibt es den Fußballer, den Menschen, und über all das gestülpt und riesengroß den Mythos. Der setzt am 24. Jänner 1939 ein, am Tag nach Sindelars Tod. Da beginnen die verschiedenen Seiten, an der Figur zu zerren. Die Nazis versuchen, ihn zu vereinnahmen. Sie machen aus ihm den blonden Heerführer des "Wunderteams". Und die wirklichen Opfer, vertriebene Juden, machen aus ihm ein Naziopfer. Nach 1945 wird aus Sindelar ein Österreich-Patriot. Das braucht das Land damals, und dafür ist er super geeignet.

    ballesterer: Was haben die wirklichen Opfer beigetragen?

    Forster: Alfred Polgar und Friedrich Torberg, die jüdischen Exilliteraten, denken 1939 an ihr untergegangenes Wien – und projizieren es auf Sindelar. Sie konnten sich das gar nicht anders vorstellen, als dass die Nazis ihn umgebracht haben, oder er sich umgebracht hat, weil er die Nazis nicht aushält. Das ist das, was sie selbst empfinden. Nach 1945 schreibt der ebenfalls vertriebene Leo Schidrowitz in seiner ÖFB-Chronik: "Sindelar plötzlich gestorben (Selbstmord?)" Diese Erzählungen werden 40 Jahre unwidersprochen vorangetrieben – zuerst von Journalisten, dann von Historikern.

    ballesterer: Ende der 1980er zerfällt die These von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Warum braucht es diese Geschichten dann noch?

    Forster: Österreich hat mit dem Fall Waldheim angefangen, anders über seine NS-Vergangenheit zu denken. Es beginnt die Beschäftigung mit kleineren Formen des Widerstands oder der Resistenz wie alliertes Radio hören, einem Zwangsarbeiter ein Stück Brot geben und so weiter, aber auch mit den kleinen Tätern, also auch den "Ariseuren" von kleineren und mittleren Betrieben. Beim Sindelar denkt man sich: Der war so goschert, der hat auch etwas gegen die Nazis gemacht, halt am Fußballfeld, also der Torjubel als Widerstand.

    ballesterer: Welche Rolle haben dabei die noch lebenden Zeitzeugen gespielt?

    Forster: Einer der Hauptzeugen für Sindelars Widerständigkeit war Austria-Sekretär Norbert Lopper, der nach dem "Anschluss" flüchten musste und später in Auschwitz und anderen KZ inhaftiert war. Er war mit Sindelars Mutter befreundet und hat das erzählt, was sie ihm erzählt hat. Wer will denn schon wahrhaben, dass diese Heldengestalt eine ganz banale, hässliche Seite hat? Als die "Arisierung" des Kaffeehauses nicht mehr verschwiegen werden kann, wird sie entschuldigt. Es entsteht die Legende vom angemessenen Kaufpreis und das Bild, Sindelar habe dem Cafetier Leopold Drill geholfen.

    foto: vga/wiberal

    ballesterer: Inwiefern hat die Familie zum Mythos beigetragen?

    Forster: Eine Schwester, Leopoldine Sulc, war von 1942 bis zur Restitution an die Erben Drill Alleininhaberin des Kaffeehauses. Nach 1945 schlägt sie einen widerlichen Verteidigungskurs ein. Sie lügt einfach. Vielleicht macht man das, wenn man ein "arisiertes" Kaffeehaus gerne behalten möchte. Die Mutter bringt ins Spiel, dass Sindelar, die Austria und der FC Wien dort tarockiert und alle den Drill gekannt hätten. Schlussfolgerung der Sindelar-Verteidiger: Dann kann ihm der Sindelar ja nur einen Gefallen getan haben, weil anders ist das ja eine gruselige Vorstellung, den zu berauben, wenn du vorher jahrelang dort Karten spielst.

    ballesterer: Das ist erst in der Sindelar-Debatte kritisch zur Sprache gekommen. Wie würden Sie die Debatte bilanzieren?

