Wie ein Foto der Erde unser Weltbild veränderte

    24. Dezember 2018, 08:00
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    Am 24. Dezember 1968 schossen die Astronauten der Apollo-Mission das erste breitenwirksame Foto der Erde. Es zeigt ein fragiles Ökosystem und die Kleinkariertheit des Menschen – und wurde zur Ikone

    In seinem Vortrag "Die Zeit des Weltbildes" von 1938 charakterisiert der Philosoph Martin Heidegger die Moderne als Epoche, in der sich der Mensch als die alles bestimmende Größe sieht. Weil er die Welt nur unter dem Gesichtspunkt seiner Interessen betrachtet, erscheint sie ihm als bloße Verfügungsmasse, die er sich mit Technik und Wissenschaft untertan zu machen versucht. Diesen Vorgang zunehmender Naturbeherrschung beschreibt Heidegger als "Eroberung der Welt als Bild".

    So wie ein Bild die Wirklichkeit als Gegenstand festhält, über den man frei verfügen kann, so machten auch Technik und Wissenschaft die Welt zum Gegenstand menschlicher Willkür. Die "Eroberung der Welt als Bild", ja die Moderne überhaupt, ist für Heidegger darum verbunden mit der Vision einer letztlich schrankenlosen Beherrschung der Erde, eines "planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen".

    Live aus dem Weltraum

    30 Jahre nach Heideggers Vortrag war es buchstäblich so weit: An Heiligabend 1968 sieht ein Millionenpublikum die Welt als Bild über den Fernseher flimmern. Damals wurden die Astronauten der Apollo-8-Mission live aus dem Weltraum zugeschaltet.

    foto: bill anders / nasa
    Die Menschen flogen zum Mond – um die Erde neu zu entdecken. Für Philosophen markiert dieses Foto einen Wendepunkt. Es zeige die "kosmische Provinzialität" der Erde genauso wie eine "Oase inmitten der enttäuschenden Himmelswüste".

    Apollo 8 war der erste bemannte Raumflug, mit dem Menschen den Erdorbit verließen und den Mond erreichten. Während der Übertragung richtet Bill Anders, einer der drei Astronauten, die Kamera auf den Heimatplaneten, während alle drei die ersten Verse der biblischen Schöpfungsgeschichte als Weihnachtsbotschaft verlesen: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde ..."

    "Wow, that is pretty!"

    Zuvor hatten sie den Erdtrabanten in seiner Umlaufbahn mehrfach umkreist und nach einem minutengenauen Zeitplan Beobachtungen seiner Oberfläche angestellt. Damit sollten Plätze für eine Landung erkundet werden, die ein halbes Jahr später mit Apollo 11 auch erfolgte. Während der vierten Umrundung taucht nach einer Drehung der Kapsel in ihren kleinen Fenstern plötzlich die Erde auf, wie sie am Horizont des Mondes aufgeht.

    Als Erster bemerkt Crewmitglied Bill Anders die Aussicht, die kein Mensch je zuvor erblickt hatte: "Oh my God! Look at that picture over there! Here's the earth coming up. Wow, that is pretty!" Geschwind schießt er ein Schwarz-Weiß-Foto mit der Hasselblad-Kamera, die er gerade eben noch auf den Mond gerichtet hatte. "Hey, mach das nicht, das ist nicht eingeplant", witzelt Kommandant Frank Borman.

    Lachend bittet Anders James Lovell, den dritten Mann an Bord, um einen Farbfilm, während die Erde rasch weiter aufsteigt: "Hurry! Quick!" Als es schon fast zu spät ist, schießt er damit am 24. Dezember 1968 um 16 Uhr Weltzeit das Foto, das unter dem Titel "Earthrise" in die Geschichte eingehen sollte.

    Kostbare Insel des Lebens

    Es zeigt die Welt auf nie dagewesene Weise: Inmitten der unendlichen Leere des Alls wirkt der Blaue Planet klein, fragil, verletzlich – und wunderschön. Gegenüber der kargen, grauen Kraterlandschaft des Mondes hebt er sich als kostbare Insel des Lebens ab. Das Bild der Erde aus dem Weltraum macht sinnfällig, dass wir als Menschheit nur eine Heimat haben, dass wir sie gut behandeln und mit unseren Mitmenschen gerecht teilen müssen.

    Mitten im Kalten Krieg erreicht so ein Bild die Erde, das sie als Einheit zeigt und die Blockkonfrontation gleichsam kleinkariert aussehen lässt. Einer Industriegesellschaft, die an immerwährendes Wachstum glaubt, demonstrierte es die engen Grenzen des Planeten und die Notwendigkeit, mit seinen Ressourcen sorgsam zu haushalten.

