"Euryanthe": Der Salon als Sanatorium der Rache

    13. Dezember 2018, 17:26
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    Carl Maria von Webers Oper im Theater an der Wien als Kammerspiel der nicht nur nackten Seelen

    Der weiße Trichterraum – mit Klavier, Bett und wenigen Stühlen spartanisch ausgestattet – kann als Bürgersalon verstanden werden. Das überhitzte Benehmen der Figuren allerdings lässt auch die Vermutung zu, der Weißraum sei ein schmuckloses Sanatorium. Die verletzte Seele dürstet in Carl Maria von Webers (vom Repertoirebetrieb nicht sehr geliebter) Euryanthe ja tatsächlich nach Heilung oder zumindest Linderung.

    Es sind vor allem der übersensible Graf Lysiart und seine gekränkte Verbündete Eglantine, die bis zur Selbstentäußerung leiden: Angesichts seines aussichtslosen Begehrens muss sich der Graf hier singend all seiner Kleider entledigen. Und auch Leidenskomplizin Eglantine (immer barfuß) lässt ihre wütende Verzweiflung körperintensiv Bühnenwirklichkeit werden – ob am Klavier in die Tasten donnernd oder sich exzessiv die Haare raufend. Der Tiefenpsychologe unter den Regisseuren, Christof Loy, der alles wegräumt, was den Blick auf dieses Kammerspiel von Rache und Erlösung verstellen könnte, kümmert sich ganz besonders um diese beiden Düstergestalten.

    Sie wählen den destruktiven Weg, um von ihrer Kränkung befreit zu werden, die sich aus Zurückweisung speist: Lysiart begehrt die holde, reine und treue Euryanthe, die jedoch zu Adolar hält. Eglantine wiederum hat sich einst in ebendiesen Adolar verguckt. Vergeblich. Er hält eisern zu Euryanthe, jedenfalls bis zu jenem Zeitpunkt, da er sie verstoßen muss. Lysiart und Eglantine haben es intrigenmäßig geschafft, das Paar auseinanderzubringen.

    Wie Euryanthe als Verstoßene dann scheinbar ihrem Ende auf Erden entgegenhaucht, ist der weiße Trichter (Bühnenbild: Johannes Leiacker) plötzlich möbelleer. Es wäre also Platz für Seelendarstellung. Während Loy gestalterisch bei den Gekränkten zulangt (und Andrew Foster-Williams als Lysiart fast so eindringlich klingt wie Theresa Kronthaler als Eglantine), fehlt bei der ethisch reinen Hauptfigur dann aber der letzte Schliff.

    Wobei: Die pyramidal schwere Partie der Euryanthe ist bei (der nur selten etwas schrill tönenden) Jacquelyn Wagner in substanzvollen Händen. Und das bisschen Statik, das sie der Figur verleiht, passt auch wieder ganz gut und lässt sie quasi als Skulptur aus Treue und Reinheit erscheinen, die sie ja auch ist.

    Ähnlich bewegungsgeizig auch Norman Reinhardt als (dem Happy End entgegensingender) Adolar. Er würzt seine angenehme Stimme jedoch leider mit einem Hauch von Unsicherheit. Er hätte sich also in jeder Hinsicht etwas vom engagierten und von Loy (für ihn schließlich einige Buhs) effektvoll belebten Arnold Schönberg Chor etwas abschauen können. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien begann das Drama hurtig und krass akzentuierend einzuleiten. Es zeigte unter der kundigen Leitung von Constantin Trinks nach und nach aber, wie viel Klangsinnlichkeit und Facettenreichtum diese Partitur enthält, die einst Richard Wagner manchen stilistischen Wink gegeben haben mag. (Ljubisa Tosic, 13.12.2018)

    Theater an der Wien, Aufführungen am 15., 17., 19., 28. und 31. Dezember. Beginn jeweils 19 Uhr.

    • A. Foster-Williams (Lysiart) und Theresa Kronthaler (Eglantine).
      foto: monika rittershaus

      A. Foster-Williams (Lysiart) und Theresa Kronthaler (Eglantine).

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