Weltklimakonferenz in Polen: Augen zu ist die falsche Strategie

    2. Dezember 2018, 17:41
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    Nach 23 Klimakonferenzen steigen die Emissionen immer noch. Was bringen die Treffen dann überhaupt? Sieben Standpunkte gegen weitverbreitete Irrtümer

    Ausgerechnet Polen. Zwischen Oktober und März, wenn die Kohlekraft auch zum Heizen eingesetzt wird, ist die Luft in vielen Teilen des Landes zum Schneiden: 36 der am stärksten unter Luftverschmutzung leidenden Städte Europas liegen in Polen und viele davon rund um Katowice, wo Sonntagabend die 24. Weltklimakonferenz begonnen hat. Es mag widersprüchlich wirken, dass in dem Land, wo knapp 80 Prozent des Stroms aus Kohleverbrennung gewonnen wird, eine Konferenz zur Reduzierung von CO2 abgehalten wird.

    Oder: gerade Polen. Denn die weltweiten Anstrengungen müssen verdreifacht werden, um die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu halten. Das zeigte erst Ende November der Report des UN-Umweltprogramms. Die Situation in Polen könnte den Staaten also auch vor Augen halten, wie wichtig die kommenden zwei Wochen sind. Denn nach dem Meilenstein des gemeinsamen Klimavertrags von Paris im Jahr 2015 gilt es nun, diesen mit Leben zu füllen.

    Das soll mithilfe eines gemeinsamen Regelwerks ("Rulebook") gelingen. Noch strittige Punkte sind etwa einheitliche Leitlinien für das Berichtswesen der Staaten (Treibhausgasinventar), die Nachbesserungen der Klimapläne oder Fragen der internationalen Klimaschutzfinanzierung. Auch in der Abschlusserklärung des G20-Gipfels in Buenos Aires vom Sonntag kommen Maßnahmen gegen den Klimawandel nur in sehr allgemeiner Form vor.

    Rund um die Weltklimakonferenz wiederum häufen sich Bedenken, ob die Veranstaltung überhaupt Fortschritte bringt. Der STANDARD hat sieben weit verbreitete Irrtümer zusammengetragen – und was ihnen entgegenzuhalten ist:

    •  Bei Klimakonferenzen wird viel geredet, aber nichts erreicht.

    Heuer werden 25.000 Konferenzteilnehmer erwartet. Am Ende, wenn um die letzten Details – um Kommata und Konjunktive – gefeilscht wird, kann es chaotisch zugehen. Im besten Fall gelingt ein kleiner Schritt auf einem langen Weg. Bringt der Stress überhaupt etwas? Ja, denn ein globales Problem ist nur global zu lösen. Jeder Staat hat bei Klimakonferenzen eine Stimme, egal ob es sich um das mächtige China oder den kleinen Inselstaat Tuvalu handelt. Das erzeugt Druck: Kein Land will an den Pranger gestellt werden. Denn auch wenn das lange Ringen um einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen frustrieren mag: Schon heute werden weltweit erneuerbare Energien ausgebaut.

    Österreich kommt heuer als EU-Ratsvorsitzendem eine besondere Rolle zu. Helmut Hojesky aus dem Umweltministerium ist Leiter der österreichischen Beamten delegation. Er ist bereits seit der ersten Vertragsparteienkonferenz in Berlin 1995 involviert: Seither habe sich das Instrumen tarium des internationalen Klimaschutzes entscheidend weiterentwickelt, sagte er dem STANDARD: "Durch die Teilnahme fast aller Staaten dieser Welt haben die Entscheidungen globale Bedeutung." Zudem sei die Vertragsparteienkonferenz auch ein Kontrollorgan der Umsetzung.

    •  1,5 oder zwei Grad Celsius: Ein halbes Grad kann doch nicht so viel ausmachen.

    Schon kleine Veränderungen der Temperatur und der Niederschläge können die Ausbreitung von Krankheiten, die durch Insekten übertragen werden – wie zum Beispiel Denguefieber –, begünstigen. Für die Umwelt bedeute ein halbes Grad plus zum Beispiel, dass die Wasserressourcen in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens um rund 20 Prozent schrumpfen würden, fand das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung heraus. Der Anstieg des Meeresspiegels wäre zehn Zentimeter höher. In Zentralamerika und Westafrika würde es bei Mais und Weizen doppelt so viele Ernteausfälle geben.

    •  Die EU ist sowieso vorbildlich beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

    Der Bericht des Weltklimarats zeigt, dass die Pariser Ziele nur erreicht werden können, wenn die Nutzung der 170 europäischen Kohlekraftwerke bis 2030 um zwei Drittel reduziert wird. Trotzdem werden, etwa in Polen, neue Kohlekraftwerke errichtet. Das ist nicht zuletzt durch die EU-Kohlestromsubventionen möglich.