    Forster: Sie ist extrem unglücklich verlaufen, weil sie schnell auf Nebenschauplätze wie die Parteimitgliedschaft und den Tod abgeglitten ist. Seit ein paar Jahren schreibt die Mehrheit der Fußballforscher wieder dieselben Dinge wie früher, meist mit ein, zwei kritischen Untertönen. Letztlich hat ab 2003 eine kleine Gruppe junger Wissenschafter versucht, gegen einen übermenschlich großen Mythos anzugehen. Zunächst bin ja auch ich selbst in die Falle des Sindelar-Mythos getappt. Ich wollte ursprünglich den Polizeibericht zu seinem Tod finden. Als ich ihn nicht gefunden habe, bin ich thematisch zur "Arisierung" hingegangen. Im Staatsarchiv haben sie mir dann gesagt, dass der Akt Café Annahof/Drill entlehnt ist. Ich war völlig baff. Journalist Peter Menasse ist zeitgleich am selben Thema gesessen.

    foto: daniel shaked/ballesterer
    "Den Verkaufsantrag von Drill und den Kaufantrag von Sindelar in der zeitlichen Reihenfolge zu vertauschen, ist kein Schnitzer, sondern Absicht. Indem er Sindelars NSDAP-Mitgliedschaft impliziert, möchte er aus ihm einen Nazi machen. Nichts davon ist nötig. Es reicht, die Fakten sprechen zu lassen: Sindelar war der "Ariseur", und es war kein angemessener Kaufpreis."

    ballesterer: Menasse hat seinen Artikel "Parteigenosse Sindelar" genannt. War diese zugespitzte Position nicht eher geeignet, den Mythos zu brechen?

    Forster: Er ist mit dem Vorschlaghammer draufgegangen. Er hat die Empörung der Etablierten angeregt, manchmal braucht es solche Leute in einer Debatte. Menasse wollte das Denkmal zumindest anknacksen, hat dafür aber Fouls begangen. Den Verkaufsantrag von Drill und den Kaufantrag von Sindelar in der zeitlichen Reihenfolge zu vertauschen, ist kein Schnitzer, sondern Absicht. Indem er Sindelars NSDAP-Mitgliedschaft impliziert, möchte er aus ihm einen Nazi machen. Nichts davon ist nötig. Es reicht, die Fakten sprechen zu lassen: Sindelar war der "Ariseur", und es war kein angemessener Kaufpreis.

    ballesterer: Wie hat die Austria auf die Debatte reagiert?

    Forster: Sie hat nichts gesagt, aber klare Statements gesetzt: Kurz nach dem Höhepunkt der Debatte hat der Klub im April 2004 eine Autobusnostalgietour zum Wohnort und Kaffeehaus von Matthias Sindelar veranstaltet. Und wenig später sein Bonuspunkteprogramm nach ihm benannt. Auch die Benennung der Südtribüne und ihres Sozialfonds nach Sindelar hat die Austria nicht einmal hinterfragt.

    ballesterer: Welche Reaktion hätten Sie sich gewünscht?

    Forster: Ich habe mich immer gefragt, warum verteidigt die Austria Sindelar, warum fabuliert der Klub über jüdische Spieler, die es 1938 nicht gegeben hat, statt an Leute wie Manager Robert Lang zu denken, der in Jugoslawien erschossen wurde? Warum gedenken sie nicht der Opfer, die es wirklich gab? Das geschieht erst jetzt. 2011 hat Präsident Wolfgang Katzian angekündigt, dass die Austria die Rolle des Vereins im Nationalsozialismus untersuchen will – und immerhin, 2018 liegt das Ergebnis mit dem Buch "Ein Fußballverein aus Wien" vor. Darin wird allerdings wieder das Bild gezeichnet, Sindelar sei von den Nazis geködert worden, der jüdische Eigentümer ein Vorbesitzer gewesen. Als die Mannschaft im November am Shoah-Mahnmal am Judenplatz war, war das auf der symbolischen Ebene endlich das, was ich mir vor zehn Jahren gewünscht hätte.

    ballesterer: Wie sehen Sie das internationale Sindelar-Bild?

    Forster: Das ist noch viel trauriger als das österreichische. In Deutschland schreiben selbst die faktenorientierten Fußballhistoriker das ab, was die Sindelar-Verteidiger fabulieren. 2015 hat mich das PM Magazin interviewt, ich habe der Autorin stundenlang erklärt, wie komplex die Figur ist. Aber die Redaktion wollte den von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer. Und genau den haben sie auch gebracht.

    ballesterer: In Italien haben NGOs in Holocaust-Gedenkwochen vom Vorbild Sindelar erzählt.

