Aufstand der Mieter auf der einstigen DDR-Prachtstraße in Berlin

    12. Dezember 2018, 07:00
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    Immer öfter begehren Menschen in Berlin gegen steigende Mieten auf. Aktuell sind Bewohner der Karl-Marx-Allee in den Schlagzeilen

    Fünf Kinder, acht Enkel und zehn Urenkel – die Großfamilie hält Jürgen Bessler (85) und seine Frau Gisela (86) auch im Ruhestand mitunter ganz schön auf Trab. Doch so viel Aufregung wie in der eigentlich besinnlichen Vorweihnachtszeit hat das betagte Berliner Ehepaar wohl noch nie erlebt.

    Denn ihre Drei-Zimmer-Wohnung in der Karl-Marx-Allee, der einstigen sozialistischen Prachtstraße im Ostteil Berlins, wurde wie 800 weitere vom bisherigen Eigentümer an den börsennotierten Immobilienkonzern Deutsche Wohnen verkauft. Nun befürchten die rund 2.000 Bewohner stark steigende Mieten – und viele von ihnen gehen auf die Barrikaden. Auch die Besslers. "Für uns geht es um eine Existenzfrage", sagt Gisela Bessler mit ernster Miene.

    foto: john macdougall / afp
    Die Berliner Mieter protestieren gegen steigende Mieten.

    Der Fall in der "KMA", wie die Karl-Marx-Allee genannt wird, steht exemplarisch für eine Entwicklung, die die deutsche Hauptstadt seit der Wiedervereinigung 1990 erlebt. Zunächst nahm die Einwohnerzahl ab, und Wohnungsmangel war ein Fremdwort. Aus Geldnot verschleuderte der Senat (Regierung des Bundeslandes Berlin) bis ins neue Jahrtausend hinein riesige Wohnungsbestände.

    Explodierende Mieten

    Doch heute sieht es in der Stadt mit 1,6 Millionen Mietwohnungen anders aus. Berlin wuchs zuletzt jedes Jahr im Schnitt um 40.000 Einwohner. Die Metropole ist eine Spielwiese für Investoren, die in Erwartung großer Renditen Immobilien und Baugrundstücke en gros kaufen. Auch das eine oder andere österreichische Immobilienunternehmen mischt mit. Die Folge: Seit einigen Jahren explodieren die Mieten.

    In vielen Stadtvierteln, nicht nur in der Karl-Marx-Allee, geht die Angst vor Gentrifizierung um – also vor der Verdrängung alteingesessener Bewohner oder Geschäftsleute durch finanzkräftigeres Publikum. Und vielfach gibt es Proteste.

    Gisela Bessler lebt seit 1963 in einem der markanten Gebäude der Karl-Marx-Straße, die in den 1950er-Jahren aus den Kriegstrümmern erwuchsen. In ihrer Wohnung in der zweiten Etage mit Blick auf den Fernsehturm zogen die Besslers Kinder groß, liebten und stritten sich, feierten die Feste ihres Lebens.

    foto: john macdougall / afp
    Mieter in der Karl-Marx-Allee sind unsicher, ob sie sich ihre Wohnungen künftig noch leisten werden können.

    Die vertrauten vier Wände sind im Alter auch Insel und Rückzugsort in der hektischen Großstadt. "Nun ist nicht mehr sicher, ob wir die Wohnung behalten können", erzählt Gisela Bessler. Ein Unding, meint ihr Mann und fügt entschlossen hinzu: "Wir bleiben hier drinnen und gehen dafür notfalls bis zum Äußersten."

    "Nicht mit uns"

    Wie das aussehen soll, wissen die Besslers, wie sie auf ihrem beigen Ledersofa sitzen, allerdings nicht. Eine Mieter-Rebellion hatten die ältesten Bewohner ihrer Stiege bisher nun wirklich nicht auf dem Schirm. Zu einer Protestversammlung sind sie gegangen, haben eine Menschenkette unterstützt und mitgeholfen, eines der Transparente an ihrer Hausfassade am Fenster ihres Wohnzimmers zu befestigen. "Mieteraktion gegen Spekulation", steht darauf, "Nicht mit uns", oder – in Anspielung auf den Straßennamen – "Kommerzallee".

    "Erst war ich nicht so für die Plakate. Ich dachte, das bringt doch nichts", erzählt Jürgen Bessler, der gern am Computer sitzt und in seiner Mailadresse als "Opa Bessler" firmiert. "Aber jetzt fotografiert hier die ganze Welt. Es ist gut, die Öffentlichkeit einzubeziehen."

    foto: john macdougall / afp
    Die Angst vor der Gentrifizierung geht auf der einstigen Prachtstraße um.

    Aufgeschreckt haben die Proteste auch den Berliner Senat. "Unser Ziel ist es, den bezahlbaren Wohnraum in den vier betroffenen Blöcken in der Karl-Marx-Allee zu erhalten und dauerhaft zu sichern", versichert Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). In hektischer Betriebsamkeit entwickelte Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) ein Modell, wie Mieter bei ihrem Vorkaufsrecht mittels Bürgschaft unterstützt werden können. Eine andere Idee ist die Übernahme der Wohnungen durch eine landeseigene Gesellschaft.

    Enteignung prüfen

    Überzeugend finden die Besslers derartige Überlegungen nicht. Ihre 103 Quadratmeter große Wohnung, die zu DDR-Zeiten monatlich 97,25 Ost-Mark kostete und heute mit 960 Euro Warmmiete zu Buche schlägt, für 400.000 oder vielleicht 600.000 Euro kaufen? "Das ist doch völlig undenkbar", sagt Gisela Bessler und schüttelt den Kopf.

    Womöglich kommt indes Variante zwei für die Besslers zum Tragen. Denn ihr Wohnhaus liegt – im Unterschied zu den anderen drei Gebäuden, um die es geht – in einem sogenannten Milieuschutzgebiet. Solche Gebiete legen Berliner Stadtbezirke immer öfter fest, um dort die soziale Struktur und bezahlbare Mieten zu sichern. Dann müssen Vermieter Standards einhalten – und der Staat hat bei Eigentümerwechseln unter bestimmten Bedingungen ein Vorkaufsrecht. "Aber auch hier haben wir doch bisher nichts in der Hand", stellt Gisela Bessler fest.

    "Das einmalige städtebauliche Ensemble der Karl-Marx-Allee darf kein Spekulationsobjekt werden", fordern die Besslers. Notfalls müsse der Staat eine Enteignung prüfen. Unterdessen versichert die Deutsche Wohnen, man werde die Wohnungen nicht weiterverkaufen und Kündigungen wegen Eigenbedarfs grundbuchrechtlich ausschließen. (APA/red, 12.12.2018)

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