Was man zum großen Opernaufreger "Die Weiden" wissen sollte

    7. Dezember 2018, 14:00
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    Acht Jahre ist es her, dass an der Staatsoper ein Werk uraufgeführt wurde. Am Samstag hat das kontroverse Stück "Die Weiden" Premiere. Die wichtigsten Infos vorweg

    1 Worum geht es in der Oper "Die Weiden"?

    Lea und Peter fahren mit einem Kanu auf einem großen europäischen Strom flussabwärts in Peters Heimat – in eine Gegend, aus der Leas Vorfahren einst vertrieben wurden. Mit Edgar und Kitty, einem jungen Hochzeitspaar, geht es weiter Richtung Osten. Erotische Spannungen zwischen den Protagonisten und eine zunehmend reaktionär agierende Bevölkerung verschmelzen mit dem anschwellenden Strom der Dorma zu einem Crescendo des Horrors. Die Weiden ist unter anderem inspiriert von Algernon Blackwoods Erzählung The Willows (1907).

    2 Warum ist eine Uraufführung an der Wiener Staatsoper so eine große Sache?

    Weil nur selten eine stattfindet. Im neunten Jahr der Direktionszeit von Dominique Meyer ist Die Weiden die erste Uraufführung abseits des Kinderopernsektors. Die letzte große Uraufführung am Haus, die von Aribert Reimanns Medea, fand im Februar 2010 noch in der Direktionszeit von Ioan Holender statt. Und Friedrich Cerhas Oper Der Riese vom Steinfeld (nach einem Libretto von Peter Turrini) wurde im Juni 2002 uraufgeführt.

    3 Was weiß man vor der Premiere über die Musik?

    Das Orchester ist groß besetzt, die Schlagwerksektion ist umfangreich. Es gibt Zuspielungen und elektronische Live-Pas sagen, Stimmen werden fallweise elektronisch verfremdet. Auf einen kammermusikalischen Prolog folgt ein groß dimensioniertes Vorspiel. Ist bei den sechs Bildern der Oper das ganze Orchester im Einsatz, so sind die drei sogenannten Passagen nur klein besetzt. Im vierten Bild gibt es ein Orchester zwischenspiel, eine "Verwandlungsmusik". Die Musik des gebürtigen Tirolers ist meist atonal, das Liebespaar singt etwa ein Duett im Septimabstand; mit zwei Wagner-Zitaten und zwei Songs erlaubt sich der Komponist auch augenzwinkernd Tonalität. Staud komponiert fallweise bewusst gegen die Stimmung des Librettos, um hintergründige Atmosphären zu kreieren. Im Kompositionsprozess zu dieser Oper hat sich der 44-Jährige auch intensiv mit unterschiedlichen Wassergeräuschen beschäftigt.

    4 Könnte das Werk Kontroversen auslösen?

    Die Wahrscheinlichkeit besteht durchaus. Wobei sich Meinungsverschiedenheiten aber wahrscheinlich weniger an der Musik von Johannes Maria Staud als am Textbuch entzünden werden. In seinem Libretto thematisiert Durs Grünbein den Rechtsruck in Europa und die Flüchtlingsfrage. Der Komponist und der Librettist haben sich zudem im Vorfeld wiederholt kritisch zum politischen Umfeld des Landes geäußert. In der Inszenierung von Andrea Moses wird auch auf das Massaker von Engerau Bezug genommen: 1945 wurden am Ufer der Donau hunderte Juden von SS-Männern erschossen. Staud und Grünbein haben die Arbeit an ihrem dritten gemeinsamen Musiktheaterwerk mit einem Besuch dieser Gegend begonnen.

    5 Sollte man sich "Die Weiden" anschauen ?

    Das sollte man auf jeden Fall! Wenn die museale Gattung der Oper mal wieder ein kräftiges Lebenszeichen von sich gibt und man ein neues Werk erleben kann, das zudem noch von brennender Aktualität ist, dann sollte man sich Die Weiden doch zu Gemüte führen. Puccinis Tosca und La Bohème kann man sich immer geben, aber eine Oper über aktuelle Problemfelder dieses Kontinents und dieses Landes, die gibt’s nicht alle Abende zu sehen.(Stefan Ender, 7.12.2018)


    • Lea (Rachel Frenkel) und Peter (Tomasz Konieczny) fahren in der neuen Oper von Johannes Maria Staud im Kanu durch das fragil gewordene Politeuropa.
      foto: wiener staatsoper/michael pöhn

      Lea (Rachel Frenkel) und Peter (Tomasz Konieczny) fahren in der neuen Oper von Johannes Maria Staud im Kanu durch das fragil gewordene Politeuropa.

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