Orientalistik war nie ein Orchideenfach

    20. Dezember 2018, 15:00
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    Da gäbe es noch ein großes Stück Wissenschaftsgeschichte aufzuarbeiten: die Orientalistik im 20. Jahrhundert und besonders während des Nationalsozialismus. Heute korrelieren die Studentenzahlen mit dem gesellschaftlichen Interesse am Nahen Osten. Aber die Politik bleibt draußen

    "Der Grohmann", der sagt wohl fast jedem Arabistik-Studierenden der letzten Jahrzehnte etwas: Um seine "Arabische Paläographie", ein Standardwerk zum arabischen Schrifttum, kommt man nicht herum, wenn man sich wissenschaftlich mit dem Arabischen beschäftigt. Adolf Grohmann, 1887 in Graz geboren, 1977 in Innsbruck verstorben, war, bevor er an die Deutsche Universität Prag ging, ab 1918 Leiter der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek – dank eines seiner Vorgänger, Joseph von Karabacek, die größte ihrer Art weltweit.

    In Prag wird das NSDAP-Mitglied Grohmann 1941 von Adolf Hitler "auf Lebenszeit zum ordentlichen Professor im Reichsdienst" ernannt. 1945 die Zäsur (er flieht nach Innsbruck), danach bald ein Neuanfang: typisch für jene Generation österreichischer Orientalisten, die von Deutschnationalen, später Nazis, dominiert wurde.

    Redet man über Grohmann, fällt auch bald der Name Hedwig Klein: Die junge Berliner Arabistin wurde von ihren Professoren so geschätzt, dass sie versuchten, die Jüdin, deren Flucht gescheitert war, an einem Ort unterzubringen, den sie für sicherer als Berlin hielten. Sie sollte an Grohmanns Institut in Prag Unterschlupf finden. Er sagte Nein. Sie wurde in Auschwitz ermordet.

    Vielleicht noch mehr als andere geisteswissenschaftliche Fächer berühren sich die Erforschung der arabischen und der islamischen Welt und die Zeitgeschichte immer wieder. Das ist bis heute so geblieben: An den Studierendenzahlen am Institut für Orientalistik der Universität Wien kann man ablesen, wie viel politische Aufmerksamkeit die Region gerade bekommt. Außerdem verändern auch Migration und Flucht das Bild der Absolventengenerationen, damals wie heute.

    Das Orientalische Institut

    Die österreichische Orientalistik ist natürlich viel älter als die hundert Jahre der Republik, die der losen STANDARD-Serie das Motto gegeben hat. Das Orientalische Institut der Universität Wien wurde 1886 gegründet, damals blickte die österreichische Orientforschung schon auf eine lange Tradition zurück, die der dreißig Jahre zuvor verstorbene Joseph von Hammer-Purgstall begründet hatte.

    In den ersten Jahrzehnten versammelte das Institut eine Vielzahl von Fächern, den gesamten "Orient", aber auch die Finno-Ugristik und die Afrikanistik. Im heutigen Institut für Orientalistik – um einen Sprung in die Gegenwart zu machen – gibt es die drei großen Gebiete Altorientalistik, Turkologie und Arabistik mit Islamwissenschaften.

    In Wien ist es heute auch wieder möglich, Sprache und Kultur Südarabiens zu studieren (im Unterschied zum "Nordarabischen", dem Arabischen). Damit schließt sich der Kreis zum aus Galizien stammenden Wiener Semitisten David Heinrich Müller, der nicht nur Verfasser der ersten Grammatik des Neusüdarabischen war, sondern auch Leiter der großen Jemen-Expedition 1898/1899.

    Aus heutiger Sicht, angesichts der reichen Materialien, die die Forscher mitbrachten, war sie sehr erfolgreich. Aber nicht alle Ziele wurden erreicht, was zu einer Auseinandersetzung zwischen dem ebenfalls beteiligten schwedischen Professor Carlo Landberg und Müller führte. Dabei griff Landberg in die unterste antisemitische Schublade: Müller war Jude, wie viele Orientalisten seiner Zeit.

    Der Einschnitt 1918

    Müller starb noch vor dem Ersten Weltkrieg: Die wissenschaftlichen Errungenschaften und das Niveau der Forschung der Wiener Orientalistik jener Zeit seien beachtlich gewesen, sagt Stephan Procházka, Professor für Arabistik am Institut seit 2006. Mit dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches 1918 waren aber nicht nur die Studenten aus der alten Monarchie weg, sondern auch Professoren wie etwa der Tscheche Alois Musil – wegen seiner politischen Nahostmissionen manchmal als Gegenspieler zum britischen "Lawrence of Arabia" gehandelt. Die 1920er-Jahre brachten einen Einbruch für die Orientforschung, Reisen waren schwierig bis unmöglich, und "die gesellschaftliche Relevanz war weg", sagt Procházka zum STANDARD.

    Dafür war das Fach auf der Ebene der Professoren immer deutlicher in deutschnationaler Hand – sie unterrichteten eine Studentenschaft, in der es viele Juden gab, wie ein Blick auf die Namen der damaligen Dissertanten beweist. Unter ihnen waren Orientalisten, die später berühmt werden sollten: Gustav von Grunebaum, geboren 1909 in Wien und 1972 in den USA verstorben, oder Joshua Blau, ein Spezialist fürs Mittelarabische, der wie Grunebaum vor den Nazis fliehen musste. Blau hat vor kurzem in Israel seinen 99. Geburtstag begangen.

