Chinas singender Pavillon und die künstliche Intelligenz

    7. Dezember 2018, 06:00
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    Peking eröffnet seinen ersten intelligenten Volkspark zur Popularisierung seiner Pläne, mit smarter Technologie den Alltag zu revolutionieren. Und um die Gesellschaft zu kontrollieren

    Der Song "Yellow Submarine" schallt aus dem Lautsprecher im Gebälk des hölzernen Pavillons. Die Besucher des Haidian-Parks im Nordwesten Pekings beschwören einen Geist, der unsichtbar ist, aber zu ihnen spricht. "Xiaodu" (Kleiner Du) rufen sie ihn. Der Beatles-Hit, den sich zuvor ein Ausländer gewünscht hatte, stoppt abrupt. Eine Stimme aus dem Off ist zu hören: "Bin da." Könnte der kleine Du nicht auch ein "rotes Lied" spielen? Nun singt der Chor der Volksbefreiungsarmee "Der Osten ist rot" mit der eigens bestellten Strophe "Ohne Kommunistische Partei gibt es kein neues China".

    foto: johnny erling/standard
    Im singenden Pavillon lässt sich jede Musik der Welt bestellen, von den Beatles bis zur Kulturrevolution.

    Der Liedwechsel von den Beatles zum Armeechor hat keine Minute gedauert. Der kleine Du kann auch Fragen beantworten. Er weiß etwa, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel heißt, und nennt sogar ihren zweiten Vornamen Dorothea. Die Hightech, die das möglich macht, versteckt sich in den Säulen des Pavillons. Sie kann Stimmen und Sprachen unterscheiden und verstehen und verbindet sich mit den Suchsystemen und Musikdateien der Internetgiganten Baidu und Tencent.

    Keine Antworten auf heikle Fragen

    China zeigt seine smarte, digitale Zukunft von ihrer schönsten Seite. Während in dem Pekinger Modellprojekt zur Anwendung und Umsetzung künstlicher Intelligenz (KI) Songwünsche erfüllt und Auskünfte lexikalisch abgehandelt werden, gibt es auf heikle Fragen keine Antworten. Etwa nach der Rolle von KI bei der Kontrolle und Überwachung der Gesellschaft oder zum Datenschutz.

    Dabei wird längst alles, was im Park vorgeführt wird – von der Sensorenmessung und Videoüberwachung über die Techniken für Scans bis zur Erkennung von Gesichtern, Stimmen, Haltungs- und Körperbewegungen –, mehr oder weniger heimlich von Chinas Polizei und Armee angewendet. Kein anderes Land hat so viele Videokameras installiert, kann mit Anwendungen der künstlichen Intelligenz seine Bevölkerung so umfassend kontrollieren. Und tut das auch besonders stark, wenn es um Unruheregionen wie die muslimisch bewohnte Provinz Xinjiang geht.

    Spaß an der digitalen Revolution

    Im Haidian-Park, in dem zuvor nur Pensionisten ihre Drachen steigen ließen, haben alle sichtlich Spaß an der digitalen Revolution. Jogger laufen auf einer langen intelligenten Fitnessbahn und freuen sich über die Kameras und Sensoren, die ihre Daten messen und individuell auswerten. Bargeldlos, nur über Gesichtserkennung, spucken Automaten Erfrischungsgetränke aus – und das, damit sie auch genutzt werden, zum Lockpreis von 15 Cent –, oder es öffnen sich Schließfächer.

    foto: johnny erling/standard
    Im intelligenten Haus im Pekinger Park unterhält sich Roboter "Kleiner Du" mit den Besuchern.

    Der digitale Park ist nach chinesischen Angaben das erste derartige Vorführprojekt der Welt. Wer mitmachen will – der Eintritt ist gratis –, muss sich eine App auf sein Smartphone laden und sich darüber registrieren, damit er im Park erkannt wird und sich alle Türen öffnen. Auch die Tore zum smarten Haus. Dort melden sich dienstbare Roboter und intelligente Geräte aller Art auf den Zuruf "Kleiner Du". Sie unterhalten, informieren oder umarmen ihre Besucher. 16.029 Gäste kamen in den ersten drei Wochen im November, 65 Prozent wurden mithilfe der Kameras als Männer und 35 Prozent als Frauen identifiziert. Aber nicht nur das: Ihr Alter wurde bestimmt, es wurde erfasst, was sie sich wo und wie lange anschauten. Die eingesetzten Technologien sind seit langem bekannt. Doch neu ist, wie effizient sie zusammenwirken. Chinas Polizei nutzt sie beispielsweise, um Menschenmengen zu beobachten und die Gesichter und Haltungen von Personen mit denen in ihren Datenbanken abzugleichen.

