Aus der Krise in den dritten Weltkrieg

    Kolumne26. Dezember 2018, 14:27
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    Das Risiko, dass es zu einer weiteren Wirtschaftskrise kommt, ist hoch. Doch die Folgen könnten weit drastischer sein als bei der vorigen

    Die nächste Wirtschaftskrise ist näher, als man denkt. Worüber man sich jedoch wirklich Sorgen machen sollte, ist das, was darauf folgt: In der aktuellen gesellschaftlichen, politischen und technologischen Landschaft könnte eine sich hinziehende Wirtschaftskrise im Verbund mit steigender Einkommensungleichheit durchaus zu einem weltweiten militärischen Großkonflikt eskalieren.

    Die globale Finanzkrise von 2008/09 hätte beinahe zu Staatsbankrotten und einem Systemzusammenbruch geführt. Die politischen Entscheidungsträger schafften es, die Weltwirtschaft vom Abgrund zurückzureißen; sie setzten dazu enorme geldpolitische Konjunkturimpulse, darunter die quantitative Lockerung und in Nullnähe liegende (oder sogar negative) Zinssätze.

    Doch geldpolitische Impulse sind wie eine Adrenalinspritze, um ein aussetzendes Herz wieder in Gang zu bringen: Sie kann den Patienten wiederbeleben, aber sie tut nichts, um seine Krankheit zu heilen. Die Behandlung einer kranken Volkswirtschaft erfordert Strukturreformen, die von Finanz- und Arbeitsmarktreformen bis hin zu den Steuersystemen, Geburtenmustern und zur Bildungspolitik reichen können.

    Das haben Politiker völlig versäumt, obwohl sie Strukturreformen versprochen haben. Stattdessen geben sie sich politischen Machtspielen hin.

    Der Mangel an Strukturreformen hatte zur Folge, dass der beispiellose Liquiditätsüberschuss, den die Notenbanken geschaffen haben, nicht auf besonders effiziente Weise genutzt wurde. Stattdessen trieb er die weltweiten Vermögenspreise in Höhen, die noch über denen vor 2008 liegen.

    Weitreichende Folgen

    Wenn die Straffung der Geldpolitik die Schwächen in der Realwirtschaft aufzeigt, wird das Platzen der Vermögenspreisblasen eine neuerliche Wirtschaftskrise auslösen, die sogar noch schwerer ausfallen könnte als die letzte, weil wir inzwischen eine Toleranz gegen unsere stärksten makroökonomischen Medikamente entwickelt haben. Ein Jahrzehnt regelmäßiger Adrenalinspritzen in Gestalt ultraniedriger Zinsen und einer unkonventionellen Geldpolitik hat deren Fähigkeit zur Stabilisierung und Ankurbelung der Konjunktur stark verringert.

    Wenn die Geschichte ein Maßstab ist, könnten die Folgen dieses Fehlers weit über die Wirtschaft hinausreichen. Laut Benjamin Friedman (Universität Harvard) waren lange Phasen wirtschaftlicher Not zugleich durch eine öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber Minderheiten oder dem Ausland gekennzeichnet – Einstellungen, die Unruhen, Terrorismus oder Krieg fördern können.

    So unterzeichnete etwa US-Präsident Herbert Hoover 1930 während der Großen Depression das Smoot-Hawley-Zollgesetz, das darauf zielte, Amerikas Arbeiter und Landwirte vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. In den folgenden fünf Jahren ging der Welthandel um zwei Drittel zurück.

    Innerhalb eines Jahrzehnts hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Natürlich wurde dieser, genau wie der Erste Weltkrieg, durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht. Doch es gibt Grund zur Annahme, dass ein hohes Maß an Ungleichheit eine große Rolle dabei spielen kann, Konflikte zu schüren.

    Laut einer Studie des Ökonomen Thomas Piketty folgt auf einen steilen Ausschlag der Ungleichheit häufig eine große Krise. Die Einkommensungleichheit nimmt dann für eine Weile ab, bevor sie auf einen neuen Höchstwert ansteigt und eine neue Katastrophe eintritt. Auch wenn ob der geringen Zahl an Datenpunkten damit noch keine Kausalität belegt ist, sollte man diese Korrelation, insbesondere angesichts historischer Höchststände bei der Vermögens- und Einkommensungleichheit, nicht auf die leichte Schulter nehmen.

    All dies ist umso besorgniserregender angesichts der vielen anderen Faktoren, die gesellschaftliche Unruhen und diplomatische Spannungen schüren, darunter die technologische Destabilisierung, eine Rekorde brechende Migrationskrise, die Angst vor der Globalisierung, die politische Polarisierung und der zunehmende Nationalismus. Alle sind Symptome einer gescheiterten Politik, die sich als Auslöser einer künftigen Krise erweisen könnten.

    Schlecht durchdachte Lösungen

    Die Wähler haben gute Gründe, frustriert zu sein, doch die gefühlsmäßig attraktiven Populisten, denen sie zunehmend ihre Unterstützung schenken, bieten schlecht durchdachte Lösungen, die die Lage nur noch verschlimmern werden. So wird trotz der nie da gewesenen Vernetzung der Welt der Multilateralismus zunehmend abgelehnt, und Länder – insbesondere Donald Trumps USA – verfolgen eine unilaterale, isolationistische Politik.

    Vor diesem Hintergrund muss man die Möglichkeit ernst nehmen, dass die nächste Wirtschaftskrise zu einer militärischen Konfrontation großen Maßstabs führen könnte. Folgt man der Argumentation des Politikwissenschafters Samuel Huntington, könnte die Auseinandersetzung mit einem derartigen Szenario uns helfen, dieses zu vermeiden, weil sie uns zwingen würde, aktiv zu werden.

    In diesem Fall wird der Schlüssel sein, dass die Politiker jene Strukturreformen verfolgen, die sie schon so lange versprochen haben, und zugleich Schuldzuweisungen und Feindseligkeit durch einen vernünftigen und respektvollen globalen Dialog ersetzen. Die Alternative könnte ein globaler Flächenbrand sein. (Qian Liu, Portfolio, 2018)

    Qian Liu ist Ökonomin und vertritt The Economist Group in China. Liu promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Uppsala in Schweden und verbrachte ein Jahr als Gastforscherin an der University of California in Berkeley. Sie ist regelmäßige Kommentatorin in Medien wie BBC, CNN oder CBS. Ihr Kommentar ist auf der Plattform Project Syndicate erschienen. Übersetzt wurde der Text von Jan Doolan.

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