Wie "Far Cry 5" Rechtsextremismus verharmlost

    Essay31. Dezember 2018, 11:00
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    Das Ubisoft-Spiel greift in seinem Setting auf die Geschichte der US-Rechtsextremen zurück

    Far Cry wurde ursprünglich von Cry Tech im Jahr 2004 entwickelt. In Bezug auf den weiteren Inhalt des Artikels braucht man über das Spiel nicht mehr zu wissen, als dass es von Uwe Boll mit Til Schweiger in der Hauptrolle verfilmt wurde. Ubisoft übernahm die Entwicklung der nachfolgenden Teile und schreckte, wie auch bei Assassin's Creed, nicht vor politischen Settings zurück.

    In Far Cry 3 unterdrücken Piraten die indigene Bevölkerung einer tropischen Insel, im vierten Teil wird ein Bürgerkrieg in einem Nepal ähnlichen Staat zwischen einem despotischen König und einer maoistischen Rebellengruppe dargestellt. Im Gegensatz zur Assassin's Creed-Reihe folgen die einzelnen Spiele jedoch keiner fortlaufenden Geschichte, sondern ausschließlich einem Thema: Widerstand gegen totalitäre Herrscher (und eine Vielzahl an Wildtieren) in abgeschiedenen Regionen der Welt.

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    Historische Vorlagen

    Far Cry 5 stellt eine Besonderheit innerhalb der Reihe dar. Es behandelt den Konflikt zwischen einem christlich-apokalyptischen Kult und rechten bis rechtsextremen Milizen (in Deutschland würde man von Bürgerwehren sprechen) sowie Preppern im Hinterland des US-Bundesstaats Montana. Damit verlegen die Entwicklerinnen und Entwickler das Setting nicht nur von entfernten Regionen der globalen Peripherie (Tropen, Himalaja-Region) in die USA, sondern greifen auch zentrale Momente des US-amerikanischen Rechtsextremismus sowie des verschwörungsideologischen Milieus aus den 1990er-Jahren auf.

    1992 kommt es in Ruby Ridge, Idaho und 1993 in Waco, Texas während tage- beziehungsweise wochenlanger Belagerungen zu tödlichen Schusswechseln zwischen christlichen Apokalyptikern und der Bundespolizei FBI. Als Folge entstehen verschiedene verschwörungsideologische Gruppierungen wie etwa die sogenannten sovereign citizens, die in Deutschland als "Reichsbürger" beziehungsweise Souveränisten bekannt sind, und rechtsextreme, schwerbewaffnete Milizen, die noch heute bei extrem rechten Demonstrationen in den USA auftreten. Sie sehen die Ereignisse von Ruby Ridge und Waco als Beweis dafür, dass die Regierung in Washington eine Verschwörung gegen das eigene Volk mit dem Ziel durchführen würde, eine "New World Order" ("Neue Weltordnung", NWO) zu errichten. Auch Alex Jones, der durch seine Plattform "Infowars" aktuell wohl bekannteste verschwörungsideologische Guru der USA, wird durch diese Ereignisse politisiert.

    Zusätzliche Aufmerksamkeit erlangt diese inhaltliche Ausrichtung des Spiels durch den Umstand, dass während seiner Entwicklungsphase ein verschwörungsideologischer Rechtsruck stattfand, der durch die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten im Jahr 2016 befördert wurde. Das an Paranoia erinnernde Gerede von "Fake-News", der "Lügenpresse" und der "NWO" ist nun nicht mehr unseriösen Bereichen der Publizistik und des Internets mit wenig Öffentlichkeit vorbehalten, sondern erreicht ein solches Ausmaß, dass es konkrete gesellschaftliche Probleme nach sich zieht.