    Ehrgeizige Pläne

    "Kleiner Du" ist die Abkürzung für den Internetgiganten Baidu, Chinas größte Suchmaschine. Sie verwandelt sich mit ihren 40.000 Mitarbeitern zum neuen Vorreiter in Sachen künstlicher Intelligenz. Baidu-Chef Robin Li hatte am 1. November auf der Pekinger Welttechnologie-Konferenz seines Unternehmens die Eröffnung des neuen Parks angekündigt, um den Pekingern zu zeigen, was sich alles damit machen lässt. Zugleich kündigte er einen Paradigmenwechsel für sein Unternehmen an. "Weiterhin im Rahmen von Internetanwendungen zu denken ist überholt. Wir müssen heute im Zeitalter der KI innerhalb von deren Systemen denken", sagte der Multimilliardär. Auf der Hurun-Liste von Chinas Superreichen liegt der 50-Jährige in diesem Jahr auf Platz neun – mit 17 Milliarden Dollar Vermögen. Nummer eins mit mehr als doppelt so viel ist Alibabas Jack Ma, der bei dem Online-Kaufhaus nun auch auf KI setzt.

    foto: johnny erling/standard
    Eine Attraktion des Parks: Ein autonom fahrender Bus fährt sicher an zwei Fußgängern vorbei.

    Li hat ehrgeizige Pläne, zusammengefasst in der Abkürzung ACE: A steht für autonomes Fahren, C (connected) für vernetzten Straßenverkehr und E für die effektive Smart-City. "Wir fangen mit den Großstädten Peking und Schanghai an, weil sie die meisten Einwohner und kompliziertesten Strukturen haben", kündigte der Baidu-Chef an. Mithilfe der künstlichen Intelligenz will er Pekings Verkehrsprobleme lösen, indem er selbstfahrende Autos über ein smartes Straßennetz leitet. Die Wartezeiten vor Ampeln ließen sich so um 30 bis 40 Prozent verkürzen, verspricht er.

    Staatsstrategie

    Li stand bereit, als Chinas Führung im Juli 2017 die Entwicklung und Anwendung der künstlichen Intelligenz auf allen Gebieten zur Staatsstrategie erklärte. KI soll zum neuen Entwicklungsmotor für das Land werden und Peking technologisch die Oberhand in der "neuen industriellen Revolution" sichern. Bis 2030 soll China ein "KI-Weltzentrum" sein. Die Regierung löste damit einen neuen "Großen Sprung" aus. Inzwischen gibt es mehr als 1-000 AI-Start-ups in Peking, haben mehr als 500 chinesische Städte bekundet, sich in "Smart-Citys" verwandeln zu wollen. Täglich kommen neue hinzu.

    Der Ausbau der künstlichen Intelligenz, ohne die China sein bis 2020 geplantes, umstrittenes Bonitätssystem der Sozialkredite und des Kontrollmanagements der Gesellschaft nicht verwirklichen kann, ist zum neuen Schlachtfeld für alle IT-Gesellschaften geworden. Nur sie verfügen über die notwendigen Massen an Daten zur KI-Entwicklung und -Anwendung. IT-Konzerne wie Alibaba und Tencent stürzen sich ebenso wie Baidu auf die neue Marktchance.

    Chinesen "bereit, ihre Privatsphäre zu opfern"

    Der Staat und die Stadt Peking unterstützen Li. Im März enthüllte er auf dem China Development Forum, dass er im Stadtgebiet Straßen auf einer Länge von 105 Kilometern für Tests mit autonom fahrenden Wagen nutzen dürfe. Zugleich behauptete er, dass Chinesen, wenn es um den Schutz ihrer Privatsphäre gehe, "offener und viel weniger empfindlich reagieren" als Menschen in anderen Ländern. Sie seien bereit, "ihre Privatsphäre zu opfern, wenn sie mehr Bequemlichkeit und Effizienz für sich erzielen können". Li erntete einen Sturm wütender Online-Kommentare, Blogger attackierten ihn für so viel Arroganz.

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    Unterricht im virtuellen Schattenboxen: Künstliche Intelligenz macht es möglich, dass der virtuelle Lehrer den realen Schüler coacht.

    Alles lässt sich die Bevölkerung nicht mehr gefallen. Im November begehrten Eltern gegen den Volksverlag der Provinz Henan und seine 33-teilige Schulbuchserie zur künstlichen Intelligenz auf, weil das die Kinder und Schüler überfordere. Das Lehrmaterial war ohne Debatte in die Lehrpläne vom Kindergarten bis zum zwölften Schuljahr eingegangen.

    Im Pekinger Haidan-Park ist davon nichts zu spüren. Am Wochenende bringen Eltern ihre Kinder mit. Besonders beliebt ist der singende Pavillon. Alle rufen durcheinander: "Kleiner Du, spiel ein Lied auf." Doch so viele Wünsche zugleich verkraftet auch der smarte kleine Du nicht. Er verstummt. (Johnny Erling, 7.12.2018)

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