Mindestsicherung-Bezieher: "Auf Urlaub waren wir noch nie"

    Bericht1. Dezember 2018, 13:00
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    Familie D. lebt von dem, was derzeit als "das Mindeste" gilt. Davon künftig noch etwas abzuzwacken erscheint ihnen unmöglich

    Die Wände der Wohnung von Familie D. sind gepflastert mit Fotos. Sie zeugen davon, dass die Kinder im Mittelpunkt des Familienlebens stehen. Auf jedem einzelnen ist eines der fünf zu sehen. Die siebenköpfige Familie lebt mit Katze auf 100 Quadratmetern in der Wiener Donaustadt. Zwei Kinderzimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer: Das geht, irgendwie.

    Einen Tag vor Denise D.s 17. Geburtstag kam ihre erste Tochter zur Welt. Es war nicht geplant, aber gewünscht. "Ich habe nie daran gedacht, das Baby wegmachen zu lassen", sagt die heute 31-Jährige. Hermann, ihren Mann, hat sie während dieser Zeit kennengelernt. Seither ist ihre Familie alle paar Jahre gewachsen.

    Das Jahr der Familie D. ist streng durchgetaktet: Es gilt, Kindergeburtstage und den Schulbeginn unter einen Hut zu bringen. Auf Weihnachten bereiten sich Denise und Hermann seit September vor. Denn das Geld ist knapp. Seit 2010 hat Hermann nur mehr unregelmäßig Arbeit gefunden, derzeit bezieht er Notstandshilfe. Denise ist in Karenz. Die Differenz zur Mindestsicherung wird auf 2400 Euro aufgestockt.

    Zwischen 150 und 300 Euro pro Monat bleiben nach Abzug aller Rechnungen übrig. "Je nachdem, ob gerade eine Nachzahlung fällig war oder nicht", sagt Hermann. "Elternverein, Klassenkassa, Mittagessen, Schulausflug", zählt Denise auf. Das alles wird von dem, was noch übrigbleibt, bezahlt. Wird die Waschmaschine kaputt, "bleibt die Miete für diesen Monat liegen", sagt Hermann. Das sorge auch immer wieder für Streit zwischen ihnen. "Einfach, weil es die letzten eineinhalb Wochen im Monat extrem angespannt ist."

    "Sonst wird das übel"

    Kürzlich hat Denise über Facebook erfahren, dass sie in absehbarer Zeit den Gürtel noch enger schnallen sollen. In einer Gruppe wurde ein Artikel geteilt: Die Regierung habe sich in puncto Mindestsicherung geeinigt. Vor allem Familien mit vielen Kindern hätten massive Einschnitte zu befürchten. "Bitte, das darf nicht durchgehen", habe sie gedacht, "sonst wird das übel."

    Jetzt, drei Tage später, sitzen Denise und Hermann an ihrem Esstisch im Wohnzimmer und wissen nicht, was sie tun sollen. "Wenn das so kommt", sagt Hermann, "dann können wir uns die Kugel geben." Inwiefern Wien die Pläne noch abfedern kann oder will, ist noch offen.

    Ein großes Problem ist, dass alles Geld, das reinkommt, von den Schulden aufgefressen wird. Von wo die herkommen? Hermann wirkt zerknirscht. "Schwarzfahren, solche Dinge", sagt er. Und einmal haben sie Einrichtungssachen online bestellt, auf Rechnung. In ihrer alten Wohnung – Erdgeschoß, ohne Heizung – wucherte der Schimmel. Möbel, Kleidung, alles. Es ist ein Teufelskreis, dem schwer zu entkommen ist. 35.000 Euro muss Familie D. tilgen.

    Vor ein paar Jahren mussten sich Denise und Hermann durch eine schwierige Zeit kämpfen. Denise litt unter Depressionen, verlor ein Kind. Es gab Streit mit den Eltern, hinzu kam die schwierige finanzielle Situation. "Für die Kinder" habe sie das irgendwie durchgestanden.

    Drei Bewerbungen pro Woche

    "Urassn", sagt Denise, das gebe es bei ihren Kindern nicht. Nicht immer, wenn eines ins Kino gehen möchte, geht sich das auch finanziell aus. Für Hermann und Denise selbst bleibt nichts übrig.

    Auf die Frage, wann sie das letzte Mal auf Urlaub gewesen seien, müssen beide lachen. Nicht aus Verbitterung, sondern weil ihnen diese Frage absurd erscheint. "Noch nie", sagt Hermann. "Vor zehn Jahren waren wir einmal in der Therme Wien", sagt Denise zu ihrem Mann. "Kannst du dich erinnern?" Sie seien selbst nicht im Reichtum aufgewachsen, sagt Hermann. "Uns geht nichts ab."

    Dass Kanzler Sebastian Kurz den Abstand zwischen jenen, die arbeiten, und jenen, die Mindestsicherung beziehen, vergrößern will, wie er sagt – das können beide verstehen. "Aber warum erhöht man dann nicht die Löhne?", fragt Denise. Sie wisse außerdem, wie unwürdig das sei, für wenig Geld zu arbeiten, und erzählt von einem Job, in dem sie 35 Stunden arbeitete und 400 Euro kassierte – wohlwissend, dass nicht alles mit rechten Dingen zuging.

    Mindestens drei Bewerbungen schreibt Hermann jede Woche. Das will das AMS so – und auch er selbst. Seine Malerlehre hat er abgebrochen, später eine Ausbildung zum Lagerlogistiker gemacht. Arbeiten würde er aber überall. Wenn ihn jemand einstellen würde. (Vanessa Gaigg, 1.12.2018)

    • Den Gürtel noch enger schnallen –das ist für Familie D. unvorstellbar.
      foto: apa / georg hochmuth

      Den Gürtel noch enger schnallen –das ist für Familie D. unvorstellbar.

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