Bush senior: "War total überzeugt, dass wir das Richtige taten"

    Interview1. Dezember 2018, 19:57
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    2009 gab der am Freitag im Alter von 94 Jahren verstorbene US-Präsident George H. W. Bush dem STANDARD ein Interview

    STANDARD: Herr Präsident, bereits vor Ihrem Amtsantritt haben Sie über Jahre intensive Geheimdienstbriefings erhalten. Hätten Sie am 20. Jänner 1989 tatsächlich erwartet, dass die totalitäre Ära – so wie Sie in Ihrer Inaugurationsrede erklärten – in Osteuropa noch in diesem Jahr zu Ende geht?

    Bush: Als ich 1989 Präsident wurde, haben mich die Entwicklungen in Polen ermutigt. Meiner damaligen Einschätzung nach konnte auch in Deutschland etwas Bedeutendes passieren. Aber wir hatten keinen Anlass zur Annahme, dass binnen zwölf Monaten die Berliner Mauer obsolet und eine deutsche Wiedervereinigung zum Greifen nahe sein würde.

    STANDARD: Wann haben Sie erkannt, dass die Sowjetunion am Ende ist und der Kalte Krieg bald vorbei sein könnte?

    Bush: Unser bilateraler Gipfel in Malta im Dezember 1989 hat mich sicher gemacht, dass die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion über die quasi traditionellen Konflikte des Kalten Krieges hinaus kommen könnten. Dennoch habe ich nie angenommen, dass die Sowjetunion bis Dezember 1991, als das Konzept der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten aufkam, zu existieren aufhören könnte. Am Weihnachtsabend 1991 rief mich Präsident Michail Gorbatschow an und informierte mich, dass er aus dem Amt scheiden wird. Das war sicher einer der bemerkenswertesten Augenblicke in den vier Jahren meiner Präsidentschaft.

    STANDARD: Breschnew-Doktrin oder Sinatra-Doktrin, beschränkte Souveränität oder My-way-Formel für die sowjetischen Satellitenstaaten? Es war lange nicht klar, ob sich Gorbatschow im Kreml durchsetzen würde. Warum haben Sie ihm vertraut? Gab es Ihren Informationen nach irgendwann im Laufe des Jahres die unmittelbare Gefahr, dass die Sowjets mit Militärgewalt in Osteuropa eingreifen könnten?

    Bush: Seit ich Michail Gorbatschow das erste Mal traf, hatte ich den Eindruck, dass er ein aus anderem Holz geschnitzter sowjetischer Führer war – er war einnehmender, charismatischer und viel offener für die Ideen und Gedanken anderer. Als wir einander dann näher kennenlernten, sah ich, dass er ein wirklich guter Mensch war, der sein Bestes versuchte, um die Lebensqualität seiner Landsleute zu heben.

    STANDARD: Was ist für Sie das Foto, das das Ende des Kalten Krieges am Besten illustriert?

    Bush: Die Auswahl dieser Ikone überlasse ich anderen. Mein Treffen mit Präsident Gorbatschow 1990 in Helsinki, wo wir zusammenkamen, um gegen Saddam Husseins Invasion in Kuwait aufzutreten, markierte jedenfalls eine grundlegende Veränderung in geopolitischen Dingen. Hier waren zwei Supermächte und ehemalige Feinde zusammengekommen, um eine internationale Krise zu lösen, die von einem ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat ausgelöst wurde.

    STANDARD: Wie beurteilen Sie die Rolle Österreichs in dieser Zeit?

    Bush: Als der Geist aus der Flasche gelassen wurde, als den Ostdeutschen über Ungarn die Ausreise in die Freiheit endlich gewährt wurde, war Österreich da und hat dabei geholfen, eine Kette von Ereignissen in Gang zu setzen, die schließlich zum Fall der Berliner Mauer führte.

    STANDARD: Es gibt eine alte Auseinandersetzung zwischen zwei Positionen: einerseits der OSZE-Zugang und die Herausforderung der Sowjets auf dem Gebiet der Menschenrechte, andererseits das SDI-Star-Wars-Projekt und der durch das Wettrüsten ausgelöste ökonomische Stress in Moskau – was hat letztlich zur Implosion des Sowjet-Imperiums geführt?

    Bush: Mein lieber Freund Kanzler Helmut Kohl hat einem anderen lieben Freund, dem kanadischen Premierminister Brian Mulroney, vorausgesagt, dass der Kommunismus zusammenbrechen wird, sobald westdeutsches Fernsehen nach Ostdeutschland gesendet wird. Der Grund? Die Ostdeutschen konnten so selbst Abend für Abend die Lebensqualität der Menschen im Westen sehen – und deren Freiheit. Das hat unserer Sache mit Sicherheit geholfen.

