Mut machen, AfD bekämpfen, nicht wegrennen

    7. Dezember 2018, 15:48
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    In ihren Reden versuchten die drei Kontrahenten noch einmal ihre Vorzüge hervorzustreichen

    K kommt im Alphabet vor M und S. Also ist Annegret Kramp-Karrenbauer die Erste, die sich vor der entscheidenden Wahl vorstellen kann. "Liebe Angela, liebe Delegierte", beginnt sie, "das ist für mich ein besonderer Tag." Nie habe sie 1981, als sie in die CDU eintrat, an einen derartigen Moment gedacht. Damals habe große Angst vor einem atomaren Krieg geherrscht, viele hätten die Zukunft in düsteren Farben gemalt. Sie habe sich daher die CDU als Partei ausgesucht, "eine politische Partei, die nicht den Schwarzmalern hinterhergelaufen ist", sagt Kramp-Karrenbauer.

    Denn: "Sie war die Partei, die mit eigenen Ideen und eigener Strahlkraft die Menschen in die Mitte gezogen haben." Das gelte nach wie vor. Denn: "Auch heute schüren unsere politischen Mitbewerber wieder Horrorszenarien." Es gehe um die Frage, "ob wir noch mehr Populisten haben, ob die EU zerfällt, ob wir einen rasanten Klimawandel erleben, der Verteilungskämpfe auslöst und der Menschen in die Flucht schlägt". Das alles sei "eine reale Gefahr". Dann spricht sie von "Mut", den man haben müsse – "gegen den Zeitgeist Kurs zu halten, unsere Komfortzone zu verlassen" und aus einem "man sollte" ein "wir machen" machen. Wenn dies gelinge, dann "leben wir in einem Europa, das den Euro endlich krisenfest macht" und eine europäische Armee habe.

    Sie zählt auf, was ihr wichtig ist: Digitalisierung, Ausbau der Infrastruktur, nicht alles zu Tode regulieren. Und: "Wir müssen ein Deutschland schaffen, in dem Zusammenhalt mehr bedeutet, als nur seine Steuern zu zahlen. Es gibt immer wieder starken Applaus für Kramp-Karrenbauer, die auch dazu aufruft, die CDU wieder zu einer Denkfabrik zu machen, wobei das "C" (also das Christliche) das Leitbild sein müsse.

    Für sie selbst gebe es übrigens "keine konservative und keine liberale Union, sondern nur eine Union und Familie". Sie versichert auch: "Egal wer nachher hier gewinnen wird, keiner von uns drei wird der Untergang für diese Partei sein." Am Schluss betont sie noch einmal ihre Stilvorstellungen: "Ich habe gelernt, dass es bei Führung mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke ankommt."

    Merz sichtlich nervös

    Sie bekommt enormen Applaus. So manch einer hört schon die neue CDU-Vorsitzende sprechen, zumal Friedrich Merz, der als nächster spricht, sichtlich nervös ist und zunächst nicht recht in Schwung kommt. Er spricht Merkel als "Frau Bundeskanzlerin" an, erst im Laufe der Rede wechselt er zu "Angela". "Von diesem Parteitag muss ein Signal der Erneuerung ausgehen", sagt er. "Auf uns wird geschaut, weil wir eine der letzten großen Volksparteien sind. Wir haben eine Verantwortung, die über uns selbst hinausreicht." Die Delegierten klatschen, aber deutlich weniger intensiv als bei Kramp-Karrenbauer.

    Auch Merz schaut zurück, und er erinnert an die Zeit nach der deutschen Teilung, dass alle angenommen hätten, es beginne nun eine lange Periode des Friedens. "Wir waren sicher, dass wir mit Russland zu einem dauerhaft friedlichen Zusammensein kommen könnten. Wir konnten uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein so großes Land wie Großbritannien die EU verlassen könnte." Dann kehrt er in die Gegenwart zurück, erwähnt, dass es dem Land gutgehe und dass die Volksparteien dennoch kontinuierlich verlieren – etwa an die AfD.

    Diese Wählerinnen und Wähler wolle er zurückgewinnen. "Wir brauchen einen Strategiewechsel", sagt er und wirkt nun lockerer. Es müsse viel mehr Dialoge über Sicherheit, Rente, Pflege, Ausbildung, saubere Umwelt und auch über das Thema Migration geben. Der Staat müsse den Überblick behalten, "wer zu uns kommt". Denn: "Ohne klare Positionen bekommen wir keine besseren Wahlergebnisse. Das geht nur, wenn wir mit dem politischen Gegner streiten." Im Laufe seiner Rede, die nicht – wie vorgesehen – zwanzig, sondern gleich dreißig Minuten dauert, wird der Applaus für Merz immer stärker, vor allem als er eines klarstellt: Falls er zum CDU-Vorsitzenden gewählt werde, werde die Zusammenarbeit mit Kanzlerin Merkel reibungslos sein. "Natürlich geht das gut", meint er, denn die CDU habe nicht nur großen Respekt vor der persönlichen Leistung Merkels, sondern auch vor Staatsämtern. Daher gelte: "Es geht immer das Land vor der Partei. Daran wird sich auch ein Friedrich Merz halten." Am Schluss bekommt er etwas mehr Applaus als AKK.

    Jens Spahn eher chancenlos

    Glaubt man den Umfragen, könnte man nun eigentlich zu wählen beginnen. Denn das Rennen unter sich werden wohl AKK und Merz ausmachen. Aber da ist noch Gesundheitsminister Jens Spahn, der Dritte im Bunde. Er habe angesichts seiner Chancenlosigkeit viele Ratschläge erhalten: "Sei nicht so ehrgeizig, zieh doch zurück, du hast doch noch Zeit." Aber das sei nicht sein Ansatz. Wenn die Ex-Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl immer nur abgewartet hätten, dann gäbe es jetzt womöglich das vereinte Europa nicht. Spahn: "Eine gute Zukunft braucht Ambition und Tatendrang und manchmal auch Ungeduld."

    Wer sich in der CDU engagiere, für den gelte: "Es ist uns nicht egal, wie es den anderen geht." Darum trete er an. "Wir brauchen kein Zurück und kein Weiter so, sondern einen Perspektivwechsel." Spahn sieht die Freiheit von "linken Moralisten, rechten Radikalen und religiösen Fundamentalisten" bedroht. Er wolle die Freiheit verteidigen. Auch Spahn bekommt Applaus, aber da ist schon klar: Er wird nicht Parteivorsitzender werden. (Birgit Baumann aus Hamburg, 7.12.2018)

    • Kramp-Karrenbauer, Spahn (unten Mitte) und Merz hielten nacheinander Reden.
      foto: afp/odd andersen

      Kramp-Karrenbauer, Spahn (unten Mitte) und Merz hielten nacheinander Reden.

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