Sepp Forcher: "Es ist eigentlich ziemlich blunzn, wie man wohnt"

    7. Dezember 2018, 07:00
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    Sepp Forcher bezeichnet seine Wohnung in Salzburg als Wohlklang, als eine Art Idealkokon der eigenen kulturellen Vergangenheit

    Sepp Forcher führt seit mehr als 30 Jahren durch die ORF-Sendung "Klingendes Österreich". Auch seine eigene Wohnung in Salzburg bezeichnet er als Wohlklang, als eine Art Idealkokon der eigenen kulturellen Vergangenheit. Und die offenbart sich als eine Kombination aus Geschenken, Tauschobjekten und zufälligen Sperrmüllfunden.

    "Über unsere Wohnverhältnisse könnt ich a ganzes Buch schreiben. Als meine Frau Helli und ich vor 62 Jahren g'heiratet haben, arbeiteten wir noch als Hüttenwirte. Wir waren auf unterschiedlichen Almwirtschaften, mal in Schutzhütten, mal im Zeppezauerhaus oben aufm Untersberg. Wir haben uns um den Betrieb gekümmert. Immerhin gab's ein Telefon und auch eine Materialseilbahn, die die schweren Sachen für uns hinauftransportiert hat. Im Haus selbst gab's a Kuchl, die in erster Linie von den Gästen und Wandersleut' genutzt wurde, und einen kleinen Wohnraum für uns. Erst kam der erste Bub zur Welt, dann der zweite, und dann haben wir uns 'dacht: Zu viert auf acht Quadratmetern ... das wird auf Dauer halt schon a bissl zu eng.

    fotos: nathan murrell
    Sepp Forcher in seiner Stube. Den Thonet-Stuhl, auf dem er sitzt, hat seine Frau Helli im Sperrmüll gefunden. In der Stube hängt ein Schüsselrehm mit Deckelkrügen und alter Gmundner Keramik.

    Irgendwann, vor 40 Jahren oder so, sind wir nach Salzburg gezogen, nach Liefering. Das ist ein klassisches Gemüsebauernhaus, das um 1880 errichtet worden ist. Die Buam sind längst aus'zogn, jetzt sind wir hier zu zweit, die Helli und ich. Wir sind hier auf Lebenszeit eingemietet und führen mit den Grundstückseigentümern inzwischen eine echt schöne Freundschaft. Wenn man ein Haus eh mieten kann, dann frag ich mich: Wozu überhaupt noch kaufen? Das ist eine riesige Belastung, unter der viele Leut' ein Leben lang leiden! Wie viele Quadratmeter wir haben, wissen wir nicht, weil uns das auch vollkommen wurscht ist. Aber es ist groß genug.

    600 Schilling

    Eingezogen sind wir mit einem Holzkasten und ein paar Holztruhen, die wir von den Almhütten mitgenommen haben. Die Helli hat dann beschlossen, dem Holz drin in der Stube treu zu bleiben, und so haben wir dann bei irgendwelchen Tandlern eine Eckbank und einen runden Esstisch dazugekauft. Ich kann mich noch genau erinnern, dass beides zusammen damals 600 Schilling gekostet hat. Über der Eckbank hängt ein Herrgottswinkel, so wie sich's g'hört. Ich mag das Bäuerliche und fühle mich in so einem Ambiente, nachdem sich darin meine Wurzeln widerspiegeln, naturgemäß recht wohl.

    In den Jahren und Jahrzehnten danach kamen etliche weitere Kästen und Truhen dazu. Die meisten Stücke sind aus dem Lungau, dem Tennengau und dem Salzkammergut, sie wurden in der Vergangenheit üblicherweise von Wandermalern aus Südtirol bemalt.

    Geschenkt oder eingetauscht

    Erstaunlich finde ich, dass wir uns nie wieder etwas Größeres gekauft haben. Das meiste haben wir geschenkt bekommen oder gegen andere Dinge eingetauscht. Und die Thonet-Stühle hat die Helli im Sperrmüll gefunden. Kästen und Truhen sind zum Wandern dazu, immer schon g'wesen, denn ursprünglich wurden die Möbel ja der Tochter als Heiratsgut auf den Weg mitgegeben, und so haben sie unentwegt ihren Ort gewechselt. Wir setzen diese Tradition fort. Und so leben wir heute in unserem über lange Zeit gesponnenen Idealkokon, weil wir hier von unserer eigenen kulturellen Vergangenheit umgeben sind, und die ist, wenn man sich ganz ehrlich ist, bemerkenswert schön.

    fotos: nathan murrell
    Kästen und Truhen sind zum Wandern da: Bei den handbemalten Bauernschränken und den vielen Tassen und Häferln handelt es sich um Geschenke und Tauschobjekte.

    Seit 1986 moderiere ich jetzt die ORF-Sendung Klingendes Österreich. Und tatsächlich nimmt die Musi in meinem Leben einen großen Stellenwert ein, aber mein ganz persönliches Repertoire besteht aus mehr als nur Volksmusik. Das Erste, was wir uns kurz nach der Hochzeit von unserem ersten selbstverdienten Geld 'kauft haben, war ein batteriebetriebenes Radio, und mit diesem Radio haben wir viele, viele klassische Konzerte gehört, am liebsten Bruckner und Mahler.

    Die Wohnung klingt nach Forellenquintett

    Wennst mich jetzt fragst, wonach meine Stube klingt, dann würd' ich sagen: Na ja, am ehesten nach einem Wohlklang, nach Beethovens Pastorale vielleicht. Und wenn die Helli grad einen Fisch zubereitet in der Küche, dann klingt die Wohnung halt wie das Forellenquintett.

    Weißt, wir werden nimmer lang leben. Und je älter wir werden, desto mehr wissen wir, dass das alles eigentlich ziemlich blunzn ist, wie und wo man wohnt. Denn das, worauf's ankommt, sind die Menschen, die einen umgeben. Wenn der Partner fürs Leben passt, wenn die Kinder passen, wenn die Freunde passen, dann kann man auch in einem Keller glücklich werden miteinand' und auch auf acht Quadratmetern oben auf der Alm, wie sich seinerzeit gezeigt hat. Und wenn ich mit der Helli nach Australien ans andere Ende der Welt auswandern müsst, ich würd's machen." (Wojciech Czaja, 7.12.2018)

    Sepp Forcher, geboren 1930 als Giuseppe Forcher in Rom, verbrachte seine Kindheit auf der Alm in Südtirol und wuchs später in Salzburg auf. Er arbeitete zunächst als Bauarbeiter und Hüttenwirt. Mit seiner Frau Helli, die er 1956 heiratete, bewirtschaftete er einige Berghäuser im Salzburgischen. 1976 begann er beim ORF zu arbeiten und leitete unter anderem die Radiosendungen "Ins Land einischaun" und "Mit'm Sepp ins Wochenende". Seit 1986 moderiert er die ORF-Sendung "Klingendes Österreich", in der landschaftliche Schönheiten und authentische Volksmusik präsentiert werden und die bereits 195-mal ausgestrahlt wurde. 1993 wurde er für seine Arbeit mit der goldenen Romy ausgezeichnet. Heuer erschien sein Buch "Das Salz in der Suppe. Vom großen Wert der kleinen Dinge" (Christian-Brandstätter-Verlag).

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