Angst vor Sarajevos braun-gelber Suppe

    7. Dezember 2018, 06:00
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    Die Feinstaubwerte liegen im Winter weit im gesundheitsgefährdenden Bereich. Doch die Politik reagiert nicht

    Einer bekam am Montag eine Panikattacke, als er am Abend aus dem Büro kam und das Schwefeldioxid in der Lunge spürte. Viele überlegten, endgültig aus Sarajevo wegzuziehen. Wenn man Anfang der Woche aus der Gondel stieg, wenn man vom Bergausflug zurückkam, stieg der schwere Gestank sofort in alle Atemwege. Schwangeren, Kindern, Alten und Kranken wurde geraten, zu Hause zu bleiben. In Sarajevo gehörten die Luftwerte im weltweiten Vergleich zu den allerschlimmsten. Sogar in Peking war die Situation besser. Das ist nichts Neues. Jedes Jahr hustet man sich im Winter durch eine braungelbe Suppe in der bosnischen Hauptstadt. Auch im Sommer ist die Luft sehr schmutzig, im Winter wird die Situation oft unerträglich.

    Außergewöhnlich an der Situation in Bosnien-Herzegowina ist, dass man kaum etwas gegen den Feinstaub tut. In Sarajevo, der europäischen Hauptstadt der politischen Schlafmützen, verweigern prominente Politiker sogar die Fakten anzuerkennen. Der Premier des Kantons Sarajevo, Adem Zolj, meinte diese Woche, dass Sarajevo im weltweiten Vergleich gar nicht die schlechtesten Werte habe. Dabei lagen die Werte im Luftqualitätsindex mitunter bei über 400 Punkten – und ab 300 wird es richtig gefährlich für die Gesundheit. Die Städte innerhalb der EU schlagen bereits ab 80 Punkten Alarm. Nicht so in Bosnien-Herzegowina, da schien am Mittwoch wieder die Sonne, und alle politischen Initiativen, den Verkehr einzuschränken, erloschen.

    Petition für Maßnahmen

    Ein paar tausend Bürger unterschrieben zwar eine Petition, damit Maßnahmen ergriffen werden, doch viele Bosnier sind sich der schweren gesundheitlichen Folgen des Smogs gar nicht bewusst. Das hat auch damit zu tun, dass Fachärzte im Fernsehen oder in anderen Medien nicht darüber aufklären. Und das wiederum hat damit zu tun, dass die Ärzte im staatlichen Spital in Sarajevo nicht offen reden dürfen – die Ehefrau des Chefs der größten bosniakischen Partei, Sebija Izetbegović, hat den Laden fest im Griff. Die Bürger würden aber vor allem dem Urteil der Ärzte vertrauen.

    Sie wissen nicht, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Bosnien-Herzegowina auf den zweiten Platz weltweit setzte, wenn es um Todesfälle durch Luftverschmutzung geht. Nur in Nordkorea sterben noch mehr Menschen daran. Immerhin wurde nun in Sarajevo kurzfristig verboten, mit bestimmten Motoren auf den Hauptdurchzugsstraßen zu fahren und Müll zu verbrennen. Noch schlimmer als in Sarajevo sind die Werte in den Industriestädten Zenica und Tuzla. Auch die mazedonische Hauptstadt Skopje gilt als Smog-Loch. Die Regierung hat nun Drohnen angeschafft, die über der Stadt fliegen, um auszukundschaften, wer den Dreck in die Luft bläst, um die Verschmutzer zur Verantwortung zu ziehen.

    Kein Zutritt für Inspektoren

    Vor Ort werden nämlich Inspektoren, die etwa die Filteranlagen von Firmen überprüfen, oft nicht eingelassen. NGOs wie Eko Aktion in Sarajevo machen der Politik seit vielen Jahren konkrete Vorschläge, wie man die Luft verbessern könnte: Der öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut werden, die Normen für die Zulassung von Fahrzeugen verbessert werden, im öffentlichen Verkehr müsse ausschließlich Gas verwendet werden, das Verbrennen von Holz oder Autoreifen zur Beheizung von Wohnungen müsse eingeschränkt beziehungsweise verboten werden.

    Doch die Politik stellt sich taub. Alle Vorschläge, die man den zuständigen Parlamenten und Ministerien unterbreitet habe, waren völlig vergeblich, meint Anes Podić von Eko Aktion, "weil sich unsere politischen Eliten überhaupt nicht für Lösungen interessierten". Solange es keinen politischen Willen gebe, "ist es nicht sinnvoll, die Übung noch einmal zu wiederholen", so Podić. Auch der Vizechef der EU-Vertretung in Sarajevo, Khaldoun Sinno, meint: "Wir vermissen Erkenntnis und Aktionen der politischen Klasse, aber auch der Bürger, die über das Problem reden sollten." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 7.12.2018)

    • Ein eingeschränkter Blick auf Sarajevo.
      foto: afp/elvis barukcic

      Ein eingeschränkter Blick auf Sarajevo.

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