Musikjahr 2018: Das Beste vom Besten – und die schlimmsten Flops

    Video13. Dezember 2018, 11:25
    147 Postings

    Was gut war, was durchfiel, was man unbedingt braucht. Der Jahresrückblick der STANDARD-Kulturredaktion

    cover: sony
    Ein bestes Album des Jahres: "El Mal Querer" von Rosalía.

    Jahresrückblick von Amira Ben Saoud:

    Album
    Rosalía
    El Mal Querer

    Eine Überraschung, die man so nicht kommen gesehen hat. Nach ihrem ersten, etwas drögen Flamencoalbum traute sich die katalanische Sängerin beim Nachfolger El Mal Querer deutlich mehr. Experimentell, cineastisch, groß: Rosalías zweites Album bereitet die ewigen Themen zeitgeistig auf. Liebe und Hass als Epos 2.0.

    rosalía
    Rosalía mit "Malamente".

    Song
    Drake
    Nice For What

    Heuer gab es kein Entkommen vor Drakes Hymne an Frauen, die auch nur Menschen wie wir sind. Zu verdanken hat der 6 God es nicht zuletzt einer Großen: Lauryn Hills Ex Factor-Sample macht Nice for What erst zu jener phänomenal eingängigen Gute-Laune-Nummer, die sich schon beim ersten Hören einbrennt.

    Newcomer
    Felix Kramer
    Wahrnehmungssache

    Österreich war generell brav dieses Jahr, was gute Veröffentlichungen angeht. Am bravsten war aber der junge Liedermacher Felix Kramer. Mit Wahrnehmungssache lieferte er ein einwandfreies Debüt, das auch die Herzen der stolzesten Männer und Frauen zu erweichen vermag. Gefühle, ohne gefühlig zu sein. Respekt.

    Flop
    Lykke Li
    So Sad So Sexy

    Die nordische Leidensfrau Lykke Li war jahrelang Garant für unaufgeregte Traurigkeit. Auf ihrem ersten Album seit vier Jahren, So Sad So Sexy, wurde die Indiemelancholie mit Hip-Hop-Beats unterlegt. Das ist zwar auch traurig, aber anders. Schuster, bleib bei deinen Leisten! 808s und Heartbreak funktioniert nicht bei jedem. (Amira Ben Saoud, 13.12.2018)

    ***

    cover: rough trade
    Cover von den Parquet Courts.

    Jahresrückblick von Karl Fluch:

    Album
    Shame
    Songs Of Praise

    Fünf britische Rotznasen irrlichtern zwischen Postpunk, Madchester und Discopunk der Marke Girls Against Boys durchs Unterholz. Schlechte Laune macht so viel Spaß – vor allem, wenn man die Kondition 20-Jähriger hat. Der Tod von Mark E. Smith von The Fall hat ein Riesenloch gerissen, Shame köpfeln mit Anlauf hinein. Wacker.

    Song
    Parquet Courts
    Wide Awake!

    Die New Yorker Combo legt mit Wide Awake! ein Album des Jahres vor, wird hier aber wegen des Titellieds gestreichelt. Wide Awake! ist der beste Talking-Heads-Song seit dem Ende der Talking Heads. Der Rest ist sympathischer, nie zu dick auftragender Sich-nix-scheißen-(Post-)Punk. Ein Instantklassiker mit Pfiff.

    parquet courts
    Parquet Courts mit "Wide Awake!"

    Newcomer
    Naked Cameo
    Of Two Minds

    Die Wiener Newcomer Naked Cameo betören anhaltend mit ihrem feingliedrigen Debütalbum. Minimalistisch angefertigte Kleinode mit schrägen Twists paaren sich mit großen Popmelodien und angetäuschtem R 'n' B. Ein Song wie Phony müsste eigentlich ein Welthit sein, aber irgendetwas läuft ja immer falsch.

    Flop
    Eminem
    Kamikaze

    Sein 2017er-Album war ein schlechter Scherz, heuer gab Eminem die beleidigte Leberwurst und wetterte gegen die Kritik an Revival. Herausgekommen ist Kamikaze: eine Art Prophezeiung, der nächste Tiefpunkt, dessen Cover auch noch das Debüt der Beastie Boys besudelt. Fehlte eigentlich nur noch ein Duett mit Xavier Naidoo. (Karl Fluch, 13.12.2018)

    ***

    cover: universal
    Ein Album des Jahres: "Haiyti" von Montenegro Zero

    Jahresrückblick von Ronald Pohl:

    Album
    Haiyti
    Montenegro Zero

    Wer "Trap" nicht für den Kosenamen eines berühmten italienischen Fußballtrainers hält, sollte Haiyti hören. Die Hamburger Rapperin Ronja Zschoche alias Haiyti fordert unseren Respekt. Sie trumpft auf: "Ich smoke die Kippen wie Kate Moss!" Nie klang eine durch Autotune gepresste Stimme nachdrücklicher und erhebender.

    haiytiofficial
    Haiyti mit "Gold".

    Song
    Marianne Faithfull
    Born To Die

    Die Grande Dame der Londoner Gegenkultur ist dem Tod viel zu oft von der Schippe gesprungen, als dass sie jetzt noch vor ihm Angst haben müsste. Auf ihrem diesjährigen Album wird sie von Nick Cave und Warren Ellis unterstützt. Dieses barocke Lied schenkt genügend Kraft, um den Skandal der Zeitlichkeit zu akzeptieren.

