"Wonderful Town" an der Volksoper: Zwei Schwestern auf dem Weg nach vorgestern

    11. Dezember 2018, 09:34
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    Leonard Bernsteins dauerüberdrehtes Stück ist an der Wiener Volksoper zu sehen

    Wien – Das Streben nach Glück ist der US-amerikanischen Bevölkerung seit 1776 vertraglich zugesichert, und seit einem knappen Jahrhundert wird sie in ihren temporären Glückbestrebungen von der Gattung des Musicals unterstützt. Auch die Wiener Volksoper erfreut ihr Publikum immer wieder mit diversen überseeischen Updates der Operette, so ist dort aus Anlass des 100. Geburtstags von Leonard Bernstein seit Sonntagabend Wonderful Town zu sehen.

    In Bernsteins 1953 am Broadway uraufgeführtem Musical begleiten die Zuschauer Ruth und Eileen Sherwood aus Ohio bei ihrem Streben nach beruflichem und privatem Glück im New York der 1930er-Jahre. Bernstein lässt in seiner Partitur diese Zeit freudvoll wiederauferstehen, die Trompeten quäken und die Saxofone säuseln, dass es eine Freude ist. Überhaupt ist das komplette Volksopernorchester unter der Leitung von James Holmes ein Glücksbringer: dieser satte, kurvenreiche Sound, diese Vielfalt der Klangfarben ... Nur das Xylofon könnte man etwas vorsichtiger verstärken.

    volksoper wien

    Düstere Pappmachéwelt

    Die Inszenierung von Matthias Davids war zwei Jahre in Dresden zu sehen, die beiden Hauptdarstellerinnen hat der Musical-Chef des Linzer Landestheaters von Elbflorenz nach Wien mitgenommen. Bei Sarah Schütz und Olivia Delauré (als Ruth und Eileen) sitzen infolgedessen jeder Gag und jeder Ton so perfekt wie ihre Kostüme im Look der 1930er-Jahre. Die Powerfrau Schütz gibt die Schriftstellerin mit einer Maria-Furtwängler-Herbheit und bellt herum wie ein Football-Coach, Delauré singt wie eine Maraschinokirsche: glänzend und süß.

    Letzterer liegen als bildschöne Blondine zwar die Männer zu Füßen, aber Schütz bekommt am Ende den, der am besten singt: Drew Sarich. Wenn der Musicalstar singt, wird Davids' konventionell-dauerüberdrehte Regiearbeit augenblicklich auf ein höheres Niveau gehoben. Man vergisst sogar das erschreckend hässliche Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, das an eine Kulisse für ein billiges Musikvideo aus den 1980er-Jahren erinnert. Diese düstere Pappmachéwelt soll eine Wonderful Town darstellen?

    foto: barbara pálffy / volksoper wien
    In Bernsteins "Wonderful Town" begleiten die Zuschauer Ruth und Eileen Sherwood aus Ohio bei ihrem Streben nach beruflichem und privatem Glück im New York der 1930er-Jahre.

    Schade nur, dass Sarich bei den wenigen Nummern des Zeitungsredakteurs Robert Baker seine vokalen Qualitäten kaum zur Gänze demonstrieren kann – aber schon das, was er zeigt, ist eine Klasse für sich. Ziemlich beeindruckend auch das mal laszive, mal euphorische Tanzgebaren des Balletts bei den Szenen im Village Vortex Club. Kreischende Premierenbegeisterung an der Volksoper. (Stefan Ender, 11.12.2018)

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