    STANDARD: Wann hat Sie Kanzler Kohl das erste Mal angerufen, um sich über die Chancen zur deutschen Wiedervereinigung zu erkundigen? Wie oft hat Präsident François Mitterrand bei Ihnen dagegen protestiert? Sie selbst waren lange sehr vorsichtig in der Beurteilung der Ereignisse von 1989, erst nach dem Malta-Gipfel wurde die US-Politik aktiver. Warum?

    Bush: Für mich hat das Thema Wiedervereinigung im Februar 1990 bei einem Treffen in Camp David tatsächlich Gewicht bekommen, Kanzler Kohl und ich haben es dort in aller Ausführlichkeit diskutiert. Während andere, wie Präsident Mitterrand, weniger hoffnungsfroh über die Aussichten waren, Europa zu einigen, war ich total davon überzeugt, dass wir das Richtige taten, aus den richtigen Gründen und zum richtigen Zeitpunkt in der Geschichte.

    STANDARD:1990/1991 gab es eine kurze Phase nie gekannter Einigkeit in den Vereinten Nationen: Die USA und die Sowjetunion kooperierten, die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates waren sich über viele Themen einig. Der Golfkrieg fand unter UN-Zustimmung statt. Warum hat die internationale Staatengemeinschaft danach den Kooperationsfaden verloren?

    Bush: Der Golfkrieg hat die Aufmerksamkeit der Welt für einige Monate auf sich gezogen. Das Drama dieser Geschichte – und die Einigkeit, mit der die internationale Gemeinschaft gegen die unprovozierte Aggression Saddam Husseins auftrat – hat eine hoffnungsvolle neue Ära erkennen lassen. Seither hat die Staatengemeinschaft die Kooperation fortgesetzt und viel mehr zusammengearbeitet, als die meisten Menschen realisieren wollen. Und die Medien haben naturgemäß auf Bereiche abgestellt, wo es gelegentlich Debatten und verschiedene Auffassungen gab.

    STANDARD: Haben Sie immer noch Kontakt zu Gorbatschow? Was besprechen Sie gemeinsam?

    Bush: Ja, ich habe noch Kontakt mit meinem geschätzten Freund Michail. Er hat uns 2004 in Texas besucht und meinen 80. Geburtstag mit mir gefeiert. Und er hat mir sogar eine Flasche Wodka und Blumen geschenkt, als ich damals einen Fallschirmsprung gemacht habe. Michail hat uns auch in unserem Haus in Maine besucht, und ich ihn in Russland. Dieser Tage allerdings reden wir mehr über Familienangelegenheiten als über den Lauf der Welt.

    STANDARD: Was ist das wichtigste Erbe des Jahres 1989?

    Bush: Aus meiner Sicht, dass die Revolution in Mittel- und Osteuropa von Völkern mit dem großen Wunsch nach Freiheit getragen wurde und dass diese Revolution friedlich war. 1989 hätte es keine Wiederholung des Prager Frühlings gegeben. (Christoph Prantner, 1.5.2009)

    ZUR PERSON: George Herbert Walker Bush verstarb am 30. November 2018 im 95. Lebensjahr. Er war zwischen 1989 und 1993 der 41. Präsident der Vereinigten Staaten. Nach dem Militärdienst als Marineflieger und einem Studium in Yale arbeitete Bush im texanischen Ölgeschäft. 1966 stieg er als Abgeordneter für Houston im Repräsentantenhaus in die nationale Politik ein. In den 1970er-Jahren war er Vorsitzender der Republikanischen Partei, amerikanischer UN-Botschafter, Geschäftsträger der US-Vertretung in Rotchina und Direktor der CIA.

    1980 unterlag er bei den republikanischen Vorwahlen Ronald Reagan, der ihn als Vizepräsidenten engagierte. 1988 gewann er dann die Wahl überlegen gegen Michael Dukakis. Nach dem Golfkrieg war Bush auf dem Höhepunkt seiner Karriere, die Wahlen in einer Wirtschaftskrise verlor er gegen Bill Clinton dennoch. Mit seiner im April 2018 verstorbenen Ehefrau Barbara hatte Bush sechs Kinder, darunter George W. Bush, den 43. Präsidenten der USA. Das Interview wurde 2009 via E-Mail geführt.

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    • Der Beschluss, gemeinsam gegen Saddam Husseins Invasion in Kuwait vorzugehen, markierte für George Bush das Ende des Kalten Krieges.
      foto: ap / lawrence jackson

      Der Beschluss, gemeinsam gegen Saddam Husseins Invasion in Kuwait vorzugehen, markierte für George Bush das Ende des Kalten Krieges.

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