Wie Immanuel Kant zum Fremden in der Heimat wurde

    5. Dezember 2018, 10:00
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    Patriotismus statt Vernunft: In Kaliningrad läuft eine Kampagne gegen die Umbenennung des Flughafens nach dem Philosophen

    Mit dem Projekt "Große Namen Russlands" will der Kreml den Patriotismus in Russland fördern. Die Bürger wurden aufgerufen, Flughäfen in 47 Städten einen neuen Namen zu geben. Zur Abstimmung standen dabei jeweils mehrere historische Persönlichkeiten, teils nationalen, teils regionalen Maßstabs. Die Beteiligung war durchaus rege. Offiziellen Angaben nach haben bis zum Ende rund fünf Millionen Russen abgestimmt.

    Doch der Wettbewerb förderte nicht nur Stolz zutage, sondern auch Streitigkeiten um die richtigen Benennungen. Besonders scharf wurde der Kampf in Russlands Ostseeexklave Kaliningrad ausgetragen. Dort sollte der Flughafen Chrabrowo eine neue Bezeichnung erhalten. Plötzlich aber lag in der Abstimmung der Philosoph Immanuel Kant vorn.

    Tatsächlich lieben die Kaliningrader "ihren" Kant. Sein Grab an der Rückseite des alten, in den 1990er-Jahren wieder aufgebauten Königsberger Doms ist Wallfahrtsort für junge Brautpaare. In den 90ern- und zu Beginn der 2000er Jahre liefen rege Diskussionen zur Umbenennung der Stadt. Die Rückbenennung in Königsberg schied aus, um eventuellen Rückforderungsansprüchen zuvorzukommen. Aber der Name Kantgrad schien vielen Bürgern durchaus eine würdige Alternative, um die russische und deutsche Geschichte der Stadt zu vereinen.

    Und so führte der Verfasser der Kritik der reinen Vernunft tatsächlich lange Zeit die Liste der Anwärter auf den Namenszug des Flughafens Chrabrowo an. Doch ebenso kategorisch wie Kants Imperativ ist die Ablehnung russischer Nationalisten gegenüber dem deutschen Philosophen. Im November beschmierten Unbekannte das vor der Universität stehende Kant-Denkmal mit Farbe.

    Flottenführung sagt "Njet"

    Nun tauchte ein Video mit einer Hasstirade des Stabschefs der Baltischen Flotte, Igor Muchametschin, gegen Kant auf. Dieser sei ein "Vaterlandsverräter" und zugleich ein "Fremder", sagte er, obwohl Kant sein ganzes Leben in der Gegend von Königsberg zugebracht hatte. "Er hat sich erniedrigt und ist auf Knien gerutscht, damit sie ihm einen Lehrstuhl geben", höhnte der Vizeadmiral. Jemand, der "unverständliche Bücher, die niemand der Anwesenden hier gelesen hat oder jemals lesen wird, geschrieben hat", könne kaum als Namensgeber für den Flughafen dienen, erklärte der Offizier bei einem Appell vor versammelter Mannschaft.

    Stattdessen sollten die Matrosen ihre Angehörigen dazu bewegen, für den Feldmarschall Alexander Wassiljewski zu stimmen, forderte Muchametschin seine Untergebenen auf. Dieser sei als Oberbefehlshaber des Sturms auf Kaliningrad nämlich dafür verantwortlich, dass Kaliningrad überhaupt russisch und die Baltische Flotte in der Region stationiert sei. "Ich bitte das nicht nur als persönliche Bitte, sondern als Appell des militärischen Flottenrats und der Führung anzusehen", sagte Muchametschin. Es gehe nicht an, dass der Flughafen eines Gebiets, "auf dem das Blut von sowjetischen Soldaten und Offizieren geflossen ist, den Namen eines Ausländers trägt", schloss der Vizeadmiral.

    Und der Widerstand der Nationalisten scheint Erfolg gehabt zu haben. Im Endspurt wurde Kant in der Online-Abstimmung noch auf den dritten Platz zurückgeworfen. Knapp vor ihm landete Wassiljewski. Es siegte freilich Zarin Elisabeth. Ihr Verdienst um Kaliningrad ähnelt jenem Wassiljewskis. Sie hatte im Siebenjährigen Krieg erstmals Königsberg für Russland erobert. Ihr Sieg kann als Barometer für die aktuelle politische Stimmung in Russland gelten. Reiner Patriotismus ist gefragter als reine Vernunft. (André Ballin aus Moskau, 5.12.2018)

    • Statt Flugzeugen auf dem Kant-Airport landete Farbe auf dem Kant-Denkmal.
      foto: imago/itar-tass

      Statt Flugzeugen auf dem Kant-Airport landete Farbe auf dem Kant-Denkmal.

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