Klimaschutz: Glauben heißt nix wissen

    Kommentar10. Dezember 2018, 19:30
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    Will man Klimawandelleugnern die Zukunft des Planeten anvertrauen?

    In offenen Gesellschaften sind die Gedanken frei, und das ist gut so. Die Grenzen für das Leben in ihnen ziehen im Normalfall Gesetze und die Wissenschaften. Die von Menschen geschaffenen Regeln sind ihrem Ursprung nach fehleranfällig, jene der Wissenschaft übertreffen deshalb die der Legislative: Mit der Erdanziehungskraft will es sich nicht einmal ein Höchstrichter verscherzen.

    Dem Wissen gegenüber steht seit jeher der Glaube. Der bot dem Unfug lange Zeit ein verlässliches Zehrgebiet, bis über belegbare und messbare Erkenntnisse der Blödsinn als Kind des Glaubens zurückgedrängt wurde. Kein Whale-Watcher auf der Hurtigruten fürchtet heute noch, demnächst vom Rand der Erde zu fallen.

    Der Glaube wird im religiösen Bereich geduldet, solange er sich nicht inquisitorisch oder islamistisch geriert. Wer einen Berg versetzen möchte, ist mit den Mitteln der Technik dennoch besser beraten als mit einem Gebet – in der Wissenschaft hat der Glaube also nichts zu suchen. Die Wissenschaften mögen für philosophische Fragen keine Antworten bereithalten, die Abläufe des Lebens können sie fundiert und erwiesen erklären. Entsprechend befremdlicher mutet es an, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse von Politikern infrage gestellt werden. Das ist so, als würde ein Zahntechniker eher der Zahnfee vertrauen als einem Zahnarzt.

    Lebenswerter Planet

    Heinz-Christian Strache bezweifelte in einem STANDARD- Interview zuletzt den vom Menschen verursachten Klimawandel. Das ist beunruhigend, aber das darf er. Er darf sich auch davor fürchten, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Oder Globuli gegen Krebs schlucken, sich vor Chemtrails fürchten und einen Wohnungskaufvertrag von einem Alternativjuristen anfertigen lassen. Die Frage ist aber, würde man so jemanden als Babysitter engagieren? Möchte man so jemandem die Zukunft des Landes, die Zukunft der Welt anvertrauen? Denn dabei geht es um keine Zahnprothese, sondern um Existenzielles: Bleibt ein Leben auf dem Planeten möglich oder nicht?

    Nun könnte man annehmen, dass Strache als werdendem Vater das Wohl und Gedeihen seines Kindes auf einem lebenswerten Planeten ein Anliegen sein müsste. Doch Strache ist zuerst ein rechter Populist. Bei ihnen gehört es zur Folklore, für sie ungünstige Tatsachen abzulehnen. Neben historischen Ereignissen stehen immer öfter die Naturwissenschaften unter rechtem Beschuss. Donald Trump hält die Klimaerwärmung für eine chinesische Erfindung, der brasilianische Außenminister Ernesto Araújo lastet sie fantasievoll der "marxistischen Weltverschwörung" an. Strache gibt sich in der Sache selbst unbeleckt, er schürt lediglich Skepsis.

    Das ist einfacher, als sich Tatsachen zu stellen, die man den Wählern nicht in Form eines Reims auf einem Plakat erklären kann. Er flieht in Floskeln: Umweltschutz sei Heimatschutz – so als wäre ein globales Problem nicht auch ein österreichisches. Verantwortungsvolle Politik schaut dabei nicht heraus. Lieber rast man mit 140 in Richtung No Future, steht zur eigenen Leere anstatt zu profunder Lehre.

    Der Unwille, wissenschaftliche Tatsachen anzuerkennen, poppt manchmal auch in anderen Lagern auf. Doch nur rechte Parteien instrumentalisieren ihn bewusst. Ob sie den Quatsch, den sie dabei von sich geben, selber glauben oder nicht, ist irrelevant. Im Falle des Klimawandels werden wir die Suppe alle auslöffeln müssen. (Karl Fluch, 10.12.2018)

    • Menschen protestieren vor der Weltklimakonferenz in Polen (COP24).
      foto: imago/christian mang

      Menschen protestieren vor der Weltklimakonferenz in Polen (COP24).

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