    Newcomer
    Cédric Pescia
    J. S. Bach

    An Gesamtaufnahmen des Wohltemperierten Klaviers von J. S. Bach herrscht wahrlich kein Mangel. Es gibt mystische, mechanische, muffige, manieristische. Der Schweizer Cédric Pescia, bis jetzt als Robert-Schumann-Spezialist auffällig geworden, verblüfft dennoch. Ein Logiker, der auf dem Steinway zu "singen" vermag.

    Flop
    Wolfgang Muthspiel
    Where The River ...

    Es hätte alles so fein werden können. Jazzgitarrist Wolfgang Muthspiel hat für sein drittes ECM-Album als Leader mit Pianist Brad Mehldau und Trompeter Ambrose Akinmusire wiederum zwei wichtige Impulsgeber um sich versammelt. Das Ergebnis ähnelt einem Leichenschmaus, bei dem keiner die Stimme zu erheben wagt. (Ronald Pohl, 13.12.2018)

    ***

    cover: futuresfuture
    Bester Newcomer: Farce.

    Jahresrückblick von Christian Schachinger:

    Album
    Swamp Dogg
    Love, Loss, and Autotune

    Mit 76 Jahren besingt der US-Bluesman Swamp Dogg Vergänglichkeit, Tod und das Ende (der Liebe und des Lebens) derart erschütternd wie euphorisierend als Geisterhaus-Soul, dass die Gänsehaut aufzieht. Noch dazu hat bislang keiner den digitalen Autotune-Effekt so radikal verwendet wie er. Ein großes, verstörendes Album.

    Song
    Gewalt
    Guter Junge / Böser Junge

    Ein letztes Mal Rock als panzerbrechende Waffe. Das Trio Gewalt veröffentlichte 2018 diverse Singles, auf denen es sich mit rattenscharfem Noiserock und Gebrüll mit den Verhältnissen nicht einverstanden zeigte. Dieser Song ist der beste: "Ich bin ein guter Junge, du bist ein guter Junge, wir sind gute Jungs, das ist gut!"

    farce
    "Die Angst" von Farce.

    Newcomer
    Farce
    Heavy Listening

    Veronika J. König verbindet auf ihrem Debütalbum zeitgenössischen elektronischen Pop zwischen House, Trap Beats und Trance. Sie streut sehr souverän Referenzen aus den 1980er-Jahren ein. Selbstverständlich wird auch der Autotune-Effekt kreativ genutzt. Mit einem Hit wie I Hate Berlin ist man ohnehin Gewinner.

    Flop
    Morak
    Leben frisst rohes Fleisch

    Früher war er schneeweißer New-Wave-Schizo-Punk und machte Burgschauspieler-Punkrock. Später wurde er zwischen 2000 und 2007 zum ÖVP-Kulturstaatssekretär unter Schwarz-Blau. Heute kehrt er mit 72 Jahren unwürdig zurück und veröffentlicht ein Album, über das man nur eines sagen kann: The horror, the horror.

    ***

    cover: blue note/universal
    Ein Album des Jahres: Wayne Shorters "Emanon".

    Jahresrückblick von Ljubiša Tošić:

    Album
    Wayne Shorter
    Emanon

    So kurios wie gewaltig: Saxofonnestor Wayne Shorter fliegt mit seinem Opus magnum Emanon Richtung Planet Gesamtkunstwerk. Notierter und spontaner Jazz trifft hier auf eine Graphic Novel. Als Dreifach-CD-Buch angelegt, bringt das Projekt den Sci-Fi-Helden Emanon und Shorters Improvisationen zusammen. Imposant.

    Song
    Erroll Garner
    Funny Valentine

    Den Klassiker My Funny Valentine kennen Sie. So jedoch haben sie ihn noch nie gehört. Das "Nightconcert" des exzentrischen Mainstreampianisten Erroll Garner vermittelt die Ballade als Plattform wilder Linien und schrulliger Pointen. Garner war am 7. November 1964 um Mitternacht im Amsterdamer Concertgebouw in Bestlaune.

    erroll garner - topic
    Erroll Garner mit "My Funny Valentine".

    Newcomer
    Igor Levit
    Life

    Igor Levit geht unbeschwert an Romantik und Barock ran. Der Jungstar überrascht aber auch mit einem Exkurs zum Jazzpoeten der Tasten, also Bill Evans. Levit interpretiert dessen Peace Piece, eine legendäre spontane Meditation. Der Russe spielt das Stück, als würden ihm Debussy und Satie die Finger leiten.

    Flop
    Peter Gregson
    Bach Recomposed

    Klassiker neu denken, schön und gut. Johann Sebastian Bachs Cellosuiten allerdings mit dicker synthetischer Klangsauce einschmieren oder herzhaft rhythmisieren, um den barocken Groove als donnerndes Gestampfe darzustellen – muss nicht wirklich sein. Cellist Peter Gregson mischt in genialen Musikwein zu viel Wasser. (Ljubiša Tošić, 13.12.2018)

    Share if you care.