Dem Masterplan Pflege fehlt das Visionäre

    Kommentar der anderen6. Dezember 2018, 16:28
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    Die Regierung hat diese Woche zwar einen Masterplan vorgelegt, fertig soll das Konzept aber erst Ende 2019 sein. Aus Sicht einer Expertin braucht es bis dahin auch einen Diskurs über die Qualität von Pflege

    Ein Masterplan Pflege ist grundsätzlich sehr begrüßenswert und sicher längst fällig. Auf den ersten Blick sind auch alle darin aufgezählten Maßnahmen keine, denen von fachlicher Seite widersprochen werden kann. Vieles ist dabei aber auch so allgemein formuliert, dass viel Spielraum dafür bleibt, was schlussendlich ausgearbeitet wird und zur Umsetzung gelangt. Es bleibt also spannend.

    Auch wenn in diesem Masterplan vielfältige Themen angesprochen werden und man sich wünschen kann, dass davon auch einiges umgesetzt wird, so bleibt viel offen oder wird erst gar nicht angesprochen. Welche müsste man also noch aufwerfen und angehen?

    Möglichkeiten ausschöpfen

    Nun vermisst man zum Beispiel, auf welcher Grundlage die einzelnen Themen, die weitgehend ohne erkennbare konzeptuelle Klammer dastehen, debattiert werden. Der Diskurs um das, was Pflegequalität ausmacht, wird genauso wenig angesprochen wie der Begriff der Pflegebedürftigkeit und des Pflegebedarfs, der daraus abgeleitet wird. Beides sind zentrale Grundlagen, auf denen die meisten Maßnahmen aufbauen, nicht zuletzt auch die Frage des notwendigen finanziellen Rahmens.

    Auffallend ist, dass Pflege hier nur im Zusammenhang mit der Zielgruppe der älteren Menschen verhandelt wird. Dies ist zwar eine immer größer werdende Gruppe, es wäre aber fatal, Pflege nur auf diesen Bereich zu beschränken und dabei den ganzheitlichen Blick zu verlieren.

    In Österreich werden die Möglichkeiten, die professionelle Pflege für das gesamte Gesundheitssystem leisten könnte, nicht ausgeschöpft. Professionelle Pflege bezieht sich auf alle Lebensphasen des Menschen und wäre in dem, was sie leisten kann, sehr facettenreich. Aspekte der Gesundheitsförderung, der Beratung, der Gestaltung von Übergängen zwischen der Akutversorgung und zu Hause oder der Langzeitpflege sind nur einige, die in dem Zusammenhang genannt werden können und die bisher weitgehend brachliegen.

    Neue Berufsrollen

    Es ist leider keine Rede von neuen Berufsrollen und Berufsfeldern der Pflege im Gesundheitssystem, die dringend notwendig wären – etwa das Konzept der "Family Nurse", die unentbehrlich ist, will man die Möglichkeiten des längeren Verweilens zu Hause auch im hohen Alter oder mit chronischen Erkrankungen wirklich erweitern; die Rolle von "Advanced Nurse Practitionners", die in vielen Ländern eine wichtige Stütze des ambulanten Gesundheitsversorgungssektors sind; die "Clinical Nurse Specialists", die eine zentrale Rolle sowohl bei der Sicherung evidenzbasierter Pflege als auch bei der Beratung und somit bei der Bewältigung von Erkrankungen einnehmen.

    24-Stunden-Sackgasse

    Auf die 24-Stunden-Betreuung, wie sie momentan ausgestaltet ist, als selbstverständlichen Teil des zukünftigen Systems zu setzten, kann sich, auch unter Beachtung der vorgeschlagenen Maßnahmen zur Qualitätssicherung oder Splittungsmöglichkeit, als Sackgasse erweisen, weil sie auf den Export von Pflegekräften aus Niedriglohnländern basiert.

    Die Suche nach Lösungen, diesen gesellschaftlichen Bedarf innerhalb des Systems, nachhaltig und für alle leistbar mit Teilzeit- oder Vollzeitangeboten zu decken, steht noch aus.

    Welche Pflegegrundlage?

    Es wird – und das ist in solch einem Papier selbstverständlich ein Muss -, die Finanzierung der Pflege angesprochen, aber es wird kein Wort über die wichtigste Grundlage der Pflege verloren, die längst reformbedürftig ist: Der Pflegebedürftigkeitsbegriff und die Ableitung des Pflegebedarfs.

    Dies geschieht weitgehend auf dem längst überholten Bild einzelner Funktionseinschränkungen, die kompensiert werden müssen, und entbehrt einer aktuellen theoretischen Grundlage, aus der entsprechende treffsichere Befragungsinstrumente abgeleitet werden können.

    Dass die Einstufung beziehungsweise die Ableitung des Bedarfs zurzeit nicht treffsicher ausgestaltet ist, zeigt sich vor allem in den niedrigen und mittleren Pflegegeldstufen.

    Hier sieht ein Großteil der pflegenden Angehörigen den Pflegebedarf nicht oder nur teilweise durch das Pflegegeld gedeckt. Das ergab eine Studie, die das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien im Auftrag des Sozialministeriums durchführte. Stutzig werden lässt einen jener Punkt im Masterplan, wonach es "verbesserte und neue Ausbildungsangebote" braucht. Grundsätzlich haben wir in Österreich seit 2016 eine gutes, international kompatibles Ausbildungssystem. Hier braucht es nicht schon wieder eine Reform – vor allem bevor die jetzige noch nicht einmal flächendeckend umgesetzt ist.

    Die "Besten ans Bett"!

    Die Differenzierung nach unten ist mehr als ausgereizt und es darf nicht sein, dass unter dem Deckmantel der Reform gerade für den Bereich der Pflege und Betreuung alter Menschen nach weiteren Ausbildungswegen – vielleicht einer Pflegelehre? – gesucht wird, die immer jüngere Menschen und auf möglichst niedriger Qualifikationsstufe in diesen Sektor bringen. Denn Studien zeigen auch den Zusammenhang zwischen Ausbildungsgrad, Alter und pflegespezifischen Ergebnissen. Die "Besten ans Bett" sollte das Ziel in Zukunft sein!

    Es liegt mir fern, einen Maßnahmenkatalog schlechtzureden, bevor man noch weiß, wie die einzelnen Maßnahmen umgesetzt werden. Trotzdem lässt der Masterplan zum einen ein wirkliches Gesamtkonzept vermissen und zum anderen das Visionäre, das wirklich Neue. Denn die Themen, die angesprochen werden, sind Maßnahmen innerhalb des bestehenden Systems, der bestehenden Rollen, Kompetenzen und Einsatzgebiete der Pflege. Zugegeben: So etwas lässt sich auch nicht innerhalb eines Monats auf die Beine stellen. (Hanna Mayer, 6.12.2018)

    Hanna Mayer ist Vorständin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien.

    Zum Thema:

    SPÖ will eine Milliarde mehr für Pflege

    • Der lange Weg zur Pflege: Mittwoch präsentierte Türkis-Blau einen Masterplan, konkreter werden die Pläne aber erst Ende 2019.
      foto: florian gaertner/imago/photothek

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