Resilienz: Aus Verletzlichkeit Stärke entwickeln

    17. Dezember 2018, 14:10
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    Warum Sensibilität und das Eingeständnis der Verletzlichkeit Nährboden und Bedingung sind

    Sensibilität ist nicht gleich Verwundbarkeit und auch nicht das Gegenteil von Resilienz, sondern notwendige Voraussetzung dafür. Vulnerabilität hingegen ist der gesamtgesellschaftliche Befund, den wir an dieser Stelle getrost abgeben können. Hochnervös bis zur Erschöpfung dröhnt es auf allen (Social-Media-)Kanälen. Immer mehr Menschen fühlen sich durch die Flut der schlechten Nachrichten perforiert. Die Forschung spricht von permanenten Mikrotraumata. In der Psychologie ist Vulnerabilität tatsächlich das Gegenteil von Resilienz. Diese Individuen sind gereizt, schnell gelangweilt, unberechenbar oder impulsiv. Zeigen wenig Mitgefühl für andere. Klingt das ein wenig nach dem idealtypischen Weltbeherrscher? In der Tat.

    War durch den Resilienzboom beabsichtigt, die Menschen zu überreden, mit noch mehr Belastungen einfach besser umgehen zu lernen? De facto gibt es eine Vielzahl von höchst resilienten Menschen, denen gar nichts anderes übrig blieb, als es zu werden. Menschen mit Behinderungen, nach Unfällen, traumatisierte Menschen. Kurzum Menschen, die weniger günstige Startbedingen hatten und dennoch über sich hinausgewachsen sind.

    Obwohl....

    Ironisch mag es erscheinen, dass in solchen Fällen kaum von Resilienz gesprochen wird. "Obwohl sie eine Frau ist!", ist das Zeichen höchster Anerkennung. "Trotz seiner Behinderung geht er unbeirrt seinen Weg!", ist ebenfalls aus dieser Vitrine der Auszeichnungen. Ja klar, was soll er denn sonst tun. Steine werden ihm genug in den Weg gelegt.

    "Er ist ein total verständnisvoller Chef, obwohl er schwul sein soll." Handfeste Defizitorientierung. Die Seminare sollten längst voller Role Models sein, die an ihrem sozialen Sein gewachsen sind. Bis in die höchsten Führungsebenen könnten gegenwärtig kontrastiv Fähigkeiten eingeführt werden wie Selbsterkenntnis, Differenziertheit, Empathie, Ambiguitätstoleranz, Pluralitätskompetenz. Passiert da womöglich gerade das Gegenteil? Erstaunlich, wie wenig die Obengenannten nach wie vor in den Führungsebenen zu finden sind?

    Sensibilität: ein Wagnis

    Was haben wir also gelernt? Jahrelang wurde versucht, Führungskräften Resilienz beizubringen. Von der sie offenbar zu wenig besaßen. Ging der Schuss nach hinten los? Aus der psychischen Widerstandskraft wurde die Fähigkeit, Ellbogen noch gekonnter einzusetzen. Sich durchzusetzen. Auf Biegen und Brechen. War das die Absicht?

    Sensibilität ist das Wagnis, aus der eigenen Verletzlichkeit Stärke zu entwickeln. Das erst bringt Resilienz hervor. Es setzt das Eingeständnis, ein fühlendes, denkendes und handelndes Selbst zu sein, voraus. Schwierig, wenn Leader in ihrer Vulnerabilität auch noch permanent bestätigt werden. Voller Angstabwehr. Es wäre Zeit, die gute alte Resilienz wieder auf die Top-Ten-Liste der Human-Resources-Trends zu setzen. (Norbert Pauser, 17.12.2018)

    Norbert Pauser ist Erziehungswissenschafter und Diversitätsexperte.

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      Sensibilität ist das Wagnis, aus der eigenen Verletzlichkeit Stärke zu entwickeln. Das erst bringt Resilienz hervor. Mit Ellenbogen einsetzen hat das nichts zu tun.

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