Aus dem Alltag eines Übersetzers: Im Keller von Canettis Nichte

    Essay1. Dezember 2018, 14:00
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    "Lost in translation" bzw. "lost in edition": der Germanist Kristian Wachinger aus der Alltagspraxis eines Übersetzers und Lektors

    "Ungekürzte Ausgabe" war lange ein Gütesiegel. Hinter dem anderen – vermeintlichen – Gütesiegel "Autorisierte Übersetzung" freilich verbarg sich oft, dass der Übersetzer sich das Recht zu Freiheiten beim Autor geholt hat. Und das kann ja höchst sinnvoll sein, denn wer liest einen Text schon so genau wie der Übersetzer, der ja, um es hinschreiben zu können, erst einmal verstehen muss, was dasteht.

    Von Elias Canetti stammt die Behauptung: "Am Übersetzen ist nur interessant, was verlorengeht; um dieses zu finden, sollte man manchmal übersetzen." Er schrieb das 1947 mitten in der Phase seiner anthropologischen Lektüren zu Masse und Macht und ein Jahr nach intensiver gemeinsamer Arbeit mit Veronica Wedgwood an der Übersetzung seines Romans Die Blendung ins Englische.

    Canetti war mehrsprachig aufgewachsen, hatte erst ab dem Schulalter Deutsch gelernt, und ist auch im englischen Exil als Schriftsteller immer der deutschen Sprache treu geblieben – es ist wohl nicht verwunderlich, dass er angesichts seines mühelosen Umgangs mit mehreren Sprachen insgesamt nicht viel von der Zunft der Übersetzer hielt: Während der Denker die Leere der Wüste um sich habe, bewege sich der Übersetzer in einer Parklandschaft, und es sei ihm "die Kraft des Durchschauens ... versagt". Das Bild vom Park ohne Dornen und Brennnesseln, durch den man trockenen Fußes lustwandelt, mag für meisterhafte und für makellose Texte gelten, die Praxis beim Übersetzen ist voller Umwege und Fußangeln. Ich bin ja genötigt, den Text zu durchschauen (und merke spätestens dann, ob da schon mal ein Lektor dran war). Um hinschreiben zu können, was dasteht, muss ich es erst einmal verstehen. Und natürlich stoße ich dabei auf die – gern in eleganter Rhetorik versteckten – Schwachstellen des Textes.

    Nicht nur auf den Zeitgenossen wird gern herumgehackt, sondern auch – im Fall von sogenannten Neuübersetzungen – auf den Vorgängern. Ich plädiere da für Mäßigung, denn Bücher aus anderen Literaturen erlangen ihre Popularität bei uns ja stets durch Übersetzungen. Warum aber gibt es zu einem Roman aus dem 19. Jahrhundert 22 Übersetzungen? Nun: je populärer ein Buch, desto mehr Übersetzungen gibt es davon. Unser Sprachgefühl wandelt sich, unser Blick auf Stoffe wandelt sich. Und schließlich: Nothing succeeds like success. Wer das Glück hat, mit der Neuübersetzung eines Klassikers beauftragt zu werden, hat das Pech, dass er zu den Vorgängern irgendwie Stellung beziehen muss; schon den Auftrag selbst verdankt er ja ihnen. Er ist am besten beraten, keinen davon zur Kenntnis zu nehmen, seine Lektüre aufs Original zu beschränken und niederzuschreiben, was er dabei im Ohr hat. Erst am Schluss der Arbeit wird er sich mit einiger Spannung zumindest die ernsthafteren unter den Vorgängern ansehen, vorrangig natürlich an den Stellen, wo er selber ratlos war. Er wird vielleicht ein paar Lösungen übernehmen – ganz im Sinne eines wissenschaftlichen Vorgehens, das die Erkenntnisse anderer gar nicht ignorieren darf.

    Respekt vor dem Text

    Nachgelassene, bis dahin unveröffentlichte Texte haben eine klare Autorschaft, und dass sie niedergeschrieben und erhalten sind, zeugt auch von Mitteilungsbedürfnis – aber es gibt keinen klaren Autorwillen, in welchem Umfang sie publiziert werden sollen. Was für ein sorgfältiges Lektorat gilt, gilt hier einerseits ganz besonders, andererseits folgt es anderen Regeln. In einer Edition kann auch mal zu viel des Guten getan werden. Natürlich muss auch ein Editor nicht jeden Schreibfehler postum fortsetzen. Aber zurechtbiegen nach seinem Erfahrungshorizont darf er den Text nicht. Manchmal sind es Kleinigkeiten: In einem frühen Brief bezeichnet Canetti die gerade aufkommende Lehre Sigmund Freuds als "Psycho-Analyse" – mit Bindestrich, schwebend zwischen Fremdeln mit dem neuen Wort und wohl auch schon Ekel vor der "neumodischen" Sache. Vereinheitlichte ich zu "Psychoanalyse" (so schreibt Canetti vierzig Jahre später auch selber), so wären Fremdeln und Ekel "lost in edition".

