Remain in Light #3: Roy Orbisons "Mystery Girl"

    Blog4. Dezember 2018, 16:00
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    Vor 30 Jahren starb der große Tragöde – den Welterfolg seines letzten Albums hat er nicht mehr erlebt

    Sogar The Cramps konnten sich irren. Als irgendwann vor 100 Jahren die Sampler-Reihe Born Bad – Songs The Cramps Taught Us erschien, befand sich auf der ersten Ausgabe ein Lied von Roy Orbison: Domino. Ein atemlos rumpelnder Song aus der Sun-Records-Phase des Sängers. In den Linernotes wurde der Interpret jedoch denunziert.

    Domino sei zwar ein toller Song, steht dort, dann aber sei aus Roy der "Big O No" geworden. Eine Verunstaltung seines Nicknames "The Big O". Bei aller Liebe, hier irrten die Krampen. (Oder jene, die meinten, in ihrem Sinne zu sprechen).

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    Domino, 1957, Roy Orbison.

    Diese Woche jährt sich zum 30. Mal der Todestag von Roy Orbison. Am 6. Dezember 1988 raffte ihn ein Herzinfarkt hinweg, mit nur 52 Jahren. Eine Lebensspanne, von der er viele Jahre im Dunkeln verbracht hatte – freiwillig wie unfreiwillig.

    Persönliche Tragödien

    Seine große Zeit hatte er Anfang der 1960er-Jahre. Damals schrieb er in Serie Hits für das Label Monument. Songs, die zum Weltkulturerbe zählen: Only the Lonely, Crying, It's Over, Running Scared, Pretty Woman ... – Manifeste der Verzweiflung, die ihr Schöpfer mit klarer Stimme vortrug, mit der Entschlossenheit des Kapitäns eines untergehenden Schiffes.

    Auf der Bühne zeigte er dabei kaum eine Regung. Musste er nicht. Seine Songs erforderten keine kopulierende Trocken-Moves. Sie besaßen eine Contenance und Integrität, die physische Kasperliaden bloß karikiert hätten. Siehe auch: Johnny Cash. Lediglich Orbisons Spielbein zuckte, ansonsten umgab ihn eine mythische Aura, irgendwo zwischen singenden Bibelverkäufer und Freak-Show-Direktor.

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    Weltkulturerbe: Running Scared.

    1966 starb seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, zwei Jahre später trug er zwei seiner drei Söhne zu Grabe: Sie waren bei dem Brand seines Hauses umgekommen. Seine zweite Frau Barbara gab ihm die Kraft das irgendwie zu überstehen, weiterzumachen. Mit ihr zog er nach London und erlebte dort den Ausgang der Sixties – weit weg von den Orten seiner persönlichen Tragödien.

    Doch wohin er auch ging, er verbarg sich hinter schwarzen Sonnenbrillen. Es war eine Angewohnheit, die dem Zufall geschuldet war. Denn der schon als Kind schasaugerte Sänger hatte einst seine Brille vergessen, als er auf Tour ging. Bloß die Sonnenbrillen hatte er dabei.

    Birth of Cool

    Um auf der Bühne vorne von hinten unterscheiden zu können, setzte er die auf – und das behielt er bei. Der verletzlichste und am meisten verletzte Popstar aller Zeiten als Geburtshelfer des Cool. Das war nicht die einzige ironische Fußnote in der Biografie des 1936 in Texas geborenen Musikers.

    Eine andere war, dass ausgerechnet jener Mann ein schwaches Herz hatte, der die Pumpen von Millionen Fans mit seinen Liedern wärmte, ihnen Trost gab, Verständnis zeigte, signalisierte, ihr seid in eurem Kummer nicht allein. Darin war er der Größte, ein sanfter Gigant. Orbisons eigener Lebensmuskel aber musste sich einer dreifachen Bypass-Operation unterziehen, da war er gerade 40.

    Höhenflug mit den Wilburys

    Und die finale Ironie: Als Orbison starb, befand er sich auf einem Höhenflug. Als Mitglied der Supergroup Traveling Wilburys verkaufte er Millionen Platten und hatte eben ein eigenes Meisterwerk vollendet. Dessen Wirkung auf die Welt sollte er nicht mehr erleben. Sein 22. Album erschien erst im Februar 1989: Mystery Girl. Diesem hochkarätig besetzten Testament ist dieser Eintrag gewidmet. Doch dazu muss man noch ein paar Jahre zurückgehen.

    Das Testament Roy Orbisons, das Album Mystery Girl.

    Sein letztes Studioalbum davor lag gut zehn Jahre zurück, und selbst in den 1970ern, als Roy noch regelmäßig veröffentlichte, befand er sich am absteigenden Ast. Dann revitalisierten ihn mehrere seiner Fans. 1986 coverte Nick Cave Orbisons Running Scared. Im selben Jahr verwendete David Lynch für seinen Film Blue Velvet den 1963 erschienenen Orbison-Song In Dreams für eine albtraumhafte Szene.

