Antisemitismus-Bericht der EU: Jeder dritte Jude überlegt auszuwandern

    10. Dezember 2018, 12:29
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    Umfrage unter 16.395 Personen in zwölf EU-Staaten: Antisemitismus ist für 85 Prozent das größte Problem

    Brüssel/Wien – Auch mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust sind europäische Juden in ihrem Alltag mit Antisemitismus konfrontiert. Vandalismus, Beleidigungen, Drohungen und sogar Gewaltverbrechen machten ein sorgenfreies jüdisches Leben in der EU unmöglich, lautet das Fazit des zweiten Antisemitismusberichts der EU-Agentur für Grundrechte (FRA), der am Montag vorgestellt wurde.

    2012 war die erste Antisemitismus-Erhebung durchgeführt worden, allerdings noch ohne Daten aus Österreich. Seit damals habe der Judenhass für 89 Prozent der Befragten zugenommen – eines der markantesten Ergebnisse der Studie. 85 Prozent der Befragten gaben an, sie hielten Antisemitismus für das derzeit größte gesellschaftliche Problem in ihrem Land. Als häufigstes Forum für antisemitische Statements wurde von 80 Prozent das Internet genannt.

    Normalisierung

    Es gebe insgesamt, formulieren die Studienautoren, starke Anzeichen für eine "Normalisierung des Antisemitismus". Das bedeute, dass manche Vorfälle gar nicht mehr als judenfeindlich wahrgenommen würden, weil sie so oft zu beobachten seien. "Die Studienergebnisse legen nahe, dass Antisemitismus die öffentliche Sphäre durchdringt, wodurch negative Stereotype gegenüber Juden reproduziert und verfestigt werden. Jüdisch zu sein allein erhöht die statistische Wahrscheinlichkeit, mit einer Reihe von negativen Erlebnissen konfrontiert zu sein", heißt es in dem Bericht.

    28 Prozent der Befragten seien im vergangenen Jahr selbst zumindest einem antisemitischen Angriff ausgesetzt gewesen. 38 Prozent überlegten, ob sie wegen zunehmender Repressionen auswandern sollten. Die drei am häufigsten erlebten Hetzparolen: "Israel agiert gegen Palästina wie die Nazis gegen Juden" (51 Prozent), "Juden haben zu viel Macht" (43 Prozent) und "Juden nutzen den Holocaust zum eigenen Vorteil aus" (35 Prozent).

    Die Daten wurden von Mai bis Juni 2018 mittels Online-Befragung von 16.395 Personen, die sich selbst als jüdisch identifizieren, aus zwölf EU-Staaten gewonnen. In diesen Ländern – Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, die Niederlande, Polen, Spanien, Schweden und Großbritannien – sind laut aktuellen Daten 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung innerhalb der EU zu Hause. Aus Österreich beteiligten sich 525 Personen mit Selbstidentifikation als jüdisch.

    Ähnliches Niveau

    Im Ländervergleich zeigt die Studie im Wesentlichen ein ähnliches Niveau von Antisemitismus in Europa. Österreich liegt beim Antwortverhalten nahe beim Durchschnitt, tendenziell leicht darunter. Das heißt, dass die Befragten aus Österreich die Situation im Großen und Ganzen etwas positiver bewerteten. So war für 73 Prozent Antisemitismus das größte Problem in Österreich (gegenüber 85 Prozent gesamt). 75 Prozent meinten, der Antisemitismus in Österreich habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen (89 Prozent gesamt). Am meisten negative Einschätzungen gab es bei diesen beiden Aussagen von Betroffenen aus Frankreich.

    Die Befragung wurde Mai und Juni 2018 durchgeführt, Interessierte entschlossen sich selbst zur Teilnahme. Es sei unwahrscheinlich, erklärte die EU-Grundrechteagentur, dass die erhaltene Stichprobe der jüdischen Gesamtbevölkerung in Europa hinsichtlich demografischer Merkmale – wie Alter, Geschlecht, Bildung – entspricht. Es gebe gar nicht genug verlässliche Quellen, um die Stichprobe entsprechend gestalten zu können. Die Studie kann somit nicht als statistisch repräsentativ gelten. "Dennoch sind die Ergebnisse verlässlich und robust und (...) die umfassendste Datensammlung zu Antisemitismus-Erfahrungen in der EU", wurde festgehalten. (APA, 10.12.2018)

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      foto: apa
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