Suche nach neuer Duftformel mit künstlicher Intelligenz

    7. Dezember 2018, 11:00
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    Am Anfang war Gestank, doch schließlich konnte das System Philyra die erste KI-gestützte Parfumformel entwickeln – ein Duft für brasilianische Millennials

    Die olfaktorische Wahrnehmung wird oftmals geringgeschätzt – der Seh- oder Tastsinn des Menschen werden zumeist mit deutlich mehr Aufmerksamkeit bedacht als das Riechen. Gerüche spielen zwar keine offensichtlich große Rolle in unserer Gedankenwelt, umso mehr regen sie aber unsere Gefühle an. In diese Welt der Triebe, Reize und Instinkte soll nun eine Innovation Eingang finden, die man dort kaum vermuten würde: künstliche Intelligenz (KI).

    foto: getty/istock
    Die Kreation neuer Düfte obliegt von jeher den Parfümeuren. Ein neues System bietet ihnen nun technische Unterstützung bei der Suche nach Duftformeln.

    Der IT-Konzern IBM und der Duftanbieter Symrise haben in zweijähriger Zusammenarbeit ein KI-System namens Philyra entwickelt, das Parfümeure dabei unterstützen soll, die perfekte Duftformel zu finden. Der erste Duft, der mit künstlicher Intelligenz entwickelt wurde, soll 2019 erhältlich sein.

    Was kann also eine künstliche Intelligenz, was Parfümeure nicht können? Achim Daub, Vorstandsmitglied bei Symrise, will nicht vom Ersetzen der Parfümeure durch künstliche Intelligenz sprechen, es gehe vielmehr um eine "Verstärkung der menschlichen Kreativität".

    Und das funktioniert so: Aus einer Datenbank mit 1,7 Millionen Duftformeln entwickelt der Algorithmus neue Kreationen zu einem bestimmten Thema – zum Beispiel "florale Düfte der 1980er-Jahre". Dabei fließen weitere Informationen zu den Inhaltsstoffen sowie deren chemischer Zusammensetzung und Angaben über Alter und Kundenpräferenzen der Zielgruppe mit ein.

    foto: ibm
    Das KI-System Philyra unterstützt Parfümeure beim Unternehmen Symrise, neue Duftformeln zu finden.

    "Völlig einzigartig"

    Im nächsten Schritt liegt es am Parfümeur, die unterschiedlichen Vorschläge für neue Mixturen zu bewerten, gegebenenfalls anfertigen zu lassen und olfaktorisch zu analysieren. Denn das Riechen bleibt dann doch noch den Menschen überlassen. David Apel, Parfümeur bei Symrise, zeigt sich angetan von seinem neuen maschinellen Gehilfen oder eher seiner Gehilfin – immer, wenn Apel das KI-System erwähnt, spricht er von einer Sie: "Sie ist mein Partner, kreiert verschiedene Möglichkeiten und gibt mir die Option, aus unterschiedlichen Varianten zu wählen", sagt Apel. "In 1,7 Millionen Duftformeln etwas Neues zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Doch sie hat etwas vorgeschlagen, woran wir zuvor nicht gedacht haben." Der größte Triumph von Philyra ist für ihn folglich auch: "Sie erzeugt etwas völlig Einzigartiges."

    Bei der Erstellung der Vorschläge können verschiedene "Kreativitätslevels" ausgewählt werden, wobei Kreativität hier bloß ein Maß dafür ist, inwieweit sich die Zusammensetzung eines Duftes von bisherigen Formeln unterscheidet.

    foto: ibm
    David Apel, Parfümeur bei Symrise, arbeitet bereits mit der künstlichen Intelligenz Philyra.

    Standing Ovations für neuen Duft

    Zu Beginn des Prozesses lag allerdings auch allerlei Gestank in der Luft, da gab es "mehrere Katastrophen" – ein Parfum, das wie Haarshampoo roch, und ähnliche Fauxpas. Schließlich konnte Philyra allerdings so weit optimiert werden, dass mit ihrer Hilfe in der Rekordzeit von eineinhalb Monaten zwei neue Düfte für den brasilianischen Kosmetikkonzern O Boticário entwickelt werden konnten – ein süßlich, floral anmutendes Frauenparfum und ein etwas herber Männerduft.

    Bei der Vorstellung vor O Boticário gab es "Standing Ovations", wie Daub begeistert berichtet. Bei einer Präsentation der Düfte vor Journalisten beim Forschungssitz von IBM in Rüschlikon bei Zürich blieben diese zwar aus. Vielleicht lag es aber an der Zielgruppe für die neuen, von der KI entwickelten Düfte – denn deren Vertreter waren bei der Pressekonferenz in der Schweiz nicht anwesend: brasilianische Millennials. Die neuen Düfte sollen nächstes Jahr in Brasilien auf den Markt kommen. (Tanja Traxler, 7.12.2018)

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