Stylisch statt geistlich: Aus Kirche wurde Co-Working-Space

    25. Dezember 2018, 09:00
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    Die Kirche kann sich die Erhaltung der Gotteshäuser oft nicht leisten. Statt harter Holzbänke gibt es Cafés, Coworking-Spaces oder eine Skatebahn

    Nach kanonischem Recht ist St. Elisabeth kein heiliger Ort mehr, auch wenn die Spiritualität in den Hallen noch immer zu spüren ist. Das mag aber auch am hohen Kreuzrippengewölbe liegen, das das ehemalige Gotteshaus als Immobilie besonders macht. Wo früher der Altar und das Allerheiligste waren, befinden sich nun ein Café und moderne bunte Loungemöbel. Die alten Kirchenbänke wichen kleinen Arbeitskojen und langen Holztischen. Schnelles Internet, moderne Präsentationstechniken, flexible Büroflächen und ein ausgeklügeltes Lichtkonzept machen die ehemalige katholische Kirche im deutschen Aachen seit kurzem zur stylischen Digital Church.

    foto: carl brunn
    Mit der Licht- und Farbgebung kann in den hohen Hallen experimentiert werden.

    Coworking in der Kirche

    Es handelt sich um Deutschlands ersten Coworking-Space in einem Kirchenschiff. Nach einer ersten Zwischennutzung durch das Pop-up-Projekt "Hotel Total" wurden die 1000 Quadratmeter sechs Monate lang umgebaut. Jetzt bietet das Gebäude Platz für rund 100 Arbeitsplätze. Im Sinne eines Shared Space fungiert die Kirche auch als Veranstaltungslocation für Galadinners, Lesungen, Konzerte oder Hochzeiten und bleibt so eine offene Begegnungsstätte, auch für Kunst und Kultur. Das Leuchtturmprojekt soll dem ganzen Quartier für Unternehmensansiedlungen dienen, das angrenzende Kaplanshaus bietet zusätzliche anmietbare Büroflächen für Wachstumsunternehmen.

    foto: digitalhub aachen
    Die entweihte Kirche St. Elisabeth in Aachen ist mit ihrer multifunktionalen Einrichtung auch heute ein Ort der Begegnung.

    "Es war uns wichtig, einen Partner zu finden, der mit der Würde und der Geschichte dieses Gebäudes gut umgeht und eine angemessene Verwendung gewährleistet", erklärte Johannes Bartholomäus vom Kirchenvorstand, bevor das Gebäude übergeben wurde. "Die spirituelle Atmosphäre der Kirche ist geblieben", versichert Oliver Grün vom Digitalhub Aachen, das Start-ups und mittelständischen Unternehmen eine Infrastruktur für moderne flexible Arbeitsplätze und Besprechungsräume bietet. Bei Bedarf können sämtliche Möbel zur Seite geschoben werden.

    Großes Potenzial

    Der Raumausstatter Mathes hat für kreative Räume gesorgt: Das hohe Gewölbe lässt Luft zum Atmen, der Idea-Room mit seinen magnetischen und beschreibbaren Wänden bietet Platz für Workshops. Klassische Besprechungsräume mit dem Charme eines Sakralgebäudes bietet die ehemalige Sakristei mit ihren schweren Tresortüren. Im alten Kaplanshaus befindet sich eine Werkstatt, in der 3D-Drucker und Lötkolben benutzt werden können. "Wir betrachten die Entwicklung des Gebäude-Ensembles um St. Elisabeth als Referenzprojekt. In den kommenden Jahren wird man noch für hunderte Kirchen in Deutschland eine neue Verwendung finden müssen", so der Gebäudeeigentümer Norbert Hermanns von der Landmarken AG.

    foto: carl brunn
    Auch für größere Veranstaltungen und Abendanlässe sich die Räumlichkeiten geeignet. Dann wird der Lese- und Studiertisch kurzerhand zur langen Tafel aufgemotzt.

    Profanierung

    Damit der Sakralbau weltlich genutzt werden konnte, musste er mit einer Entwidmungsfeier entweiht werden. Eine solche Profanierung ist im Kirchenrecht geregelt und bedeutet, dass eine katholische Kirche ihre Weihe verliert. Normalerweise wird ein allerletzter Gottesdienst gefeiert und das Allerheiligste hinausgetragen. Erst danach wird das Gebäude der Umnutzung überlassen. Im Falle von St. Elisabeth wurden liturgische Gegenstände wie Hostienschale, Kelche, Kreuze und Kerzenständer an andere Gemeinden übergeben, wie die Aachener Zeitung berichtete, die dem letzten Gottesdienst 2016 ihre Titelstory widmete. Entweihungen sind ein emotionales Thema, weil Menschen persönliche Erinnerungen mit der Kirche verbinden.

    Gängige Umnutzung

    In Deutschland gibt es noch viele andere umgenutzte Sakralgebäude, wie die ehemalige Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach mit 23 Wohnungen. In den Niederlanden ist das Konzerthaus Paradiso eine der bekanntesten Nachnutzungen, in Spanien fungiert die ehemalige Kirche Santa Barbara in Llanera als Skatepark.

    Auch in Österreich nicht aufzuhalten

    In Österreich sind Kirchenverkäufe kaum ein Thema, obwohl es zur Zeit Josefs II. zahlreiche Profanierungen gab. In Krems wurde die Minoritenkirche immer wieder weltlich genutzt, heute dient sie als u. a. als Konzertraum. Die Erzdiözese Wien überlässt Kirchen, wenn überhaupt, dann anderen, möglichst christlichen, Glaubensgemeinschaften, heißt es aus der Diözese. Die Neulerchenfelder Pfarrkirche etwa wird seit 2014 von der serbisch-orthodoxen Gemeinde genutzt.

    Die evangelische Kirche bestätigt den kürzlich erfolgten Verkauf zweier Kirchen: Eine nutzt die rumänische Baptistengemeinde in Simmering. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber glaubt aber, dass der Kirchenverkauf auch hierzulande nicht aufzuhalten sei: "Wir haben Priester- und vor allem auch Gläubigenmangel. Dazu kommt, dass die Bausubstanz vieler Kirchen schlecht ist, sie sind richtige Sparkassen." Eine ehemalige Kirche als Supermarkt kann er sich aber nicht vorstellen, dann schon eher ein Café – ganz im Sinne des Gemeinschaftsgedankens. (Marietta Adenberger, 25.12.2018)

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