Kleine Paschas, Kopftuch und Kindergarten – ein Kulturkampf?

    17. Dezember 2018, 08:00
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    Wenn Buben in der Puppenecke Kopftuch fordern oder Väter ihre Töchter nicht mitturnen lassen, dann hilft: zum Denken anregen

    Gibt es in österreichischen Kindergärten ähnliche Erfahrungen durch den Einfluss des Islam, wie sie die Wiener NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger in ihrem Buch Kulturkampf im Klassenzimmer. Wie der Islam die Schulen verändert? schildert? Sie berichtete etwa von muslimischen Jugendlichen, die Lehrinhalte verweigern, weil sie haram (laut Scharia verboten) seien, und geschwänztem Schwimmunterricht, an dem Mädchen nicht teilnehmen dürfen. Sie beschrieb aber auch die innere Zerrissenheit dieser Kinder und ihre Sorge, sie durch politisches und pädagogisches Nichtstun zu verlieren.

    Paschas in der Puppenecke

    "Es ist nicht so massiv wie in der Schule, weil Kinder in dem Alter natürlich anders auftreten als Schülerinnen und Schüler", sagt Raphaela Keller, Vorsitzende des österreichischen Berufsverbands der Kindergarten- und HortpädagogInnen, dazu im STANDARD-Gespräch: "Aber ja, wir haben auch Kinder, die in der Puppenecke Kopftuchaufsetzen spielen, und wo Buben den Mädchen sagen, was sie tun sollen." Es komme auch vor, dass Kindergartenpädagoginnen von den Knirpsen zu hören bekommen: "Du hast mir nichts zu sagen, du bist eine Frau."

    Probleme gebe es "eher mit Vätern, wenn es zum Beispiel darum geht, dass ihre Töchter im Rahmen der Bewegungseinheit mitturnen, oder im Sommer beim Spielen im Garten. Da gab es in einigen Kindergärten Vorfälle, weil Väter ein Problem damit hatten, dass die Kinder da ja ,leicht bekleidet' sind und gemischt", erzählt Keller. Die Kindergartenleiterinnen oder die Pädagoginnen würden in solchen Fällen versuchen, vor allem durch Gespräche "zu erklären, dass das bei uns so ist, dass Mädchen und Buben miteinander turnen und spielen". Nicht immer erfolgreich: "Es gibt schon einige, die ihre Kinder aus dem Kindergarten rausnehmen und sagen: Meine Tochter turnt nicht mit."

    Das aber, betont Keller, "widerspricht den elementaren und vorgeschriebenen Bildungszielen, die für alle Kinder gelten".

    Spiegel der Gesellschaft

    Ein sehr präsentes Thema, bei dem nicht nur religiöse Vorschriften, sondern auch anders begründete Wünsche von Familien eine Rolle spielen, ist laut Keller das Essen: "Es gibt allgemein ganz viele Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder Schweinefleisch essen." Die Lösung? "Entweder überhaupt kein Schweinefleisch oder zwei Menüangebote."

    Diese Alltagsszenen aus österreichischen Kindergärten würde sie aber auf keinen Fall unter das Wort "Kulturkampf" subsumieren, betont Raphaela Keller: "Nein. Wir haben keinen Kulturkampf in den Kindergärten, wir müssen uns aber sehr wohl fragen: Wie begegnen wir solchen Vorfällen? Der Kindergarten ist ein Spiegel der Gesellschaft, wo das Gemeinsame stärker sein kann als später in der Schule."

    Umgang mit Unterschieden

    Der Kindergarten sei noch viel mehr der Ort, "an dem es um Ethik und das Erlernen des Umgangs mit Unterschieden geht", sagt Keller. Dessen trage man etwa dadurch Rechnung, dass wichtige Feste der in der Kindergartengruppe vertretenen Kulturen gefeiert werden und die Kinder Wissen über die anderen Traditionen erlangen: "Partizipation, also das Hereinholen aller Kinder, ist ein starker Auftrag des Kindergartens."

    Eine Situation, die Keller selbst erlebt hat: "Ein Kind sagt zur Pädagogin: Du bist arm, du glaubst nicht an Allah, du kommst nicht in den Himmel." Das seien Gelegenheiten, um schon mit Kleinkindern über unterschiedliche Lebensformen ins Gespräch zu kommen: "Manchmal prallt das natürlich zusammen und die Kinder sind verunsichert, wenn im privaten Umfeld etwas anderes gelebt wird als im Kindergarten. Aber das ist das, woran Kinder reifen und fit werden für die Gesellschaft, in der sie leben. Sie lernen, die Grenze und Verbindendes zwischen Ich, Du und Wir zu erkennen und anzunehmen."

    Kinder zum Denken anregen

    Da seien auch die Kindergartenpädagoginnen sehr gefordert, teils überfordert, sagt Keller: "Sie sind zu wenig vorbereitet auf solche Situationen, weniger, was das allgemeine Wissen über Islam angeht, sondern was fehlt, ist ein guter Zugang zum Philosophieren mit Kindern. Wir müssen Kinder Fragen stellen lassen und sie so motivieren, dass sie zum Denken angeregt werden – für das Leben in unserer pluralistischen Gesellschaft." (Lisa Nimmervoll, 17.12.2018)

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      foto: imago / mareen fischer

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