    Meine "Canetti-Geschichte" fing damit an, dass ich nach dem Tod seines Lektors Fritz Arnold im Hanser-Verlag die Zuständigkeit für Canetti bekam, und es passte zu meiner Rolle im Haus, dass Canetti schon in den Sechzigerjahren, als Arnolds Vorgänger ihm die Jean-Paul-Ausgabe geschenkt hatte, sich "bei dem blasphemischen Wunsch ertappt [hatte], in hundert Jahren ein Hanser-Klassiker zu werden". Ab 2000 also begann ich, Canetti zu lesen, Gedrucktes und Ungedrucktes, soweit verfügbar, und entdeckte bald seine bemerkenswerten autobiografischen Kapitel zu den Jahren in England. 2003 konnte das behutsam in eine Reihenfolge gebrachte Material als Buch unter dem Titel Party im Blitz erscheinen.

    Mehr als 10.000 Computerseiten

    Im Jahr 2003 durfte ich in den Keller von Canettis Nichte in Paris steigen: Dort befand sich der Nachlass ihres Vaters und des dritten Canetti-Bruders, Georges. Diese Finde-Geschichte habe ich oft erzählt, so etwas passiert einem wohl nur einmal im Leben. Aus einem riesigen Überseekoffer, der von unten kräftig Wasser gezogen hatte, kamen Blatt für Blatt, Bündel für Bündel Canetti-Briefe zum Vorschein. In der Sommerluft des 14. Juli breitete ich sie auf den Fensterbänken zum Trocknen aus, und dann durfte ich mir kopieren, was immer ich wollte. Ich glaubte zu träumen. Um es kurz zu machen: Nach aufwendiger Entzifferungs-, Ordnungs- und Kommentierungsarbeit konnte drei Jahre danach der über vierhundertseitige Band mit den Briefen an Georges von Veza und Elias Canetti erscheinen – ein hochliterarischer Briefroman, aus echten Briefen. Es folgten verschiedene weitere Nachlass-Editionen, am gewichtigsten zweifellos Das Buch gegen den Tod 2014 und dieses Jahr der große Briefband Ich erwarte von Ihnen viel.

    Während all der Jahre seither hat Johanna Canetti sämtliche nachgelassenen Papiere ihres Vaters gelesen und transkribiert, soweit nötig von Steno-Fachleuten transkribieren lassen. Es liegen mehr als 10.000 Computerseiten vor, und wo man reinschaut, liest man sich fest. Außer wichtigen Seitenstücken zu den einzelnen Werken gibt es Komplexe, die noch gar nicht gedruckt sind, so etwa kleine Prosa und Gedichte, aber auch ein Opernlibretto, und vor allem das riesige Aufzeichnungen-Werk, das es an Bedeutung mit Lichtenbergs Sudelbüchern aufnehmen kann. 2017 hat Johanna Canetti mit der Juristin Karen Schobloch und mir die Canetti-Stiftung ins Leben gerufen, die die editorische Hebung dieses Schatzes auf eine realistische Basis stellt, d. h. eine historisch-kritische Ausgabe im Wissenschafts- und im Literaturbetrieb gleichermaßen verankern soll. (Kristian Wachinger, 1.12.2018)

    Kristian Wachinger, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und war verantwortlicher Lektor der Hanser-Klassiker (1984-2015). Zuletzt erschien von ihm, gem. mit Sven Hanuschek (Hg.), "Elias Canetti: Ich erwarte von Ihnen viel. Briefe" (Hanser, München 2018).

    Seit 2017 ist Wachinger Stiftungsrat der Canetti-Stiftung Zürich, er ist derzeit IFK_Translator in Residence in Wien. Sein Vortrag "Hinschreiben, was dasteht" findet am 3. 12., 18 Uhr, am IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien, statt

    www.ifk.ac.at

    • Elias Canetti sagte, "der Übersetzer bewegt sich in einer Parklandschaft".
      elias canetti erben

      Elias Canetti sagte, "der Übersetzer bewegt sich in einer Parklandschaft".

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