    Forster: Das Interesse an Sindelar ist in Italien und Argentinien besonders groß, also in zwei Ländern, die selbst vergangenheitspolitische Probleme haben: Gleichzeitig gibt es dort eine starke Linke und viel Fußballkultur. Die Autoren verlieben sich in ein antifaschistisches Märchen. Zum Beispiel in diesem italienischen Kinderbuch: Der Fußballer, der sich von den Nazis nicht brechen ließ, der eine jüdische Geliebte hatte und von grauen Gestapo-Männern umgebracht wird.

    ballesterer: Und sie haben keine Quellen, um das zu prüfen.

    Forster: Genau, auf der englischen Wikipedia ist lange gestanden, dass Sindelar Jude war. Selbst die hebräische Version erwähnt nicht, dass er ein "Ariseur" war. In den Anfangstagen von Twitter habe ich dort einmal "Sindelar" eingegeben und bin nur zu Blödsinn gekommen. Hunderte, tausende Tweets zu Sindelar, the star who rebelled against Hitler. Seither war ich nie wieder auf Twitter.

    ballesterer: Und je mehr das publiziert wird, desto schwieriger wird es, den Mythos zu brechen, weil alle voneinander abschreiben.

    Forster: Ja, genau. Die Autoren von diesem wahnwitzigen Kinderbuch beziehen sich auf einen italienischen Roman. Dann stellen sie Sindelar in eine Reihe mit sechs Millionen ermordeten Juden und lassen ihn im katholischen Himmel Fußball spielen. Das ist völliger Irrsinn.

    ballesterer: Kommen wir noch einmal zur "Arisierung". Welche Bedeutung hatte die Abschaffung des Profifußballs nach dem "Anschluss" 1938?

    Forster: Das stellt einen wichtigen Kontext dar, aber keine Entschuldigung. Die Kicker stehen plötzlich ohne ihr Einkommen da und das inmitten dieser Goldgräberstimmung, wo man sich Wohnungen, Geschäfte, Pelzmäntel, Briefmarkensammlungen einfach bei den jüdischen Nachbarn holen kann. Fußballer bekommen Betriebe, die man kaum an die Wand fahren kann. Die Machthaber wollen, dass sie weiter spielen und die Regimemeinung fröhlich weitertragen. Zufriedene Fußballer, die zufrieden Fußball spielen.

    ballesterer: Wie würden Sie Sindelar charakterisieren? Profiteur? Opportunist? Täter?

    Forster: Er hat eine moralisch fragwürdige Entscheidung getroffen und wurde ein "Ariseur". Verschärfend kommt hinzu, dass er andere Möglichkeiten gehabt hätte. Er hätte sagen können: Beim Leopold Drill waren wir früher tarockieren, ich will nicht. Er war ein Profiteur. "Ariseure" sind auch ein Kollektiv von Systemträgern und Mittätern, aber vor allem profitieren sie persönlich von der Beraubung der jüdischen Bevölkerung.

    ballesterer: Der Kaufpreis hat 20.000 Reichsmark betragen. Wie ist das einzuschätzen?

    Forster: Sindelar hat schlecht mit Geld umgehen können, insofern waren die 15.000, die er gleich bezahlt hat, für ihn schon viel. Aber er erhält dafür einen sehr gut gehenden Betrieb, der selbst unter den schlechten Bedingungen für ein jüdisches Café das Doppelte bis Dreifache wert war. Es stellt sich auch noch die Frage, ob er zusätzlich die Drillsche Wohnung "arisiert" hat, danach sieht es aus. Ich bin dem nicht nachgegangen, weil es im Grunde nichts zu dieser Geschichte addiert, ob er nun eines oder zwei Objekte "arisiert" hat.

    ballesterer: Sindelar hat wie alle prominenten Profis dazu aufgerufen, bei der Volksabstimmung über den "Anschluss" mit Ja zu stimmen – wie kann so jemand später zum Nationalhelden werden?