    Hope & Apocalypse

    In Far Cry 5 hat der Untergangsprophet und charismatische Anführer Joseph Seed im fiktiven Hope County eine große Zahl an Anhängern, Grundstücken und Waffen angesammelt. Er ist – bis hin zum 1990er-Jahre Brillengestell – dem Anführer des Kults in Waco, David Koresh, nachempfunden. In seinem "Project Eden's Gate" predigt er die nahende Apokalypse, missioniert durch Zwang wie auch durch den Einsatz von Drogen und misshandelt Aussteigewillige. Als Deputy Sheriff ist es die Aufgabe der Spielenden, Joseph Seed zu verhaften. Während dieses Versuchs bricht der Konflikt offen aus, da Seed die Verhaftung und die anschließende Befreiung als den Beginn der Apokalypse auslegt. Daraufhin sperrt der Kult alle Zufahrtswege in das bergige und abgelegene Hope County und beginnt die große Säuberung seines Gebiets von den "Ungläubigen". Die Spielenden müssen sich nicht nur dagegen verteidigen, sondern gemeinsam mit der widerständigen Bevölkerung das gesamte Gebiet von Seed und seinen Lieutenants zurückerobern. Hierbei handelt es sich um den sadistischen Fernsehprediger John, die drogenversprühende Faith und den faschistischen Milizenführer Jacob, der in sozialdarwinistischer Manier alles Schwache aus der Welt tilgen möchte.

    Das Setting bricht mit den klassischen Erwartungshaltungen eines solchen Spiels und stellt die unterkomplexe Darstellung der Welt von Gut gegen Böse infrage. Die Widerstandsgruppen gegen den apokalyptischen Kult vertreten eine rechte bis rechtsextreme Weltsicht: verschwörungsideologische Doomsday-Prepper, Milizen/Bürgerwehren und ein republikanischer Kandidat für den US-amerikanischen Senat, der seine Wahl durch die Ermordung derjenigen sicherstellen will, die einen anderen Kandidaten wählen würden. Um die Absurdität der Story für den deutschen Kontext zu verdeutlichen: Das ist so, als würden die Spielenden als Dorfsheriffs in einem übertrieben diversen Sachsen gemeinsam mit besorgten Reichsbürgerwehren gegen das "Königreich Deutschland" um den esoterischen "Reichsbürger"-Guru Peter Fitzek vorgehen, Aufträge für den Pegida-"Hutbürger" durchführen und nach jedem kleinen Sieg unter "Merkel muss weg"- und "Volksverräter"-Rufen überall die Deutschlandfahne hissen.

    Zu Beginn des Spiels versucht einer der ersten Verbündeten gegen den Kult, der Prepper und "Washington-Kritiker" Dutch, den Spielenden den Unterschied zwischen "uns" und "denen" zu erklären: Er würde alles für seine Familie opfern, Joseph Seed für die seinige dagegen gleich die ganze Welt in Flammen aufgehen lassen. Ideologisch besteht also kaum ein Unterschied zwischen beiden Parteien des Konflikts – Seeds Kult ist lediglich bereit, den ersten Schritt in Richtung Terrorismus zu gehen. Danach nimmt die andere Seite mit Freude den Kampf auf, foltert und ermordet mit Lust die besser organisierte Konkurrenz.

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    Ironie mit gegenteiliger Wirkung

    Die Intention der Entwickler bei der Wahl dieses Settings scheint es gewesen zu sein, in Far Cry 5 eine ironische Überzeichnung US-amerikanischer Prepper-, Sovereign-citizens- und Miliz-Narrative abzubilden. So zumindest lassen sich einzelne Hinweise innerhalb des Spiels deuten, etwa wenn in einer Klinik aufgezählt wird, welche Gegenstände sich ein Mitglied der "guten" Seite rektal eingeführt hat: die US-amerikanische Flagge, eine Miniatur der Freiheitsstatue und eine Ausgabe der Verfassung. Das Ganze wurde natürlich privat bezahlt, Obamacare ist schließlich des Teufels Machwerk beziehungsweise gleichbedeutend mit dem Sieg des Kommunismus.

