Schulexperte Schratz: "Unser Bildungssystem ist stehengeblieben"

Interview10. Dezember 2018, 12:00
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Rück- statt Fortschritte sieht Schratz in Österreichs Bildungssystem. Ziffernnoten, Sitzenbleiben und Halbtagsschule seien gestrig

Michael Schratz ist ein weitgereister Mann. Mehr als 100 Schulen hat der Bildungsexperte auf der ganzen Welt in den vergangenen Jahren besucht. Sein Ziel: die Besten von ihnen zu finden, um daraus Schlüsse für ein gut funktionierendes Bildungssystem zu ziehen. In seinem neuen Forschungsprojekt geht er den Gemeinsamkeiten guter Schulen auf den Grund.

Dem österreichischen Schulsystem stellt der Forscher kein gutes Zeugnis aus. Es hinke den Entwicklungen in anderen Ländern um Jahre hinterher, bisherige Reformen seien mehr Kosmetik denn großer Wurf. Aus Finnland möchte er die Auflösung des klassischen Fächerunterrichts importieren, aus Singapur die Bedeutung des "persönlichen und gesellschaftlichen Wohlergehens" als Kompetenz, die den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden soll. Dass Österreich und Deutschland noch immer auf ein Halbtagsmodell setzen, sei durch die internationale Brille betrachtet sowieso nur eine Skurrilität.

foto: hendrich
Für Bildungsexperte Michael Schratz ist klar: "Von der Halbtagsschule müssen wir uns verabschieden. Das fällt uns sonst auf den Kopf."

STANDARD: Gibt es Gemeinsamkeiten von guten Schulen?

Schratz: Schule ist immer sehr stark kontextgebunden. Was sie unabhängig von ihrem Standort aber auszeichnet, ist: Gute Schulen haben gemeinsame Ziele, auf die sie hinarbeiten. Viele haben aus einer Krisensituation heraus ihre Schulentwicklung begonnen. Bei den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises sieht man, wie weit man gehen muss, um überhaupt die Enge des Denkens zu verlassen abseits der Feststellung "Wir müssen guten Unterricht machen".

STANDARD: Ist das ein Appell an die Haltung, dass die Arbeit im Fach gleich wichtig ist wie die Arbeit für die Schulgemeinschaft?

Schratz: Fachliche Qualifizierung ist das Um und Auf. Aber wir müssen mehr den Blick darauf legen, was mein Fach zum großen Ganzen beiträgt. Da muss ich immer davon ausgehen, was ich lernseits nenne und nicht lehrseits. Ich brauche meine ganze Professionalität, muss aber hinspüren, was braucht diese Schülerin oder dieser Schüler momentan. Wenn ich das nicht merke, dann gibt es immer den klassischen Unterricht, bei dem die lehrseitige Orientierung dominiert. Für die meisten ist dieser Perspektivenwechsel schwierig, weil die Ausbildung sehr stark auf das einzelne Fach ausgerichtet ist und nicht so sehr auf die Schule als Ganzes. Damit wird jedes "zum Ganzen etwas beitragen" dann als "etwas weggenommen bekommen" verstanden.

STANDARD: Geht sich das alles – fachbezogenes Lernen, Pflegen der Schulkultur – überhaupt in einer Halbtagsschule aus?

Schratz: Nein. Von der Halbtagsschule müssen wir uns verabschieden. Das fällt uns sonst auf den Kopf. Fortschrittliche Länder haben auch die Taktung in 45 Minuten aufgelöst. In Finnland wird mit Phänomenen gearbeitet. Die Schüler eignen sich dabei Lehrplaninhalte nicht in unterschiedlichen Fächern an, sondern werden mit komplexen Aufgaben konfrontiert – weil es im Leben ja keine isolierten Probleme gibt.

STANDARD: Haben Schulleitungen dafür denn genug Spielraum?

Schratz: Die preisgekrönten Schulen haben dieselben Bedingungen wie alle anderen. Insofern stehen hier nicht die Rahmenbedingungen im Weg, sondern die Fähigkeit, Schule neu zu denken. Gute Schulleitungen arbeiten nicht im, sondern am System. Wir sind ja nicht in dem Sinn schlechter geworden, wir haben uns nur wenig weiterbewegt. Unser Bildungssystem ist stehengeblieben, wo es schon vor zehn Jahren war.

STANDARD: Mit Blick aus der Außenperspektive auf unser Bildungssystem, was fällt da auf?