    Forster: Rund um die Volksabstimmung hat es einen Reigen von Großveranstaltungen gegeben, die propagandistisch genutzt wurden. Dazu gehört auch das "Versöhnungsspiel". Den Nazis war klar, dass man das österreichische Nationalteam nicht mit einem Federstrich abschaffen kann. Sie haben sich allerdings auch nicht vor irgendwelchen Pro-Österreich-Kundgebungen gefürchtet. Genau das wird aber 1945 daraus – von der Farbe der Dressen über den Torjubel bis zum Ergebnis von 2:0. In den Mythen ist Sindelar an all dem beteiligt. Kein Mensch weiß, ob er die Dressen ausgesucht hat – die übrigens auch früher schon getragen worden sind. Es gibt gute Zeitzeugenberichte und Aufnahmen von diesem Spiel, und es findet sich kein Anhaltspunkt, dass Sindelar widerständig gejubelt hätte. Das ist alles Verschwörungstheorie.

    ballesterer: Gibt es irgendeinen Hinweis, dass Sindelar regimekritisch war?

    Forster: Er war Opportunist wie viele andere Kicker auch. Er kann gut im Roten Wien, dann nahtlos gut im Austrofaschismus und im Nationalsozialismus. Er spielt bei einem Klub mit jüdischen Funktionären, hat unter seinen Mannschaftskameraden auch illegale Nazis, und er kann mit allen. Er wird in die bereinigte Führungsriege der Austria gehoben, dann wird ihm auch noch der Stadiondirektorposten angeboten. Das alles macht man nicht mit einem Kritiker.

    ballesterer: Warum wollen Fans das nicht wahrhaben?

    Forster: Wenn die Arisierung aufgebracht wird, geht der Austrianer meistens in eine Defensivposition. Entweder zeigt man auf die anderen und sagt: "Rapid ist viel schlimmer, der Naziverein." Oder indem man fragt: "Müssen wir schon wieder über das Kaffeehaus reden?"

    ballesterer: Die Austria hat seit Jahren ein Problem mit rechtsextremen Fans. Wenn der Mythos von Sindelar als Antifaschist zerfällt, gibt es dann die, die sagen: "Einer von uns."

    Forster: Das habe ich noch nie bemerkt. Ich glaube, selbst diese Austria-Nazis könnten nicht gegen die Wirkungsmacht von Sindelar, der Antifaschist, ankommen. Er wäre für sie keine interessante Symbolfigur.

    ballesterer: Wie entziehen Sie sich dem Mythos Sindelar?

    Forster: Ich habe für mich in der Forschung als Leitsatz immer gelten lassen: Wenn man in Österreich unter den Teppich schaut, ist da etwas. Und meistens ist es eine Jauchegrube.

    ballesterer: Kann Sindelar trotzdem der größte Austrianer aller Zeiten sein?

    Forster: Ja. Für mich ist es zwar Herbert Prohaska, aber ich würde Matthias Sindelar in einer Jahrhundertelf aufstellen. Ich kann den Sportler vom Rest der Geschichte trennen. Ich glaube, das können viele andere in dieser Debatte nicht.

    ballesterer: Würden Sie ihn in Ihrer Jahrhundertelf mit einer Fußnote versehen?

    Forster: Nein, aber ich würde ihm kein Ehrengrab widmen, kein Stadion und keine Straße nach ihm benennen. Man kann einfach keine Straße nach "Ariseuren" nennen. Solche symbolhaften Dinge sollten anderen vorbehalten sein. Walter Nausch, der Kapitän des "Wunderteams", ist in die Schweiz gegangen, weil seine Frau Jüdin war. Ich könnte mir ein Walter-Nausch-Stadion sehr gut vorstellen. Eine schöne Geschichte und ein unfassbar guter Spieler – blöderweise kennt den heute fast niemand mehr. (Interview: Jakob Rosenberg & Clemens Gröbner – Fotos: Daniel Shaked, 19.12.2018)

    David Forster, verheiratet Winterfeld, (46) arbeitet im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er erfand die Serie "Fußball unterm Hakenkreuz" im ballesterer, neben zahlreichen weiteren Publikationen ist er Mitherausgeber der Fußballbücher "Die Legionäre" und "Fußball unterm Hakenkreuz in der Ostmark".

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