Pensionsexperte Rürup: Österreichs System "generös, aber teuer"

    5. Dezember 2018, 11:00
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    Die Betriebsrenten in Österreich hält der Ökonom für ausbaufähig. Ein ausgeglichener Mix der drei Pensionssäulen sei am besten

    Der frischgebackene 75-Jährige wirkt gut in Form und aufgeweckt – und obwohl er sich längst in Rente befindet, ist der Begriff Ruhestand in seinem Fall nicht angebracht. Schließlich ist der deutsche Ökonom und Pensionsexperte Bert Rürup auch beruflich weiterhin umtriebig, unter anderem als Präsident des Handelsblatt Research Institute. Darauf angesprochen, entgegnet er schmunzelnd: "Wenn man kein Hobby hat, macht man im Alter das, was man in jüngeren Jahren mit mehr oder weniger Erfolg immer gemacht hat."

    Honeymoon der Sozialsysteme endet

    Hinsichtlich des tendenziell steigenden Pensionsantrittsalters und des Unwillens vieler anderer, länger arbeiten zu müssen, verweist Rürup auf Deutschland. Derzeit befinde sich das Land in einer "demografischen Pause", wegen der Zuwanderung gebe es derzeit keinen Anstieg des Durchschnittsalters – noch nicht. "Dieser Honeymoon der Sozialsysteme wird spätestens 2025 enden. Die eigentlichen Probleme fangen erst danach an", betont Rürup. Nämlich wenn die geburtenstarken Jahrgänge bis 1970 durch geburtenschwache ersetzt werden.

    foto: imago
    Welches ist das richtige Alter für den Pensionsantritt? Für Rürup ist dies die falsche Fragestellung. Vielmehr geht es darum, wer die Kosten der steigenden Lebenserwartung von Pensionisten tragen soll.

    Dann müsse eine Verteilungsfrage geklärt werden: nämlich, ob Beitragszahler, Pensionisten oder Steuerzahler die Kosten der längeren Lebenserwartung in der ersten Säule zu tragen haben. Wobei in der Regel ja jeder Bürger in alle dieser drei Rollen schlüpft, in zwei davon sogar gleichzeitig.

    Viel generöser, aber teurer

    Die gute Nachricht: "Österreich hat ein weniger ausgeprägtes demografisches Problem im Vergleich zu Deutschland", sagt Rürup. "Dem Land geht es hervorragend, es gibt keinen unmittelbar drängenden Reformbedarf." Aber: "Das österreichische Pensionssystem ist sehr viel generöser als das deutsche. Und es ist auch sehr viel teurer." Man braucht höhere Beitrags- und Einkommensteuersätze und einen Bundesbeitrag als Lückenfüller. Zu generös? "Zu generös gibt es in einer funktionierenden Demokratie nicht", entgegnet Rürup. "Wie kann man den Wohlstand im Alter durch einen besseren Finanzierungsmix erhöhen?, so sollte die Frage lauten."

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    "Dreibeinige Tische wackeln nie", sagt Rürup mit Blick auf die Stabilität von drei ausgewogenen Pensionssäulen.

    Als Antwort lässt der Pensionsexperte durchblicken, dass in Österreich die zweite, betriebliche Pensionssäule verglichen mit dem staatlichen Umlageverfahren etwas zu dünn ausgefallen ist – obwohl er grundsätzlich Umlage- und Kapitaldeckung der zweiten und dritten Säule für gleichwertig hält. "Aus Gründen der Risikostreuung ist ein Mischsystem das Überlegene."

    Mischsystem ist überlegen

    Bei Kapitalverfahren zieht er betriebliche gegenüber privater Vorsorge vor, "weil kollektive Systeme in der Regel kostengünstiger sind". Am besten sei aber ein Zusammenspiel aller Säulen, denn: "Dreibeinige Tische wackeln nie."

    Für vorbildlich hält er das Schweizer System: Bei der Umlage gibt es keine Einkommensbemessungsgrenze, alle Einkommen zahlen den gleichen Beitragssatz, aber sie erwerben ab 2019 Ansprüche nur bis zu einer Obergrenze – alles, was darüber hinausgeht, wird umverteilt. Daher ist die höchste Pension aus dem Umlageverfahren nur doppelt so hoch wie die niedrigste. Dazu gibt es verpflichtende Betriebsrenten und zusätzlich die private Vorsorge obendrauf. Warum man dieses System nicht auch in Österreich umsetzt? "Das müssen Sie die Sozialpartner und die Steuerpolitiker der Parteien fragen."

    In Österreich wenige Vorschläge umgesetzt

    Dass Pensionen ein heikles Thema sind, weiß Rürup von der großen Koalition der späten 1990er-Jahre: "An der Pensionsreform unter Bundeskanzler Viktor Klima und Sozialministerin Lore Hostasch konnte ich als Berater mitwirken", erinnert sich Rürup. "Es wurden weniger als 15 Prozent meiner Vorschläge umgesetzt."

    Wohl habe es ihn gereizt, selbst in die Politik zu gehen. "Aber ich weiß, wie Politiker ticken, kann sie deshalb auch beraten – und halte mich lieber im Hintergrund", sagt Rürup und begibt sich zum nächsten Termin: als Keynote-Speaker einer Veranstaltung des Fachverbands der Pensionskassen. (Alexander Hahn, 5.2.2018)

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