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    Roys Revitalisierung über den Umweg eines Albtraums: In Dreams in David Lynchs Blue Velvet.

    Orbison war schockiert und verstand erst etwas später den Kunstgriff Lynchs, fasste zugleich aber so viel Vertrauen in den Regisseur (und Fan), dass er auf dessen Ermutigung hin alte Klassiker seines Katalogs neu einspielte. Sie wurden 1987 auf der Sammlung In Dreams: The Greatest Hits einer neuen Generation vorgestellt und verkauften sich wie geschnitten Brot.

    Oper der Untröstlichkeit

    Schon 1985 hatte Orbison gezeigt, dass er noch fähig war, Herzeleid auf eine Art zu vertonen, wie sie ihn in den 1960ern weltberühmt gemacht hatte. 1985 schrieb er für Nicolas Roegs Film Insignificance den Song Wild Hearts ... (And Time Again). Benötigte er in den 1960ern kaum drei Minuten, um Himmel und Hölle emotional in Schutt und Asche zu legen, ließ er sich hier fünf Minuten Zeit. Entstanden ist eine Oper der Untröstlichkeit. Auf Youtube befindet sich nur die auf drei Minuten zusammenkastrierte Version. So sieht die Maxi mit der vollen Länge aus.

    Und dann gab er ein Konzert in L. A. Seine Band bestand aus Kalibern wie Tom Waits, T-Bone Burnett, Elvis Costello, Bruce Springsteen, KD Lang, Jackson Browne oder Bonnie Raitt; '87 war das. Im Auditorium saß halb Hollywood und zückte die Taschentücher – das Konzert sollte ebenfalls posthum veröffentlicht werden.

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    Roy mit ein paar Freunden: A Black and White Night.

    Mit all diesem Zuspruch im Rücken und den Wilburys als Kontofüllern ging Roy 1988 wieder ins Studio. Dort entstand Mystery Girl. Der Opener lief damals in den Radios der Welt und ist heute ein Klassiker: You Got It. Ein optimistischer Song, also eher ungewöhlich für Orbison, den er mit Jeff Lynne und Tom Petty geschrieben hatte. Darauf folgte ein echter Orbison, das illusionslose In The Real World. Ein Abschiedslied, was sonst?

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    Posthumer Welthit: You Got It.

    Es folgen Dokumente des Haderns. Zwischen Zuneigung und der Angst, abgewiesen zu werden. (All I Can Do Is) Dream You und A Love So Beautiful. Flehen, sehnen, zaudern. Orbisons Gesang beschreibt das Unbeschreibliche mit einer Bestimmtheit, wie sie sonst nur die Endlichkeit kennt. Das verleiht seinen Liedern Autorität und eine Aufgewühltheit, für die er früh schon die Schablonen gemeiner Popsongs überwunden hatte. Wer hat schon Zeit, einen Refrain immer wieder zu singen, wenn es um sein Leben geht? Nicht Roy.

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    "A love so beautiful ... we let it slip away."

    California Blue ist dann eine kurze Entlastung, eine Eloge auf den Golden State, nicht ohne das Gewicht der Sentimentalität auf seine Schultern zu laden. Dann taucht er in She's A Mystery To Me wieder ins Tränental.

    In seiner eigenen Liga

    Die Chronik dieses Albums beschreibt ein eloquentes Auf und Ab der Gefühle. Auf Ausreißer folgt Gemütsschwere: Roy Orbison in seiner eigenen Liga. Doch er beendet die Platte vergleichsweise hoffnungsfroh. Mit dem profanen Windsurfer und Careless Heart. Doch dieses finale Statement sollte seine Pumpe nicht mittragen.

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    Careless Heart – der Anfang vom Ende: "I didn't care enough."

    Was bleibt, ist ein zeitloses Meisterwerk und ein Künstler, der schon zu Lebzeiten in den Status der Legende gewechselt war. Ein rätselhafter Solitär mit enormem Vermögen, sich einzufühlen, zu leiden. Im schwarzen Anzug, mit schwarz gefärbten Haaren, mit dunklen Sonnenbrillen. Als wäre er jederzeit auf das Schlimmste vorbereitet: auf das Ende, das er so oft besungen hat. It's Over. (Karl Fluch, 4.12.2018)

    • Roy Orbison, der zärtlichste Tragöde der Popwelt. Vor 30 Jahren starb er – mit nur 52 Jahren.
      sony

      Roy Orbison, der zärtlichste Tragöde der Popwelt. Vor 30 Jahren starb er – mit nur 52 Jahren.

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