Wiener KH Nord: Wo Blutproben mit der Rohrpost kommen

    6. Dezember 2018, 16:58
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    Digitalisierung soll Arbeitsabläufe beschleunigen und fehlerfreier machen

    Wien – Ein Gewirr aus transparent-blauen Röhren. Es zischt und brummt. Behälter flitzen dank Luftdruck durch die Gegend. Was nach Old-School-Technik klingt, ist in Wahrheit hochmodern. Denn im Wiener KH Nord schickt künftig ein computergesteuertes Rohrpostsystem Blutproben und Medikamente durchs Haus. Möglich sind solche Novitäten dank Digitalisierung, wie am Donnerstag demonstriert wurde.

    apa / herbert pfarrhofer
    Mittels Rohrpostsystem und Transportröhren kommen Blutproben vom jeweiligen Spitalssektor in das Zentrallabor.

    Die Stadt hat sich unlängst zum Ziel gesetzt, "Digi-Hauptstadt" werden zu wollen. Seither präsentiert man regelmäßig konkrete Anwendungsbereiche. Diesmal gaben Digitalisierungsstadtrat Peter Hanke und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (beide SPÖ) Einblicke in eine Reihe von Arbeitsprozessen, die schon bald – unbemerkt vom Patienten – im neuen Spital in Floridsdorf ablaufen werden. Durch den Einsatz moderner EDV-Technik sollen so Arbeitsprozesse schneller und fehlerfreier ablaufen.

    Rohrpostsystem

    Beispiel dafür ist eben das Rohrpostsystem. Zwei Zentralen sind im Spitalsbau untergebracht, von dort verzweigen sich die Transportröhren auf Stationen und Ambulanzen. Das macht es möglich, dass Blutproben, die im Krankenzimmer oder bei Untersuchungen abgenommen werden, dank Barcode-Etiketten direkt vom jeweiligen Spitalssektor in das Zentrallabor geschickt werden können. "Früher wurden die Proben von den verschiedenen Stationen von einem Mitarbeiter zusammengesammelt und dann auf dem Fußweg zur Analyse gebracht", erklärte Peter Plundrak, Projektleiter des Facility Managements im Krankenhaus Nord.

    Bearbeitung von 400 Proben pro Stunde

    Das Besondere: Dank Digitalisierung werden die Blut- oder Gewebeproben auch ohne menschliches Zutun im Labor entnommen und analysiert. 400 Stück pro Stunde können so bearbeitet werden. Die Befundung könne somit deutlich schneller erfolgen, versicherte Plundrak. Bei heiklen Sendungen kann die Geschwindigkeit gedrosselt, in besonders eiligen Fällen – etwa wenn während einer Operation Daten gebraucht werden, die über den weiteren Verlauf des Eingriffs entscheiden – kann eine Art Überholspur aktiviert werden.

    Digitalisierung spielt auch rund um die Fördertechnikhalle eine wichtige Rolle. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Art fahrerloser Fuhrpark. Rund 40 flache Roboterwagen laden dort Transportcontainer auf und bahnen sich selbstständig ihre Wege durch das Spital – inklusive Liftfahrten.

    apa / herbert pfarrhofer
    Rund 40 flache Roboterwagen sind im Einsatz.

    So können sie Wäsche und Essen sowie benötigtes Material – "vom Kugelschreiber über Seife bis Klopapier" – auf die Stationen bringen, führte Plundrak aus. Die Gefährte erkennen freilich auch Hindernisse und Gebäudekanten. In zwei Waschstraßen können die Rollboxen nach ihrem Einsatz vollautomatisch gereinigt werden.

    Infotainment-Tablet für Patienten

    Die Patienten selbst sollen aber auch etwas von der schönen neuen Digi-Welt zu sehen bekommen. Konkret ist jedes Zimmer mit einer Infotainment-Konsole ausgestattet. Über eine Art fix montiertes Tablet hat man vom Bett aus Zugriff auf mehr als 50 TV-Programme, 100 Hörbücher, Zeitungen, Computerspiele und Radioprogramme – allerdings nicht gänzlich kostenlos. Rund 1,50 Euro pro Tag wird die Nutzung kosten. Das WLAN für eigene Endgeräte werde aber gratis sein, hieß es.

    apa / herbert pfarrhofer
    Ab April wird der Vollbetrieb im Krankenhaus Nord simuliert. Ab Anfang Juni wird dann besiedelt.

    Das KH Nord soll mit Ende Juni 2019 vollständig besiedelt sein. Davor sind noch behördliche Genehmigungen nötig, wobei das Riesenprojekt seit Dienstag offiziell keine Baustelle mehr ist. Vollbetriebssimulationen wird es im Frühjahr geben. Eine neue Kostenschätzung soll Anfang des zweiten Quartals – also im April – vorliegen, wobei Hacker betonte, dass er an der Maximalvorgabe von 1,341 Milliarden Euro festhalte: "Es gibt für das Management einen Spielraum – aber nur nach unten." (APA, red, 6.12.2018)

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