    Stephan Procházka hat Joshua Blau vor einigen Jahren aufgesucht. Zu seiner Überraschung erzählte ihm dieser damals, dass er ausgerechnet dem Altorientalisten Viktor Christian Dank schuldete. Christian trat nicht nur schon 1933 der NSDAP bei, sondern war auch bei der SS. 1944 wurde er Prorektor der Universität Wien, verlor 1945 die Lehrerlaubnis, wurde aber später mit allen Rechten in den Ruhestand versetzt. Und dieser Viktor Christian hatte die Familie Blau – die nicht glauben wollte, was auf die Juden in Österreich zukam – überredet, sich in Sicherheit zu bringen.

    An Nationalsozialisten am Institut gab es auch noch Hans Kofler, der sich mit altarabischen Dialekten beschäftigte, und den Turkologen Herbert Jansky. Viktor Christian gehörte auch der "Bärenhöhle" an, dem informellen Zusammenschluss von Professoren der Wiener Universität, deren Mission es war, Habilitationen und Berufungen von Juden zu verhindern. Fünf von 18 "Bärenhöhle"-Mitgliedern waren aus dem Orientalischen Institut, sagt Procházka.

    Der "wissenschaftliche Antisemitismus" Wahrmunds

    Christian griff in seinen Schriften die Ideen von Adolf Wahrmund auf, eines Deutschen, der in Wien studierte und unterrichtete. Wahrmund war ein Praktiker, verfasste ein heute noch relevantes Wörterbuch. Die jungen Arabisten, die es zur Hand nehmen, wissen kaum, dass er den "wissenschaftlichen Antisemitismus" begründete, und zwar im eigentlichen Sinne, gegen Juden und Araber gleichermaßen. Sein "Das Gesetz des Nomadenthums und die heutige Judenherrschaft" (1887) wurde auch von Hitler geschätzt.

    Das Gift, das er verspritzte, wirkt bis heute. Wahrmunds "Nomadenthum" wurde 2004 als Faksimile-Ausgabe wieder gedruckt und wird in rechtsextremistischen Kreisen rezipiert. Dort wird man auch die Behauptung finden (er zitiert dabei einen weiteren Wiener Arabisten, Alfred von Kremer), dass die Sprache des Arabers "nur Präsens und Perfectum" kenne, was bedeute, dass er sich nicht mit der Zukunft auseinandersetze. Er sei "arm an Gedanken, er leert hastig des Lebens schäumenden Becher". Das gelte auch für die Juden, führt Wahrmund aus, der Jude hasche "nur nach der Beute des Augenblicks". Die Semiten seien deshalb zu keiner Hochkultur fähig.

    Die Überlegung, dass der arabische Charakter mit dem fehlenden Präteritum und dem selten gebrauchten Futurum zusammenhängt, bringt auch Außenministerin Karin Kneissl in ihrem Buch "Mein Naher Osten". Allerdings schließt sie daraus auf die Schicksalsergebenheit der Araber.

    Der unverdorbene Wüstensemit

    Aber zurück in die Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs musste aus politischen Gründen immerhin der gute Araber, der "echte Beduine", der unverdorbene Wüstensemit, wiederbelebt werden.

    Noch im März 1945 wurde an der Wiener Universität eine arabistische Dissertation approbiert: "Beiträge zur arabischen Lexikographie des Pferdes". Die ehemaligen Nazis und Belasteten kamen in den 1950er-Jahren wieder, die sehr geschrumpfte Wiener Arabistik wurde jedoch geprägt von Hans Ludwig Gottschalk, einem auf die Ayyubiden und Mamluken spezialisierten Historiker jüdischer Herkunft – der um die Geschichte des Islam einen weiten Bogen machte.

    Auf ihn folgte 1974 Arne A. Ambros und auf diesen 2006 Stephan Procházka, die beide Wien zum Zentrum der sprachwissenschaftlichen Erforschung der arabischen Dialekte machten.

    Verdoppelte Studentenzahlen nach 9/11

    Nach einem ersten Anstieg der Studenten in der Ära des Nahostpolitikers Bruno Kreiskys kam die nächste kleinere Spitze mit dem Golfkrieg 1991. Die Attentate von 9/11 verdoppelten die Studentenzahlen – in diese Zeit fällt die Behauptung des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser, die Orientalistik sei ein "Orchideenfach". Der letzte Höhepunkt war 2016 nach dem großen Fluchtjahr.

    Studierende mit einer aktivistischen Agenda stünden aber heute auf verlorenem Posten. Ein Bachelorstudium mit dem Namen "Orientalistik" ist wenig attraktiv für Islamisten oder Islamfeinde. Als Schwerpunkte der Arabistik nennt Stephan Procházka neben der Linguistik Alltags- und Populärkultur, auch da hat sich Wien in Europa einen Ruf erworben. Mit Rüdiger Lohlker gibt es auch einen Islamwissenschafter. Relativ neu ist eine Stelle für arabische Philosophie.

    Über die Wiener Altorientalisten – die an der Weltspitze mitmischen – und die Turkologie/Osmanistik müsste man noch extra berichten. Dort wird es ab Jänner übrigens einen neuen Professor geben, Yavuz Köse. Aus Hamburg. (Gudrun Harrer, 20.12.2018)

    • Arabistik heute: Es gibt regelmäßig Exkursionen, hier ein Bild mit Studierenden im Sudan, gemacht vom Professor.
      foto: stephan procházka

      Arabistik heute: Es gibt regelmäßig Exkursionen, hier ein Bild mit Studierenden im Sudan, gemacht vom Professor.

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