Syrien-Operation: Im "Terrorsumpf" erwarten Erdoğan US-Soldaten

    Analyse17. Dezember 2018, 08:00
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    Der türkische Präsident droht, östlich des Euphrat einzugreifen. Die kurdischen YPG-Milizen, die er im Visier hat, stehen unter Schutz der dort stationierten US-Armee

    Sieben Jahre nach dem Ausbruch des Kriegs in Syrien gehören Nachrichten über Operationen der Türkei in ihrem Nachbarland schon zum Repertoire: Deshalb klingen die Drohungen von Präsident Tayyib Erdoğan, den "Terrorsumpf östlich des Euphrat" nicht länger dulden zu wollen, nicht neu.

    Aber da gibt es eine neue Dimension: Östlich des Euphrat, in Nordostsyrien, könnten bei einer türkischen Intervention die Kräfte zweier Nato-Staaten aneinandergeraten: der Türkei und der USA. Die Operation der Türkei richtet sich gegen die mit der PKK verbundenden – deshalb "Terroristen" – syrisch-türkischen YPG-Milizen. Aber die stehen wiederum unter US-Schutz: Sie sind das Rückgrat der lokalen SDF (Syrischen Demokratischen Kräfte), der US-formierten Bodentruppen für den Kampf gegen den IS.

    grafik: isw/der standard
    • Der aktuelle Auslöser war eine Aussage von US-Generalstabschef Joseph Dunford: Die USA planten, 35.000 bis 40.000 "lokale Kräfte" in Nordostsyrien auszurüsten und zu trainieren. Die Idee einer US-aufgestellten "Border Security Force" (BSF) brachte Ankara schon genau vor einem Jahr in Rage. Das alles läuft auf eine Ausweitung und Verlängerung der US-Mission in Syrien hinaus – und damit auf eine Verlängerung des US-Schutzes für die YPG und eine nachhaltige Eindämmung des türkischen Einflusses.
    • Die militärische Entwicklung besteht derzeit darin, dass die Türkei Gerät an die Grenze zu Nordostsyrien schafft. Die USA haben ihrerseits bereits Ende November zum Ärger der Türkei Beobachterposten in Grenznähe eingerichtet. Die militärischen Vorbereitungen betreffen aber auch den Nordirak, wo die Türkei PKK-Stellungen in Sinjar aus der Luft massiv angegriffen hat: nach eigener Aussage, um die Route Irak–Syrien für die PKK/YPG zu unterbrechen.
    • Der "Islamische Staat" (IS) ist ja der eigentliche Grund für die US-Präsenz in Syrien – und Präsident Donald Trump wollte die Truppen (offiziell etwa 2000 Mann) nach der Niederlage des IS eigentlich zurückziehen. Seine Militärs sind dagegen: Erstens besteht die Gefahr, dass der IS, der sich an einigen Stellen noch immer hält, wiederkehrt, und zweitens sollen die USA aus strategischen Gründen dort bleiben: Die Gründe sind Russland, das syrische Regime und an dessen Seite der Iran. Am Wochenende begann eine neue Anti-IS-Offensive in der Stadt Hajin nahe der syrisch-irakischen Grenze bei Abu Kamal. Die YPG haben im Vorfeld gedroht, den Kampf gegen den IS einzustellen, wenn die USA sie um des Friedens mit Ankara willen fallen lassen. Die YPG stellen auch in den Raum, dass sie sich mit dem Assad-Regime zusammentun könnten, mit dem sie auch früher fallweise kooperiert haben.
    • Die diplomatischen Aktivitäten machen den YPG Sorgen: In den vergangenen Tagen haben nicht nur die Präsidenten Erdoğan und Trump telefoniert, sondern auch die Außenminister Mike Pompeo und Mevlüt Çavuşoğlu – sowie die Armeechefs der beiden Länder.
    • Wie ernst meint es Erdoğan, fragen sich viele Analysten. Das bereits laufende Engagement für die Türkei in Syrien ist in jeder Beziehung kostspielig genug. Manche meinen, Erdoğan habe vor allem innenpolitische Gründe für seine Starke-Mann-Pose, andere, dass er den USA ein Messer an die Brust setzen will: Diese hatten im Juni zugesagt, die YPG aus der Stadt Manbij zu entfernen, die Türkei beschuldigen sie, säumig zu sein. Auch Erdoğans Unzufriedenheit über Trumps Passivität im Mordfall Khashoggi könnte eine Rolle spielen. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Saudis bei den arabischen Stämmen in Nordostsyrien Einfluss haben. Die Türkei würde dort lieber mit Ankara verbündete Araber am Ruder sehen als mit Riad verbündete. Die USA sind auch immer wieder damit beschäftigt, arabisch-kurdische Spannungen zu managen.
    • Das türkische Engagement in Syrien ist beträchtlich. In der Provinz Idlib etwa ringt die Türkei noch immer darum, radikale Islamisten unter Kontrolle zu bekommen, wie mit Russland vereinbart, um eine russisch-syrische Offensive auf die Rebellenenklave zu verhindern. Bisher gab es zwei große türkische Offensiven: "Euphrat-Schild" im August 2016 und "Olivenzweig" im Jänner 2018, bei der Afrin eingenommen wurde. Bei der nächsten könnten Tal Abyad und Kobanê das Ziel sein. (Gudrun Harrer, 17.12.2018)

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    der standard
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    • Die türkisch-syrische Grenze, gesehen von der syrischen Stadt Darbasiyah in Nordwestsyrien. Drüben eine türkische Anlage.
      foto: apa/afp/delil souleiman

      Die türkisch-syrische Grenze, gesehen von der syrischen Stadt Darbasiyah in Nordwestsyrien. Drüben eine türkische Anlage.

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