Was Mitsprache bei Journalismus bedeuten kann

Blog17. Dezember 2018, 14:11
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Oftmals geht es nicht allein um eine Erhöhung der Reichweite, sondern vor allem darum, Beziehungen zur eigenen Klientel zu vertiefen

Publikumsbeteiligung am Journalismus mag ja schön und gut sein, aber bitte nicht zu viel davon. Dies war eines der Themen, als ich vor einiger Zeit STANDARD-User nach ihrer Meinung zu mehr Mitsprache bei der journalistischen Arbeit gefragt hatte. "Beteiligung ist super", schrieb etwa User "Chantal Wipflinger". "Kann ich mir gut vorstellen, zum Beispiel auch in meinem Job. Während ich die Schnitzel brutzle, können die Wirtshausbesucher doch selbst die Zwiebeln für den Erdäpfelsalat schneiden." Auch User "thermo*ixer" wollte sich lieber "von Profis informieren lassen, die Geld dafür bekommen, aber auch gewissen Regeln unterliegen".

Wenn man sich bei Medienunternehmen umhört, dann werden derart kritische Haltungen zum Thema Publikumsbeteiligung mitunter bestätigt. Basierend auf einer gerade veröffentlichten Studie zu amerikanischen Medien, die ich mit meiner Kollegin Regina Lawrence erarbeitet habe, zeigen sich drei zentrale Schlussfolgerungen:

  • Digitale Werkzeuge allein machen noch keine Publikumsbeteiligung.
  • Mitsprache an der Berichterstattung ist ebenso eine Frage der Einstellung wie der Umsetzung.
  • Erfolg misst sich nicht nur an Klicks und Quoten, sondern auch daran, ob sich Transparenz und Authentizität erhöhen lassen.
foto: derstandard.at/christian fischer
Wie viel Beteiligung wünschen sich Leser?

Die Öffentlichkeit bestimmt Themen

Trotz all dieser Herausforderungen berichten die meisten Journalisten in unserer Studie, dass Publikumsbeteiligung dabei hilft, die Beziehung zwischen Journalisten und ihrem Publikum zu verbessern. "Die Einbeziehung des Publikums hat mich darin bestärkt, was ich als Journalistin erreichen möchte", sagte eine der interviewten Journalistinnen, "nämlich dass die Öffentlichkeit bestimmt, welche Themen besprochen werden und dass dann Journalisten Antworten finden und Zugänge zu Informationen beschaffen".

Diese Einsicht scheint überhaupt eine zentrale Erkenntnis zum Thema Mitsprache an der journalistischen Arbeit zu sein. Oftmals geht es nicht allein um eine Erhöhung der Reichweite, sondern vor allem darum, Beziehungen zur eigenen Klientel zu vertiefen. Dabei zeigt sich auch, dass Leserinnen und Leser nicht nur tagesaktuelle Information wollen, sondern auch die Einordnung und Erklärung grundlegender Lebensfragen zu schätzen wissen.

Journalisten, die ihre Arbeit gewissenhaft machen

Im Gegensatz dazu war die Beteiligung des Publikums an der Recherche im eingangs erwähnten Userforum nicht besonders erwünscht. Dafür aber eine Rückbesinnung auf traditionelles journalistisches Handwerk. User "Van Nelle" brachte es so auf den Punkt und erntete dafür viel Zustimmung von anderen Postern:

Dennoch kann Publikumsbeteiligung am Journalismus diese traditionelle Rollenverteilung letztlich erweitern – und zwar als mehr Mitsprache dabei, welche Fragen als relevant empfunden werden. Dann kann ja der Auftrag an die Profis lauten, klare und verständliche Antworten zu finden. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, was Publikumsbeteiligung in der Praxis wirklich bedeutet, brauchen wir in jedem Fall mehr davon. Mehr direkte Interaktion mit Lesern, Hörern und Zusehern bietet eine wichtige Gelegenheit, um verkrustete Strukturen und Denkmuster aufzubrechen. Publikumsbeteiligung ist weder ein künstlicher Hype noch die Lösung aller Probleme im Journalismus, aber in jedem Fall ein Mittel, um mehr Transparenz und Authentizität zu schaffen, nicht erst wenn etwa ein Artikel veröffentlicht wird, sondern schon bei der Themenfindung. (Thomas R. Schmidt, 17.12.2018)

foto: privat

Thomas R. Schmidt ist Dozent am Department of Communication der Boise State University in Idaho (USA).

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