    Über die Zukunft des EU-Strommarktdesigns wird gerade unter der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft in Brüssel beraten. Staatliche Zuschüsse für Kohlestrom könnten untersagt werden. Roland Jöbstl vom NGO-Dachverband European Environmental Bureau kritisierte die österreichische Haltung: "Österreich agiert ambitionslos. Das könnte zu einer Verlängerung der Kohlestromsubventionen bis 2035 führen."

    Aus dem Umweltministerium heißt es, Österreich wisse, dass es sich beim Kohleausstieg für manche Staaten um ein heikles Them handle. Als Vorsitz könne man diese Positionen nicht ignorieren, auch wenn es nicht die eigenen seien. In Österreich gibt es noch zwei Kohlekraftwerke. Mellach soll 2020, Dürnrohr 2025 abgeschaltet werden.

    •  Klimaschutz schadet der Wirtschaft.

    Emissionen zu reduzieren bedeute, dass Wirtschaftsleistung verlorengeht – so zumindest die Annahme zahlreicher Kritiker. Tatsächlich hat aber gerade Europa in den vergangenen Jahrzehnten demonstriert, dass die Wirtschaft wachsen kann und gleichzeitig Emissionen reduziert werden, wie folgende Zahlen der Europäischen Kommission verdeutlichen: Zwischen 1990 und 2016 wurde der EU-Energieverbrauch um zwei Prozent reduziert, Treibhausgasemissionen um 22 Prozent. Gleichzeitig ist das gesamte Bruttoinlandsprodukt um 54 Prozent gewachsen. Im Bereich Klimaschutz wurden zudem zahlreiche neue Jobs geschaffen.

    •  Der Klimawandel betrifft mich persönlich nicht.

    Das stimmt so nicht. Auch wer vor den globalen Auswirkungen des Klimawandels die Augen verschließen will, wird hierzulande von den Folgen der Erderwärmung eingeholt. Österreich ist durch seine alpine Lage sogar eines jener Länder, das vom Klimawandel besonders stark betroffen ist. Ein Grund dafür sind schmelzende Gletscher, die früher Sonnenstrahlen zurückreflektieren. Die langen Wärmeperioden und extremen Hitzetage führen zu massiven Ernteeinbußen in der Landwirtschaft bis hin zu Totalausfällen. Extremwetterereignisse wie Stürme und Starkregen häufen sich und verursachen jährlich Schäden in Millionenhöhe. Auch Österreichs Tourismus ist betroffen: Die Skiindustrie gerät unter Druck, künstliche Beschneiung gehört mittlerweile zur Norm.

    •  Länder müssen vor ihrer eigenen Haustür kehren. So viel Geld in den Klimaschutz zu stecken ist absurd.

    Klimaschutzmaßnahmen kosten Geld – und nicht alle sind bereit, dieses lockerzumachen. Was dabei oft vergessen wird: Bereits jetzt verursacht der Klimawandel hohe Kosten für Staaten und Unternehmen. Experten gehen davon aus, dass sich die Kosten allein in Österreich bis 2050 auf 8,8 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen könnten.

    Zahlreiche Länder der Welt verfügen nicht über die finanziellen Ressourcen für adäquate Maßnahmen, um die Bevölkerung vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen – und benötigen Unterstützung. Häufig sind gerade jene Länder, die vergleichsweise wenig Emissionen erzeugen, besonders stark vom Klimawandel betroffen. Bereits in den vergangenen Jahren mussten Millionen Menschen aufgrund von Dürre oder Überschwemmungen ihre Heimat verlassen. Die Weltbank geht davon aus, dass die Zahl der Klimaflüchtlinge bis zum Jahr 2050 weltweit auf 140 Millionen ansteigen wird.

    •  Katastrophenszenarien für den Rückgang der Arten sind übertrieben.

    Nur ein Beispiel: Kinder, die heute geboren werden, gehören zur letzten Generation, die Korallen mit eigenen Augen sehen können. Das besagt der Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC). Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Korallen zerstört werden, bei 99 Prozent, wenn die Erderwärmung zwei Grad Celsius beträgt. Wird der aktuelle Kurs fortgesetzt, wird es bis zum Ende des Jahrhunderts sogar zu einer globalen Erwärmung von 3,2 Grad Celsius kommen. (Nora Laufer, Julia Schilly, 2.12.2018)

    • Die indische Insel Ghoramara im Ganges-Delta liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist sie schon zur Hälfte versunken.
      foto: rupak de chowdhuri

      Die indische Insel Ghoramara im Ganges-Delta liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist sie schon zur Hälfte versunken.

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