    Für den Fotografen Anders wird die Aufnahme im Rückblick zum entscheidenden Moment der Mission: "Wir flogen den ganzen Weg, um den Mond zu erkunden, und das Wichtigste, das wir entdeckten, ist die Erde." Damit bringt er eine bemerkenswerte Ironie der Geschichte auf den Punkt: Die Raumfahrt, die doch der Erkundung anderer Himmelskörper dienen sollte, hatte somit den Blick auf unseren eigenen Planeten verändert.

    Revolutionäres Potenzial

    Millionenfach reproduziert wurde das Bild nicht nur zur Ikone für Umweltschutz, Frieden und globale Gerechtigkeit. Es markiert einen Umbruch, den viele Zeitgenossen mit den wissenschaftlichen Revolutionen von Kopernikus, Darwin und Freud vergleichen und der das Verständnis unseres Platzes in der Welt unwiderruflich verändert hat – kein Wunder also, dass sich Philosophen wie Heidegger mit dem Foto eingehend beschäftigten.

    "Das ist keine Erde mehr, auf der der Mensch heute lebt", kommentiert er ein ähnliches Bild 1966 in einem berüchtigten, erst posthum veröffentlichten Interview mit dem "Spiegel". Damals wurde eine erste, noch trübe Aufnahme des Erdaufgangs publik, die eine Sonde vom Mond zurückgefunkt hatte. In Heideggers Augen zeigt sie nicht die Heimat des Menschen, sondern steht für einen Zusammenhang "rein technischer Verhältnisse", die ihn "entwurzeln" und "von der Erde losreißen".

    Als Produkte der neuesten Technologien sind solche Bilder für ihn Ausdruck eben jenes "planetarischen Imperialismus", mit dem der Mensch die Erde technisch überformt und sie sich damit entfremdet.

    Feldzug zu neuen Fronten

    Diese Sichtweise ist nicht ganz von der Hand zu weisen, speist sich die Raumfahrt doch in der Tat aus Motiven der Eroberung. So vergleicht John F. Kennedy in der berühmten Rede, mit der er 1962 die Mondlandung binnen des Jahrzehnts ankündigt, die Expansion in den Weltraum mit jener der USA im 19. Jahrhundert: So wie einst die amerikanischen Pioniere das Land bis an die Westküste, der "old frontier", eroberten, gelte es nun, in den Weltraum vorzudringen, zur "new frontier".

    Diese Haltung mag erklären, warum der Anblick der Erde die Besatzung der Apollo 8 so überraschend traf und weshalb es nicht vorgesehen war, ein Foto von der Erde zu schießen – ist doch nach Kennedy gerade "vorwärtszuschreiten" statt "zurückzublicken" ein Kennzeichen uramerikanischer Gründermentalität. Die Erde sollte nur Ausgangspunkt, nicht Ziel der Reise sein.

    Kippfigur der Moderne

    Doch was für Heidegger den Höhepunkt der Moderne markiert, sollte zugleich ihr Wendepunkt werden. Die als Bild eroberte Welt ist eine Kippfigur: Wie in den Hase-Ente-Zeichnungen lässt sich darin sowohl die vollendete technische Bemächtigung der Erde sehen als auch ein fragiles Ökosystem, das wir schützen und erhalten müssen. Es zeigt sowohl, dass der Arm des Menschen nunmehr bis zum Mond reicht, aber auch, dass er nicht die alles bestimmende Größe ist, lässt die Erde im Bild doch keine menschlichen Spuren erkennen und wird stattdessen von Ozeanen, Wolkenbändern und Kontinenten bestimmt.

    Schließlich lässt sich in dem Bild sowohl unsere einzigartige Heimat als auch ein Planet unter anderen sehen. So schreibt etwa der Technikphilosoph Günther Anders 1970 in "Der Blick vom Mond", der Flug von Apollo 8 habe "die kosmische Provinzialität unserer Erde" gezeigt. Obzwar man seit Kopernikus wusste, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist, sei es eine unerträgliche "Kränkung und Erniedrigung" gewesen, sie wie eine "im Ozean des Raums schiffbrüchig herumschwimmende Boje" zu sehen.

    "Kosmische Ausnahme"

    Dem hält Hans Blumenberg 1975 am Ende seiner "Genesis der kopernikanischen Welt" entgegen, die Exploration des Alls führe im Gegenteil zu einer Rückbesinnung auf die Einzigartigkeit der Erde. Je mehr Kenntnisse wir von anderen Himmelskörpern erwerben, desto klarer erweise sie sich Erde als "kosmische Ausnahme" eines bewohnbaren Planeten.

    Die Raumfahrt habe das "kopernikanische Trauma" behoben, weil sich im Rückblick aus dem All die Erde als einzigartige Oase "inmitten der enttäuschenden Himmelswüste" zeige. Sicher sei: Nur wer seine Heimat verlässt, kann die Erfahrung machen, nach Hause zu kehren. (Miguel de la Riva, 24.12.2018)

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