Künstler und Prekariat: "Die Selbstausbeutung nimmt zu"

    Interview30. November 2018, 06:21
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    Die soziale Lage vieler Kunstschaffender ist prekär. Zwei Interessenvertreterinnen erklären, warum das so ist

    Fünftausend Euro. Diese Zahl hat sich bei vielen eingeprägt. So viel beträgt das durchschnittliche Nettoeinkommen von Kunstschaffenden aus ihren künstlerischen Tätigkeiten. Pro Jahr. Das ergab eine Studie, die vor rund zehn Tagen von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) veröffentlicht wurde. Bereits 2008 gab es eine Studie zur sozialen Lage von Künstlern. Die relevanten Zahlen waren damals ähnlich.

    Im Interview sprechen Maria Anna Kollmann, Vorsitzende des Kulturrats und Geschäftsführerin des Dachverbands der Filmschaffenden, und Yvonne Gimpel, Leiterin der IG Kultur, über die Situation der Kunstschaffenden, Abhängigkeiten von Galerien und eine zunehmenden Prekarisierung im Kulturbereich.

    foto: kollmann/haiden
    Maria A. Kollmann, Kulturrat (li.), und Yvonne Gimpel, IG Kultur.

    STANDARD: Das durchschnittliche Nettoeinkommen von Kunstschaffenden beträgt ähnlich viel wie das Nettoeinkommen anderer Berufsgruppen, bei selbstständigen sind es 11.400 Euro, bei unselbstständigen 19.500. Warum die Aufregung?

    Kollmann: Der Punkt ist, dass Kunstschaffende als Kunstschaffende arbeiten wollen. Aus der Studie geht hervor, dass praktisch alle neben ihrer Kunst kunstnahe bzw. kunstferne Tätigkeiten ausüben. Letzteres ist im Vergleich zur letzten Studie sogar noch gestiegen. Die meisten würden aber gern ausschließlich künstlerisch tätig sein. Das können sie aber nicht, sie müssen ihre Existenz sichern. Viele Kameraleute arbeiten etwa daneben als Fotografen.

    STANDARD: Dabei ist das Durchschnittseinkommen im Filmbereich mit 10.000 Euro überdurchschnittlich hoch.

    Kollmann: Stimmt. Aber wenn man die Chance hat, nur alle fünf bis sechs Jahre einen Film zu machen, bedeutet das, dass man dazwischen Phasen hat, in denen man mit sehr wenig Geld auskommen muss.

    STANDARD: Besonders prekär ist die Lage bei bildenden Künstlern. Hier liegt das Durchschnittseinkommen bei 3600 Euro. Warum?

    Kollmann: Sie stehen oft in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Galerien. Man zahlt, dass man in einer Galerie ausstellen kann. Hier verbessert sich auch kaum etwas, die Diskrepanz zwischen einzelnen sehr gut verdienenden Künstlern und der darbenden Masse ist groß.

    STANDARD: Muss man sich nicht eingestehen, dass nur ein geringer Prozentsatz von Künstlern von ihrer Tätigkeit je leben können wird? Werden falsche Erwartungen geschürt?

    Gimpel: Nein. Unter Kunstschaffenden kann man beobachten, was auch gesamtgesellschaftlich zu sehen ist: Es findet eine immer stärkere Prekarisierung statt. Jeder Dritte ist bereits atypisch beschäftigt. Leider haben Kunstschaffende eine traurige Vorreiterrolle. Über 40 Prozent sind nicht durchgehend sozialversichert. Da zu kommt die Frage: Was passiert im Alter?

    STANDARD: Mit dem Künstlersozialversicherungsfonds (KSVF), der 2001 eingeführt wurde, sollten diese Probleme doch gelöst worden sein.

    Kollmann: Der Zugang zum Künstlersozialversicherungsfonds wurde zuletzt 2015 wesentlich erleichtert, und seither gibt es auch einen Unterstützungsfonds für soziale Notlagen. Da wurden u. a. Lösungsvorschläge des Kulturrats aufgegriffen. Wir haben aber in vielen Bereichen Mehrfachversicherungen. Ich muss neben meiner künstlerischen Tätigkeit unselbstständig arbeiten, scheitere aber oft an den Einkommensgrenzen beim KSVF.

    STANDARD: Es gibt ein breites Förderwesen. Kommen die Förderungen bei den Künstlern nicht an?

    Gimpel: Es gab in den vergangenen Jahren zwar eine Erhöhung des Kulturbudgets in absoluten Zahlen, wenn man die Inflation aber miteinbezieht, dann gibt es verglichen mit 2008 über 100 Millionen Euro weniger Fördermittel. Dadurch, dass viele Mittel für öffentliche Kultureinrichtungen gebunden sind, sind es die Förderungen für freie Kultureinrichtungen und Kunstschaffende, die weniger oder gestrichen werden. Zudem sind die Förderungen oftmals intransparent.

    STANDARD: Immerhin werden vom Bund 45 Prozent der Anträge gefördert, auf Landesebene sind es sogar 55 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Förderung bekommt, ist also ziemlich hoch.

    Gimpel: Die Frage ist doch, wie viele Mittel beantragt und wie viele bewilligt wurden. Wir wissen aus der Förderpraxis, dass ja stets weniger bewilligt als beantragt wird.

    STANDARD: Das weiß jeder und beantragt schon gleich um 20 Prozent mehr. Warum gibt es bei Anträgen kaum Kostenwahrheiten?

    Kollmann: Weil sich die Kunstschaffenden keine Chancen ausrechnen, wenn sie die korrekten Summen hineinschreiben. Also tun sie es nicht. Es darf den öffentlichen Stellen nicht egal sein, wie die Arbeitsbedingungen bei den Projekten, die sie fördern, aussehen. Viele kalkulieren Personalkosten unter Wert. Wir müssen Mindeststandards für die Entlohnung künstlerischer Arbeit festsetzen. Die Tendenz zur Selbstausbeutung nimmt zu.

    STANDARD: Die Studie streicht die Bemühungen der letzten Regierung hervor, die Lage von Künstlern zu verbessern. Warum hat sich trotzdem so wenig verbessert?

    Kollmann: Wir hatten 42 Monate interministerieller Arbeitsgruppen, für die wir ganze Pakete an Unterlagen produziert haben. Die Probleme wurden erkannt, Lösungsvorschläge erarbeitet, nur wurde kaum etwas umgesetzt.

    STANDARD: Sie sind jetzt in einer ähnlichen Situation wie 2008?

    Kollmann: So ist es. Die letzten Gespräche waren 2014 und sind im Sand verlaufen. Jetzt muss man über die neuen Ergebnisse eine neue Debatte entfachen und mit der Regierung abklären, wo es Lösungsmöglichkeiten gibt. Es gibt bisher aber keinen Dialog. Wir haben keine Antwort auf unsere Gesprächsanfragen bekommen. (Stephan Hilpold, 30.11.2018)

    Maria Anna Kollmann ist Vorsitzende des Kulturrats und Geschäftsführerin des Dachverbands der Filmschaffenden.

    Yvonne Gimpel leitet die IG Kultur.

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