Schratz: Besucher aus dem Ausland verstehen nicht, dass man hier nur halbtags in die Schule geht. Die sagen: Ihr verschwendet ja Qualitätszeit! Auch die frühe Trennung des Schulsystems mit zehn Jahren versteht kaum jemand außerhalb Österreichs. Oder die Tatsache, dass alle das gleiche Schulbuch verwenden. Wie gibt es das, dass alle das Gleiche lernen? Das passt ja überhaupt nicht mit dem zusammen, wie Menschen sich entwickeln, heißt es. Für uns ist das hingegen selbstverständlich – ich war ja selbst Lehrbuchautor.

STANDARD: Ist das Festhalten am traditionellen Unterricht in Österreich nur ideologisch erklärbar? Bildungsminister Faßmann sagt, manche politischen Entscheidungen brauchen keine wissenschaftliche Fundierung.

Schratz: Man kann sich das eigentlich gar nicht erklären. Aus der Forschung haben wir ja genug Befunde, was ein gutes Schulsystem auszeichnet. Was Faßmann anlangt: Mich wundert, dass ein Wissenschafter so etwas sagt. Ich muss das zwar zur Kenntnis nehmen, aber als Wissenschafter bin ich der Wahrheit verpflichtet und nicht der Politik. Evidenzbasierte Bildungspolitik sollte schauen, wie gut sind wir, was können wir tun, damit wir besser werden? Dann sollte alles getan werden, um besser zu werden.

STANDARD: Sehen Sie das?

Schratz: Nein, das sehe ich nicht. Im Gegenteil: Wir haben Rückschritte in bestimmten Bereichen. Stichwort Ziffernnoten, an deren Alternativen die Volksschulen lange gearbeitet haben.

STANDARD: Was ist so schlimm daran? Es gibt doch weiterhin die alternative Beurteilung.

Schratz: Das Problem ist, dass wir ein sehr numerisch geprägtes Denken haben. Eltern tun sich also mit anderen Rückmeldungen schwerer, sie wollen oft Noten. Worum es eigentlich geht, ist zu schauen: Werde ich als Schülerin, als Schüler überhaupt wahrgenommen? Hinter einer Note werde ich nicht wahrgenommen. Es wird eher wahrgenommen, was falsch ist.

STANDARD: Soll es Noten dann erst ab zehn Jahren geben?

Schratz: Das finnische Schulsystem hat bis 15 Jahre keine Noten. Ich frage mich, wozu brauche ich sie, wenn ein ganzes Land, das viel erfolgreicher ist als Österreich, darauf verzichten kann?

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"Es gibt kaum mehr Länder, die überhaupt ein Sitzenbleiben haben", sagt Schratz.

STANDARD: Ist das Sitzenbleiben ab der zweiten Klasse auch ein Rückschritt?

Schratz: Es gibt kaum mehr Länder, die überhaupt ein Sitzenbleiben haben. Es wäre viel zielführender, und das machen andere Länder, die personalisiert arbeiten, zu sagen: Wie kann ich das auffangen? Wenn ich jahrgangsübergreifenden Unterricht habe in der Volksschule, dann gibt es kein Sitzenbleiben, dann bin ich in bestimmten Leistungsbereichen einfach in einem anderen Jahrgang.

STANDARD: Es gibt eine Fülle von Bildungstests. Wird zu viel getestet?

Schratz: Die Tests kann man nicht generell schlechtmachen. Die Frage ist natürlich, wer wird dabei mit wem verglichen? Wenn man sich den asiatischen Raum ansieht, die haben ganz andere Bedingungen. Wir vergleichen also ein Halbtagsschulsystem mit Schulen, wo die Schüler bis elf am Abend lernen. Das Gute: Früher hatten wir in Österreich nicht die Möglichkeit einer Fremdeinschätzung, insofern hat das Vergleichen bei Pisa eher einen Referenzcharakter. In Singapur, die ja bei Pisa ganz vorne waren, will man mit den Tests zurückgehen. Die sagen: Wir wissen, dass wir gut sind. Dort ist schon ein ganz anderes Thema wichtig, das des "well-being". Wichtig ist persönliches und gesellschaftliches Wohlergehen.

STANDARD: Noch kurz zu der Reform der Neuen Mittelschule: Ist die NMS überhaupt noch zu retten?

Schratz: Es sind schon so viele Rettungsversuche gestartet worden, da muss man sich überlegen, wie kann man überhaupt ein System organisieren, das das Beste für jedes Kind ermöglicht? Das sehe ich momentan nicht, wenn schon in der Volksschule in der zweiten, dritten Klasse Interventionen anfangen, dass das Kind in die richtige Schule kommt. Es gibt Zehnjährige mit Magengeschwüren. Ist es das, was wir wollen? (Peter Mayr, Karin Riss, 10.12.2018)

Michael Schratz, geboren 1952 in Graz, war Professor am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. Der Erziehungswissenschafter ist Mitglied und Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises.

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