    Leider kann ein solcher Zugang zum Thema auch einen gegenteiligen Effekt haben. Das Spiel glorifiziert auf ironische Art rechtsextreme, nationalistische und verschwörungsideologische Gemeinschaften. Als Belohnungen – und Far Cry 5 arbeitet fast ausschließlich über positive Anreize – können die eigenen Waffen vergoldet und mit dem Logo der "guten" Miliz versehen werden. Die Lebensweise einiger "Widerständler" wie auch das Recht auf Waffenbesitz, das in US-amerikanischen verschwörungsideologischen Milieus als höchste Errungenschaft der Verfassung angesehen wird, finden ihre Legitimation im Spiel: Ohne Waffen und Prepper-Verstecke wäre der Kult nicht zu besiegen gewesen. Die Ironie zu begreifen verlangt nach einem Reflexionspotenzial, das die subtile Kritik jenseits der Übersteigerung wahrnimmt.

    Die Schwäche von "Far Cry 5"

    Darin liegt auch die Schwäche des Settings von Far Cry 5. Das aktuelle Mobilisierungsthema der globalen Rechtsextremen blendet das Spiel aus: den immer offener auftretenden Rassismus seit den sich verstärkenden Migrationsbewegungen besonders in Europa. Beide Konfliktparteien haben Frauen und nichtweiße Menschen in ihren Reihen. Der Antisemitismus bleibt hinter Codes und Chiffren von der "NWO" et cetera verborgen. Hier weicht das Spiel so weit von der Realität ab, dass im Effekt der verbleibende "Reichsbürger"- und "Die da oben in Washington"-Talk wie eine legitime, ja fast schon unpolitische Einstellung daherkommt: rechtsextreme Ideologiefragmente überall, aber Rechtsextreme nirgendwo zu finden. Den negativen Seiten der widersprüchlichen Modernisierungsprozesse (Entfremdung, Atomisierung, Einschränkung der persönlichen Wirksamkeitssphäre et cetera), die alle Fraktionen in Far Cry 5 anzuklagen scheinen, setzt der Rechtsextremismus die Volksgemeinschaft als Heilsversprechen entgegen.

    Zuvor muss jedoch die moderne Welt und ihre Ordnung – wie auch immer – untergehen. Auch die Prepper, an deren Seite die Spielenden in Far Cry 5 streiten, sehnen sich nach einem solchen Untergang und der Rettung der Familie durch den souveränen Vater; Joseph Seed spricht diese Sehnsucht im Gegensatz zum Rest von Hope County offen aus. Die Prepper horten Nahrungsmittel und Waffen in der Hoffnung, die einen mit den Blutsverwandten zu teilen und die anderen gegen den Rest der Welt zum Einsatz zu bringen.

    [Spoiler Alert] Im Bewusstsein dieser Ambivalenz der Interpretationsmöglichkeiten scheint Ubisoft dann auch die möglichen Enden von Far Cry 5 konzipiert zu haben. Egal wie sich die Spielenden an zwei Stellen innerhalb des Spiels entscheiden – Joseph Seeds apokalyptische Visionen werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Der Kult hat heimlich unterirdisch stationierte Atomraketen in seine Hand gebracht, deren Einsatz die Apokalypse herbeiführen wird. Die Entscheidungen der Spielenden bestimmen lediglich, ob Seed mit seiner gesamten Glaubensgemeinschaft dieses Ereignis in Bunkern verfolgt oder nur mit dem Protagonisten (und ob der Raketenstart dargestellt wird oder nicht). Vielleicht haben sich die Entwickler aber durch diese möglichen Enden vor einem Far Cry 6 gedrückt, bei man dann gegen die siegreichen vormals verbündeten Prepper, Milizen et cetera kämpfen muss. (Jan Rathje, 31.12.2018)

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    Jan Rathje empfiehlt zur Vertiefung der Materie die erste Episode der zweiten Staffel von Mr. Show sowie den Film The Siege of Ruby Ridge, beide aus dem Jahr 1996.

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    Dieser Artikel erschien zuerst für das Games-Bookazine "WASD". Die "WASD 14" dreht sich um den Betrug im Computerspiel. Es geht ums Cheaten, um Wettskandale, um Doping und ums Fremdgehen im Spiel.

    Zum Thema

    • "Far Cry 5" hat einige Schwächen in der thematischen Aufbereitung von Rechtsextremismus.
      foto: ubisoft

      "Far Cry 5" hat einige Schwächen in der thematischen Aufbereitung von Rechtsextremismus.

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